„Wir haben nur noch fünf bis zehn Jahre Zeit“

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Andreas Huber ist Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft des Club of Rome.
Andreas Huber ist Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft des Club of Rome. (Foto: Huber:)
Schwäbische Zeitung

Andreas Huber, 37, stammt aus Mahlstetten. Er hat sich ganz dem Schutz der Erde verschrieben. In diesen Tagen feiert die Institution, für die er arbeitet, 50-jähriges Bestehen. Der Club of Rome, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen, hat mit seinem ersten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ 1972 erstmals klar und in der ganzen Welt vernehmbar auf die Gefährdung der Welt durch den Menschen hingewiesen. Regina Braungart hat sich mit Huber unterhalten.

Herr Huber, Sie sind der Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft des Club of Rome. Ist das in diesen Tagen des Jubiläums ein Fulltimejob?

Es ist in diesen Tagen nicht wesentlich mehr, weil das Jubiläum ja international gefeiert wird. Aber die Dringlichkeit der Anliegen schreitet voran, deshalb sehe ich es immer als einen Fulltimejob.

50 Jahre Club of Rome – und es gibt immer noch keine Wende. Ist das Projekt auf allen Ebenen – Klima, Müll, Artensterben, Landschaftszerstörung – gescheitert?

Nein, aber wir sind zu langsam. Der Ökonom Dennis Meadows, der die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ geschrieben hat, sagte vergangenes Jahr in Berlin: Wir dachten, es reicht, wenn wir den Leuten die Fakten präsentieren. Aber das stimmt nicht. Wir brauchen Leute, sie sich kümmern. Menschen empfinden sich nicht mehr als Teil des Ökosystems, das ist das Problem. Dem Club of Rome ging es immer um die Selbstbestimmung als Mensch im Ökosystem. Hier ist er gescheitert.

Aber bedeutet, Fakten zu kennen, aber nicht zu handeln, auch ein Scheitern der Aufklärung des selbstbestimmten Menschen? Man braucht Kümmerer sagen Sie, was bedeutet das?

Es bedeutet, dass wir ein vollkommen anderes Bildungssystem brauchen, das das Wettbewerbsdenken durch einen anderen Bezug zur Mitwelt ersetzt. Dass wir empathisch werden auch gegenüber den Menschen und der Welt an sich. Das ist der Gegenpart zu den Fakten. Es geht nicht um das Überleben der Menschheit. Ein paar werden immer überleben. Es geht aber um die zivilisatorische Qualität des Überlebens, ob es friedlich und human ist oder ob noch mehr Krieg um Ressourcen geführt werden, wie jetzt schon. Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das geprägt ist von Gier und Knappheit, das kann langfristig nicht gut gehen.

Zynisch betrachtet kann man die 50 Jahre auch so bilanzieren: Erst wurde kräftig am Konsum verdient, jetzt an der Beseitigung seiner Schäden. Warum gibt es weltweit noch immer keine Vollkostenrechnung nach dem Motto: Wer an der Zerstörung verdient, soll auch dafür zahlen?

Das hat auch mit sich Kümmern zu tun. Wenige Menschen verdienen viel Geld und entscheiden oder beeinflussen die Entscheider. Sie setzen ihr Geld ein, um das Geld zu halten. Und die breite Masse kümmert sich nicht genug um die Schäden, die dadurch angerichtet werden. Gerade wir Deutschen spüren das am allerwenigsten und erkennen daher nicht, welche Konsequenzen unser Wirtschaftssystem und unser Lebensstil in anderen Teilen der Welt haben.

Sie sagen ja selber, es hängt am Wirtschaftssystem: Übergibt man mit Ihrem Ansatz nicht dem Individuum eine Verantwortung, die es nicht tragen kann.

Die Welt ist so wie sie ist, weil viele Menschen ihr Leben so leben, wie sie es tun. Sie lösen dabei in Summe viel aus und man kann die Verantwortung zum Teil an das Individuum weiter geben. Aber wir brauchen einen Systemwechsel. Damit wir die Kosten dieses Lebens nicht der Umwelt und den künftigen Generationen überlassen braucht es politische Weichenstellungen und es gibt viele Menschen, die alles tun, um das zu verhindern. Die breite Masse hat nicht das Bewusstsein, so zu wählen, dass es diese Weichenstellungen gibt.

