Wenn es der Winterhexe an den Kragen geht ...

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Schon von weit im Umland sieht man sie: Die Fackelprozession vom Dreifaltigkeitsberg runter auf die Bleiche, und dann das Spaichinger Funkenfeuer.

„Von Hexenprozessen, wie sie in der Grafschaft Hohenberg bis gegen Ende des Dreißigjährigen Kriegs vor allem in Rottenburg, Horb und Oberndorf stattfanden, ist aus Spaichingen nichts bekannt“, so die Spaichinger Stadtchronik von 1991. Gleichwohl wird mit der Winterhexe im Primtal Jahr für Jahr nach einem langen Anlauf kurzer Prozess gemacht.

An diesem 1. März liegt der Frühling förmlich in der Luft, mit wärmendem Sonnenstrahlen von einem fast wolkenlosen Himmel. Doch oben auf dem Berg bläst es ganz gehörig. Und der kräftige Wind sorgt für eine prächtige Alpensicht am Horizont.

Am Straßenrand unterhalb der Berggaststätte hat der Betriebshof der Stadt Spaichingen über 200 frisch geharzte Fackeln aufgereiht. „Das schoko-braune Wachs-Pech, in das sie getaucht wurden, fällt in einer Raffinerie als Nebenprodukt an“, erklärt Maik Kuhn im orangefarbenen Dress des Betriebshofs. „Doch es ist am Markt kaum noch aufzutreiben“, wie sein Bruder Andreas Kuhn ergänzt. Deswegen haben die beiden kurzerhand alles zusammengekauft, was in Deutschland davon noch zu haben war. Ein Vorrat, der für die nächsten sechs Jahre noch reichen müsste.

Die Holzfackeln selber sind Marke Eigenbau gleich mehrerer Fackelbauer. Wie beispielsweise der Familien Marquardt und Weger, die mit einer Auflage von 25 Stück schon über 30 Jahre in diesem „Geschäft“ sind. Und auch die Werkbank der Schillerschule hat wieder 40 Exemplare beigesteuert.

Solch eine Fackel ist kein Leichtgewicht und kann bis zu zehn Kilo wiegen. Sie wird deswegen oft mehr geschultert als freihändig getragen. Was den „Tropfenfänger“, ein ordentliches Stück darunter geschobener Wellpappe, umso wichtiger macht.

Vor der Berggaststätte sind nachmittags um 16 Uhr acht Fahrzeuge der Feuerwehr aufgefahren. „Rund 40 Feuerwehrleute sind beim Funken im Einsatz“, sagt deren Kommandant Patrick Heim. „Und deren Einsatzbereitschaft muss gewährleistet bleiben“, weswegen der Fahrzeugkonvoi vor dem Fackelzug fährt. Und auch das DRK ist mit neun Mann vertreten, für alle erdenklichen Fälle.

Um halb sechs öffnet der Pilgersaal seine Pforten und die hochmotivierten Fackelträger – großteils Grundschüler in Begleitung ihrer Eltern und Geschwister – dürfen sich mit der traditionellen roten Wurst, einem Wecken und einer Libella stärken.

Mit Einbruch der Dunkelheit – es ist viertel sieben – wird der „Anzündhaufen“ am Rande des topografischen Messpunkts in Brand gesetzt. Dazu schlüpfen die Feuerwehrleute ausnahmsweise selbst in die Rolle eines Feuerteufels und heizen diesem kleinen Holzstoß mit einem Flammenwerfer kräftig ein. Ruckzuck brennt er lichterloh und wird zum Feuerspender für die von den Feuerwehrleuten vorsichtig hinein gehaltenen Fackeln.

Damit kann es losgehen. Und so marschiert der Lindwurm nach und nach die Serpentinen hinunter. Zählt man alle Beine der Kinder, Eltern, Helfer und sonstigen Begleitpersonen zusammen, könnte man von einem Tausendfüßler reden, der sich im Schein der Fackeln talwärts windet. Ein wunderbarer Anblick für all jene, die dieses Panorama alljährlich von unten beziehungsweise von der Stadt aus genießen dürfen. Vermutlich einer der längsten und fotogensten Anläufe zu einem „Funken“ weit und breit.

Oberhalb der „Bleiche“ wartet die Winterhexe derweil auf dem zwölf Meter hohen Scheiterhaufen auf ihr baldiges Ende. Unweit davon entfernt hat die Stadtkapelle im gleißenden Scheinwerferlicht Aufstellung genommen. Sie heizt dem zahlreich erschienenen Publikum mit süffiger Marschmusik kräftig ein. Und schon wenig später sind die Scheinwerferkegel der Feuerwehrfahrzeuge auszumachen. Dahinter haben sich rund 40 Funkenhexen in den Zug eingereiht, mit schaurigem Gejammer das nahenden Ende einer der ihren beklagend. „Den ganzen Samstag haben die Funkenhexen mit schwerem Gerät an diesem mächtigen und akkurat aufgeschichteten Holzstoß gearbeitet, wie die „Oberhexe“ Florian Stoll erzählt. Die Balken spendiert die Stadt, die „Füllung“ in Form zahlloser ausgemusterter Europaletten die hiesigen Industriebetriebe. Und von Samstag auf Sonntag ist als „Zugabe“ noch die Nachtwache angesagt. Ehrensache für diesen 1992 gegründeten Verein der Funkenhexen, der sich in seiner Satzung dieser Brauchtumspflege verschrieben hat.

Nach einer Dreiviertelstunde Laufzeit erreichen die ersten Fackelträger ihr Ziel und führen ihre „Brennstäbe“ von unten in den Holzstoß ein. Im Nu breiten sich die Flammen aus, aufgepeitscht von einem kräftigen Wind, der wiederholt die Richtung wechselt und seinen Funkenregen unberechenbar macht.

Die Winter-Hexe hält dem Flammenmeer von unten mehr als eine halbe Stunde stand. Dann endlich fängt sie Feuer. Und von dem Moment an ist auch für die Funkenhexen das Ende der Fasnet besiegelt.

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