Agiles Arbeiten geht schneller, aber stressfreier

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 Ulla-Britt Voigt bei ihrem Vortrag in der Stadtbücherei Trossingen.
Ulla-Britt Voigt bei ihrem Vortrag in der Stadtbücherei Trossingen. (Foto: RALF PFRUENDER)
Redaktionsleiterin
Sabine Felker

Die Arbeitswelt verändert sich in großen Teilen rasant. Mit neuen Arbeitsmethoden wollen sich Betriebe und Mitarbeiter darauf einstellen. Redakteurin Sabine Felker hat sich mit Ulla-Britt Voigt vom Regionalbüro für berufliche Fortbildung Schwarzwald-Baar-Heuberg über agiles Arbeiten, Legosteine, sportliches Arbeiten und sogenannte Scrum-Master unterhalten.

Kürzlich fand Ihr Workshop „Anders Arbeiten: Agil!“ in der Trossinger Stadtbücherei statt. Das klingt eher nach Sport, als nach Bürojob. Was verbirgt sich hinter dieser Idee?

Agil steht für lebendig und lebhaft – und agiles Arbeiten stellt flexibles, kundenorientiertes und schnelleres Arbeiten in den Mittelpunkt. Schneller heißt hier übrigens nicht „noch mehr Stress“, sondern bedeutet, dass man die Kundenbedürfnisse in den Mittelpunkt des Arbeitens stellt und viel früher mit dem Kunden testet, ob das was man entwickelt, auch richtig und wichtig ist. Die Lebendigkeit und Lebhaftigkeit spiegelt sich auch darin wieder, dass agiles Arbeiten auch heißt, mit dem Team viel intensiver über die Arbeit und die Arbeitsergebnisse zu reden, als es in vielen Unternehmen noch üblich ist. Von daher ja: Es ist schon etwas sportlicher, wenn man agil arbeitet.

Im Workshop fielen auch Begriff wie Design-Thinking und Scrum. Was ist damit gemeint?

Agiles Arbeiten befasst sich mit Fragen der Produktentwicklung und der Problemlösung in Situationen, in denen die Antwort nicht schon klar auf dem Tisch liegt. Solche Fragestellungen werden auch als „komplex“ oder „chaotisch“ bezeichnet: Man kennt den Lösungsweg nicht, es wird wahrscheinlich viele mögliche Lösungen geben, vielleicht sogar kein eindeutiges „richtig“ oder „falsch“. Oft wird monatelang an Lösungen gearbeitet, um dann zu erkennen, dass der Kunde etwas ganz anderes wollte.

Agil zu arbeiten heißt, dass man viel schneller zu „testbaren“ Produkten kommt, um vom Kunden zu erfahren, ob man auf dem richtigen Weg ist. Design Thinking steht für diese Art der Ideenentwicklung, sehr schnell geht man auf die Kunden zu und befragt sie, was sie wirklich wollen, welche Bedürfnisse das Produkt befriedigen soll.

Zum Design Thinking gehört dann auch das Entwickeln von Prototypen, die noch nicht perfekt sein müssen, aber ein Testen erlauben. So basteln Teams dann mit Lego, Knete, Papier und anderen Bastelutensilien Produkte und lernen so sehr schnell, ob sie sich auf dem richtigen Weg befinden.

Scrum kommt ursprünglich aus der Software-Entwicklung. Auch hier besteht das Problem, das Entwicklungsteams lange an Lösungen arbeiten und dann Funktionen entwickeln, die so keiner haben möchte. Scrum bedeutet, in Sprints zu arbeiten: das sind Projektzeiten von zwei bis vier Wochen, an deren Ende dann ein testbares Produkt stehen muss. Während des Sprints trifft sich das Team jeden Morgen für 15 Minuten – im Stehen – und klärt ab, was erledigt ist und was zu tun ist: Dies nennt man Daily Scrum.

Und hier kommt der Bezug zum Sport: Scrum kommt aus dem Rugby und bezeichnet da ein „Gedränge um dem Ball“. Hier beschreibt es das Gedränge um das Scrum-Bord mit den zu erledigenden Aufgaben. Damit das Team so arbeitet, gibt es einen Scrum-Master, der darauf schaut, dass im Team kommuniziert wird und das am Ende ein testfähiges Produkt vorhanden ist.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Mit Design Thinking lässt sich zum Beispiel ein Haus gut planen. Viele nutzen vorgefertigte Grundrisse ohne sich wirklich zu fragen, was denn ihr Haus für Bedürfnisse erfüllen soll. Wenn man also mal ganz anders vorgeht, nämlich die zukünftigen Bewohner fragt, was sie denn in dem Haus tun wollen und mit wem sie eigentlich wie zusammenleben wollen, bekommt man sicher ganz andere Antworten als die Standardgrundrisse.

Wenn man dann den alten Legokasten hervorholt und baut, was man als Bedürfnisse erkannt zu haben glaubt, lernt man ganz schnell, ob man den anderen wirklich verstanden hat und wie sich der Grundriss „anfühlt“ und ob er „funktioniert“.

Finde Sie, die Arbeitgeber in der Region tun genug in Sachen agile Weiterbildung ihrer Mitarbeiter?

In unserer Region wird schon agil gearbeitet und Design Thinking & Co stehen in vielen Weiterbildungsprogrammen der Unternehmen. Scrum-Master werden gesucht und Büros werden umgebaut, um besser agil arbeiten zu können.

Agiles Arbeiten ist auch ein Faktor, mit dem man Fachkräfte gewinnen kann, die nicht mehr in alten hierarchischen Strukturen arbeiten wollen. Auch in sogenannten offenen Seminarangeboten finden sich bereits Weiterbildungsangebote zum agilen Arbeiten.

Beruflich befassen Sie sich hauptsächlich mit dem Thema berufliche Fortbildung. Was treibt die Menschen an, die zu ihnen kommen?

Den meisten geht es darum, eine Aufgabe zu finden, in der sie ihre Talente und Potentiale entfalten können, mit der sie eine gute Entlohnung erzielen, die die Möglichkeit bietet, Herausforderungen anzunehmen und sich zu entwickeln und die diese Bedürfnisse in einem kollegialen Team ermöglicht.

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