Der 25-jährige Angeklagte (von links) mit seinem Anwalt Mehmet Ali Can aus Stuttgart, der zweite Angeklagte mit seinem Anwalt M
Der 25-jährige Angeklagte (von links) mit seinem Anwalt Mehmet Ali Can aus Stuttgart, der zweite Angeklagte mit seinem Anwalt Mark Stöhr aus Villingen-Schwenningen. (Foto: icks)

Psychiatrische Gutachten und letzte Zeugenaussagen im Prozess gegen zwei Angeklagte, die vergangenes Jahr in nur einer Nacht für Schrecken in mehreren Orten des Landkreises gesorgt haben, haben nun angestanden. Die 20 beziehungsweise 24 Jahre alten Männer müssen sich vor der Ersten Großen Jugendkammer am Landgericht Rottweil verantworten. Der Sachverständige verglich die beiden Männer mit den „apokalyptischen Reitern“.

Über die Verhaftungen Ende Juli 2019 berichtete ein Tuttlinger Kriminalkommissar: „Einen haben wir in einem Rapsfeld beim Hohenkarpfen festgenommen. Der andere war erst mal weg.“ Selbst der Einsatz eines Helikopters brachte keinen Erfolg. So mussten verschiedene andere Methoden angewandt werden, bis später auch beim Jüngeren die Handschellen klickten.

Anhand von Videos, Fotos und einer digitalen Straßenkarte zeigte der Beamte die zahlreichen Taten in jener Nacht auf. Auch Vorfälle, die von der Staatsanwaltschaft gar nicht in die sowieso schon umfangreiche Anklage eingefügt wurden. So zum Beispiel der Wurf einer vollen 0,65-Liter-Flasche „Desperados“ durch ein beleuchtetes Fenster in einem Wohnhaus in Talheim und verschiedene Sachbeschädigungen. Dann die Körperverletzungen und gefährlichen Eingriffe in den Straßenverkehr auf dem Weg über Durchhausen und Seitingen-Oberflacht bis Gunningen. Im Fluchtfahrzeug fanden die Ermittler einige der gestohlenen und geraubten Gegenstände: vier Kfz-Kennzeichen, zwei Handys und die Geldbörse des 16-jährigen Geschädigten.

Während der ältere der beiden, ein in Rottweil geborener Türke, sich nach der Verhaftung ruhig verhalten hatte, provozierte der Jüngere, geboren in Villingen-Schwenningen und mit zwei Nationalitäten, die Beteiligten. Auch machte er vor dem Gefängnis Rottweil lautstark die Teilnehmer einer Stadtführung auf sich aufmerksam.

Am vierten Verhandlungstag kamen auch die beiden Bewährungshelferinnen zu Wort: Der 20-Jährige, ein „sehr freundlicher junger Mann“, hatte gerade mal drei von 15 vereinbarten Terminen wahrgenommen. „Er kommt, wenn er Zeit und Lust hat“, so die Bewährungshelferin. Dann habe er von seinen Plänen, zum Bund zu gehen, gesprochen und seine Prinzipien verdeutlicht. Zu denen auch Selbstjustiz gehöre. Über die Haftentlassung im Frühjahr 2019 war seine Bewährungshelferin nicht informiert worden.

Schon seit sechs Jahren ist der ältere der Angeklagten seiner Bewährungshelferin bekannt. Im Vergleich zum Beginn, der „chaotisch“ war, sei über die spätere Phase „sehr viel Gutes“ zu berichten. „Er ist ein ganz anderer Mensch als früher“, meinte die Zeugin. „Entsetzt“ sei sie über seine Beziehung zur Herkunftsfamilie gewesen. Bei einem Besuch habe sie die Stimmung als „schneidend“ empfunden. Als sie von der Lebenspartnerin des 24-Jährigen im Sommer von den erneuten Anklagen erfahren habe, sei sie „aus allen Wolken gefallen“, erinnerte sich die Bewährungshelferin. „Das hat mich umgefetzt.“ Wo er doch kurz vorher so stolz mit seinem neugeborenen Sohn bei ihr gewesen sei.

Der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Geiger verlas die sechs Voreintragungen des 24-Jährigen im Bundeszentralregister. Schon 2014 war er unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer siebenmonatigen Jugendstrafe verurteilt worden – ausgesetzt zur Bewährung. Wegen Beleidigung kam ein weiterer Monat hinzu. Die Strafe wurde auf 20 Monate erhöht, nachdem es 2015 weitere Taten gegeben hatte. Die Stadt Rottweil hatte ein Betretungsverbot für die Innenstadt verhängt, welche der junge Mann „mit dem sehr problematischen Freundeskreis“ aber missachtete. Den Bewährungsauflagen habe sich der Angeklagte, der auch beruflich keine Fortschritte machte, „bewusst entzogen“. Er sei schlichtweg abgetaucht, heißt es in dem Text. Die Bewährung wurde gekippt, Jugendhaft erfolgte. Auch dort führte sich der „geltungsbedürftige“ Häftling nicht gesetzeskonform. 2018 dagegen wurde er nur wegen mehrfachen Fahrens ohne Fahrerlaubnis zu Geldstrafen verurteilt.

Auch die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe wurde um ihre Einschätzung gebeten: Sollte der mit 20 Jahren Heranwachsende nach Jugend- oder nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden? „Potential hat er sicherlich, Ehre und Stolz sind ihm wichtig“, meinte die Fachfrau und verwies auf die „schwierigen Zeiten in der Kindheit“. Sie sah „Reifeverzögerungen“ und regte „Jugendstrafe“ an.

Dem widersprach der psychiatrische Gutachter vehement und nannte Argumente für die Reife des 20-Jährigen. Die Nachfragen der Prozessbeteiligten eingerechnet, dauerte die Präsentation der Gutachten 140 Minuten. Beide Angeklagten seien voll schuldfähig, konstatierte der Sachverständige. „Einsichts- und Steuerungsfähigkeit waren da“. Er sprach von einer „unseligen Interaktion der beiden“, die in jener Julinacht „auf Tod und Teufel, ohne Rücksicht“ durch die Gegend gefahren seien. „Das hätte jeden treffen können“, sagte der Gutachter zu den Prozessbeteiligten.

Die Motivsuche habe ihn lange beschäftigt, die „repetitive Vorgehensweise mit den sechs neuen Tatentschlüssen“ sei ungewöhnlich gewesen. Auf die angegebene strafmildernde Alkoholisierung hätten sich keine Hinweise ergeben. Wären wirklich alle die Desperados-Flaschen getrunken worden, käme der 24-Jährige bei der ersten Tat auf maximal 1,6 Promille. Nicht ganz glaube der Gutachter den Erklärungen, dass der 20-Jährige abstinent lebe. In der Shisha-Bar würde man „ja nicht nur Bachblüten“ inhalieren. Erstaunt äußerte sich der Fachmann über die gegenseitigen Einschätzungen der Angeklagten: Der jüngere nannte den anderen „warmherzig“, der ältere seinen Kumpel gar „herzensgut“. „Und jetzt gucken Sie sich mal die Taten an!“ forderte der erfahrene Sachverständige.

Die Plädoyers der Staatsanwaltschaft, der zwei Verteidiger und den zwei Nebenklage-Anwälten sind für Freitag, 27. März, 9 Uhr, terminiert. Unsicher ist, ob auch die Urteile an dem Tag verkündet werden.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen