Wirtschaftsexperte warnt: Multi-Krisen gefährden den Mittelstand

 Gezielte Zuwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt, weniger Bürokratie, planbare Finanzhilfen vom Staat und mehr Investitionen
Gezielte Zuwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt, weniger Bürokratie, planbare Finanzhilfen vom Staat und mehr Investitionen in die Infrastruktur und Bildung. Das sind Dinge, die der Staat leisten muss, um die Wirtschaft zu unterstützen, findet IHK-Vizepräsident Harald Marquardt. (Foto: Fotos: dpa/Stadt Tuttlingen)
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Die mittelständischen Firmen stehen momentan vor großen Herausforderungen. Das hat Harald Marquardt, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwarzwald-Baar-Heuberg, beim Online-Konjunkturgespräch deutlich gemacht. Er forderte die Politik auf, mit Investitionen in die Infrastruktur, den Abbau von Bürokratie und Entlastungen bei den Energiepreisen bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Professor Achim Truger, der die Bundesregierung als „Wirtschaftsweiser“ berät, gab durchaus Anlass zur Hoffnung.

Es waren deutliche Worte, die Marquardt bei der in Spaichingen produzierten Sendung wählte. Die Wirtschaft befinde sich durch eine Vielzahl sich aneinander reihenden Krisen – Corona-Pandemie, gestörte Lieferketten, Inflation, Energiekrise – „im Auge des Sturms“.

Dementsprechend gering sei die Zuversicht. „Die Geschäftserwartung ist bundesweit auf einem 30 Jahrestief“, meinte der Chef des Mechatronik-Spezialisten aus Rietheim-Weilheim bezühlich der Konjunkturprognose. Durch die Energiepreiskrise ist der Wert auf mehr als minus 40 abgerauscht. Der Durchschnitt liege bei sechs.

Gastronomie kämpft ums Überleben

Zusätzlich würden Transformationsprozesse den Druck noch erhöhen. Die Automobilzulieferer hätten mit dem Ziel der klimaneutralen Mobilität eine „enorme, kostenintensive Herausforderung“, so Marquardt. Die Medizinprodukteverordnung der Europäischen Union (EU-MDR) reduziere die Innovationsfähigkeit der Firmen, der Trend zum Online-Handel schwäche Einzelhandel und den Standort Innenstadt. Und die Gastronomie kämpfe wegen des Personalmangels ums Überleben. „Der Druck ist groß genug. Wir brauchen nicht noch mehr Druck.“

Vorrangig, damit die Firmen die Krise meistern, sei es, die Liquidität zu sichern. Die regionale Umfrage der IHK unter den Unternehmen zeigte, dass 90 Prozent der Betriebe zu hohe Energiekosten haben, jeweils 60 Prozent haben mit steigenden Kosten für Vorprodukte und Rohstoffe sowie Arbeitskosten zu kämpfen. „Es braucht eine zuverlässige Unterstützung“, forderte Marquardt schnelle, rechtssichere und unbürokratische Hilfe vom Staat. „Die Betriebe müssen Zugang zu den Wirtschaftshilfen haben“.

Staat soll Fachkräfte sichern

Es sei nicht zu akzeptieren, dass immer weitere Vorschriften erlassen würden. „Der Verwaltungsirrsinn muss weg“, meinte Marquardt, der ein Belastungsmoratorium verlangte. Schon jetzt würden bei familiengeführten Gastronomiebetrieben zweieinhalb Prozent des Jahresumsatzes durch „Papierkram“ aufgezerrt. „Jede weitere Belastung verbietet sich, es darf keine neuen Vorgaben geben“, sagte der IHK-Vizepräsident.

Sanieren, investieren, beschleunigen und Bildungschancen sichern.

Harald Marquardt

Stattdessen sollte sich der Staat auf seine Aufgaben konzentrieren. „Sanieren, investieren, beschleunigen und Bildungschancen sichern“, forderte Marquardt. Neben Investitionen in Straßen und Schienen, Breitband, Mobilfunk und eine effiziente Verwaltung müsste sich der Staat auch um die Sicherung von Fachkräften kümmern.

