Wenn Graffiti-Sprayen legal ist: Jugendliche bemalen eine Mauer - und reißen sie dann ein

Lesedauer: 6 Min
Manfred Brugger

Das Wetter hat am ursprünglich geplanten Termin, dem 25. Mai, einen Strich durch die Rechnung gemacht, und so ist dieses Graffiti-Jugendprojekt am letzten Schultag nachgeholt worden: Die drei Organisatorinnen – Juliane Vollmer von der katholischen Kirchengemeinde, Gritli Lücking von der evangelischen und Antje Wiedmann-Bornschein vom Stadtreferat – freuten sich über rund vierzig Jugendliche, die gekommen und voll bei der Sache waren. Und Sehens- und Nachdenkenswertes auf die Mauersteine gezaubert haben.

Jene bestanden aus 440 Papp-Sitzhockern, die in fünf Lagen gestapelt eine Kantenlänge von stolzen 25 Metern ergaben. Unter der Anleitung des Graffiti-Künstlers Konstantin Müller aus Rottweil, einem hauptberuflichen Grafiker, konnten die Jugendlichen ihre Motive auf diese eindrucksvolle weiße Wand bringen und alle Farbregister ziehen: Aus einem Spraydosen-Arsenal bester Qualität. Auffallend waren die Feuer-Motive, die nicht nur der drückenden Schwüle geschuldet gewesen sein dürften, sondern der Sorge um unseren Planten, die Welt in Flammen. Für die Einpeitscher-Musik sorgte DJ Mad Eagle (bürgerlich Paul Adler aus Spaichingen), dessen wummernde Bässe die Schlüsselwiese in eine vorübergehende Open-Air-Disco verwandelten.

Inspiration ist das Jahr 1989

Juliane Vollmer, deren Eltern aus Köpenick stammen und es als Katholiken in der Diaspora auf der anderen Seite der Mauer nicht immer einfach hatten, gab den Impuls zu diesem Mauerprojekt, im 40. Jahr des Mauerfalls, dem gesamtdeutschen „Uprise“ 1989.

Dass manche Mauern in den Köpfen hartnäckiger sein können, als uns lieb sein kann, wissen oder ahnen wir alle. Sich davon zu befreien, ist in aller Regel nicht einfach.

Letztlich ist es die Kraft unserer Gedanken, die solche Mauern zu Fall zu bringen vermag. Allerdings vermochten es auch ein paar frische Brisen im Laufe dieser dreistündigen Veranstaltung, die Mauer gleich mehrfach niederzustrecken, trotz der straffen Spanngurte über den Mauertrauf hinweg. Doch diese ungewollten und vorzeitigen Mauer-Einstürze konnten den hochmotivierten Jugendlichen den Spaß an der Sache nicht verderben. Ein ums andere Mal wurde klaglos wieder Schicht um Schicht aufgetragen.

Nach gut zwei Stunden dann noch ein Aha-Erlebnis: Die beidseitig vollbemalten Mauern, mithin 50 Meter Farbe am Stück, wurden im Handumdrehen wieder blütenweiß. Mittels einer 90 Grad-Drehung der Steine, die im Schlussakkord ebenfalls noch ausgemalt wurden.

Der finale Abriss erfolgte auf Kommando im Wege einer „Zweiseitenbearbeitung“. Mittels einer großen Gummi-Weltkugel, die mit durchschlagender Wirkung abwechselnd von einer Seite auf die andere gewuchtet wurde, bis alles platt war. Die „Trümmer“, 440 wiederverwendbare Sitzhocker, können zum Einzelpreis von vier Euro über das Pfarrbüro erworben werden. Womöglich mit einer „Signatur“, die eines schönes Tages noch wertvoll wird, wenn es der Sprayer von einst zu Künstler-Ehren gebracht haben sollte ...

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