Was hält Sie persönlich bei der Stange? Reich werden Sie sicher nicht.

Ganz im Gegenteil, es bedeutet gegenüber anderen Jobs finanziellen und zeitlichen Verzicht, etwa wegen meiner vielen Reisen für Vorträge. Das geht nur, wenn man insgesamt mit Herzblut dabei ist. Ich sehe Entwicklungen und versuche, meinen Teil dazu beizutragen, dass sich etwas ändert. Ich will in 30, 40 Jahren meinen Kindern und Enkeln, wenn sie mich fragen: Was hast du getan? nicht in die Augen schauen und sagen: Ich habe nichts gewusst, es ignoriert oder es war mir egal.

Welches sind Ihre Schwerpunkte als Geschäftsführer?

Meine Schwerpunkte sind zu schauen, dass die allesamt ehrenamtlichen Mitglieder gemeinsam publizieren oder Aussagen aus verschiedenen Perspektiven der Wissenschaft treffen, geeint durch die Sorge um die Menschen. Meine Aufgabe ist es, diese Menschen zusammen zu bringen und auch deutsche Entscheidungsträger zu erreichen.

Wie bilanzieren die Mitglieder des Club of Rome die vergangenen 50 Jahre?

Ernst Ulrich von Weizsäcker hat ein Buch geschrieben mit dem doppeldeutigen Titel: „Wir sind dran“. Und das ist auch die Bilanz. Wenn wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren Europa nicht zum Handeln bringen, gewinnen die Populisten. Die Menschen spüren, es stimmt etwas nicht, aber sie suchen dann einfache Antworten statt globaler Lösungen. Dann ist es keine ökologische Krise mehr, sondern eine Demokratiekrise. Wir haben erreicht, dass immer mehr Entscheidungsträger zuhören.

Gibt es auch ein Engagement des Clubs of Rome in Indien und China?

In Indien ja, in China nein. Es gibt aber überall konstruktiv wirkende Kräfte und Netzwerke. Es ist viel wichtiger zu erkennen, dass Europa und Amerika keine große Rolle mehr spielen werden, wen sie nicht vorangehen. Dann werden China und Indien die Führung übernehmen und es wird eine ganz andere Weltordnung geben.

Reden Sie viel mit Politikern?

Ja und sie wissen alle um die Probleme. Aber die breite Masse sucht sich einfache populistische Alternativen und das macht den Politikern Angst, weil sie bemerken, dass sie nicht gehört werden.

Sind Sie manchmal wütend?

Ja, wahrscheinlich jeden zweiten Tag. Vor allem wenn ich sehe, was in meinen digitalen Netzwerken alles geteilt wird. Oder wenn ich Nachrichten schaue und sehe, welche Bewegungen über Twitter ausgelöst werden wegen Nichtigkeiten. Wir haben nur noch fünf bis zehn Jahre. Ich bin auch wütend darüber, wie man so ignorant sein kann zu denken, dass wir die Entwicklung der Welt bestimmen können, glauben, wir könnten in Deutschland oder Baden-Württemberg oder Bayern alleine besser als Europa. Aber ich habe gelernt, aus kleinen Dingen Hoffnung und Kraft zu schöpfen. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen wieder mutiger werden.

Was ist Ihr persönliches Fazit dieser 50 Jahre?

Es wurde vieles schon damals gesagt. Vieles, was in den 70ern, Anfang der 80er gesagt wurde ist genau das Thema heute. Ich bin erschrocken, wie weit man damals vorgedacht hat und wie aktuell das heute ist oder manchmal sogar als neu verkauft wird. Es hören uns jetzt aber mehr Menschen zu. Viele haben das Gefühl, es läuft etwas schief, aber sie finden den Hebel noch nicht.

Info: Am Donnerstag, 5. April, um 19 Uhr hält Huber einen Vortrag in der Gutmadinger Scheune zum Thema „Unsere Welt im Jahr 2030“ auf Einladung des Unternehmers Bernfried Huber (nicht verwandt), der Zukunftsthemen in der Regioin voran bringen will.

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