Bundesweit wären in der Pandemie 200 000 Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren mit ihrer Schule fertig geworden. Diese hätten aber keine Ausbildung, kein Studium und keine sozialversicherungspflichtige Arbeit aufgenommen. „Wir kann es sein, dass der Verbleib ungeklärt ist. Pro Landkreis in Deutschland sind 700 Schulabgänger von der Bildungslandkarte verschwunden“, meinte Marquardt, der sich aufgrund des Fachkräftemangels für ein Zuwanderungsgesetz aussprach.

Zuwanderung nutzen

„Es braucht ein Zuwanderungsgesetz. Das ist überfällig.“ Dabei müsse man sich an „erfolgreichen Modellen“ orientieren, den Bedarf der Unternehmen ermitteln und „gezielt anwerben“. Auch Achim Truger, Professor an der Universität Duisburg-Essen sowie „Wirtschaftsweiser“ im Sachverständigenrat, sieht die Notwendigkeit von Zuwanderung. „Wir brauchen jedes Jahr 400 000 Mitarbeiter“, sagt er.

Würde man die normale Abwanderung berücksichtigen, würde der Wert wohl bei einer Million Menschen liegen, die nach Deutschland zum Arbeiten kommen müssten. Dazu sei es aber nötig, die Zugangsbedingungen zum deutschen Arbeitsmarkt zu verändern. Die Gleichwertigkeitsprüfung der Qualifikation bei bestimmten Berufen „dauert ewig und es kommt nichts bei rum.“ Aber auch intern müsse man umdenken. „Es wäre hilfreich, wenn wir landesweit einheitliche Standards bei der Weiterbildung hätten. Viele nicht-qualifizierte Personen nehmen keine Qualifikation in Anspruch.“

Lage könnte noch schlimmer sein

Wirtschaftlich sei die Lage zwar schwierig, erklärt Truger. Es gebe „viele, tiefe Krisen“. Aber es hätte schlimmer kommen können und es gebe Anzeichen, dass sich die Lage entspanne. Durch die Vermeidung des Gasembargos gegen Russland habe Deutschland es geschafft, genügend Gas in die Speicher zu füllen. „Wir haben keine Gasmangellage. Das wäre das Schlimmste gewesen“, so Truger, der mit seinen Kollegen im Sachverständigenrat eine Entspannung in vielen Bereichen prognostiziert.

So dürfte die Beschaffung von Materialien und Vorprodukten leichter werden, weil die Lieferketten wieder besser funktionieren und auch die Frachtkosten rückläufig seien. „Das entspannt sich“, prognostiziert er.

Die Auftragsbestände sind hoch, auf Rekordniveau. Das tröstet über die aktuell schwache Nachfrage hinweg.

Harald Marquardt

Aufgrund der Inflation würden Unternehmen wie Verwaltung mit Investitionen zurückhaltend sein. Aber der private Konsum sei rückläufig. Die Industrie würde dies momentan nicht belasten. „Die Auftragsbestände sind hoch, auf Rekordniveau. Das tröstet über die aktuell schwache Nachfrage hinweg“, meint er. So könnte die Industrie ihre Produktion auf dem Niveau noch acht Monate aufrechterhalten. Die Inflation werde im nächsten Jahr auf rund sieben Prozent zurückgehen. „Sie bleibt aber auf einem hohen Niveau. Die Kerninflation wird sich noch ziehen. Erst 2024 kommen wir auf zwei Prozent zurück.“

Probleme angehen und nicht verschleppen

Generell müsse man in Zukunft Abhängigkeiten bei Energie und Rohstoffen reduzieren, den Ausbau der erneuerbaren Energien stärker vorantreiben. Aktuell gelte es aber, den Preis für Energie herunter zu bekommen. „Haushalte müssen entlastet, Unternehmen unterstützt werden“, so Truger.

Dies könne durch eine Vergrößerung des Energieangebots – auch Kernkraft – und das Energiesparen erreicht werden. Förderungen dürften nicht mit der sprichwörtlichen „Gießkanne“ verteilt werden. Von Vermögenden müsse man sich die Zuschüsse über einen „Energiesoli“ oder eine höhere Reichensteuer zurückholen, findet der „Wirtschaftsweise“.

„Wenn jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen werden und Weichenstellungen passieren, dann kommen wir gut aus der Krise. Aber wir dürfen es nicht verschleppen und müssen es angehen“, sagt Truger.

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