Wenn Ärzte keine Patienten mehr aufnehmen

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Die Ärzte tun sich oft schwer, Nachfolger zu finden.
Die Ärzte tun sich oft schwer, Nachfolger zu finden. (Foto: Oliver Berg)
Crossmediale Volontärin

Ärztemangel in ländlichen Regionen – nichts, worüber sich Patienten in kleineren Dörfern und größeren Gemeinden freuen. Aber auch Ärzte tun sich schwer mit Patientenaufnahmestopps und der Suche nach Nachfolgern.

„Es tut uns leid“, „Wir können leider keine Patienten mehr aufnehmen“, oder „Geben Sie die Hoffnung nicht auf“ – Diese Auskünfte erhalten wir, als wir testweise bei den Spaichinger Ärzten anrufen. Das Szenario: Am Telefon gibt unsere Mitarbeiterin Caroline Messick an, aus der Großstadt hierher gezogen und auf der Suche nach einem Hausarzt zu sein. Doch alle neun Praxen scheinen völlig überlastet; nur einmal hätte sie einen Termin vereinbaren können – allerdings erst nach einem weiteren Anruf im Herbst. Warum ist das so?

Wir haken bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg nach. Hier kennt man den Grund für die zunehmenden Aufnahmestopps von Patienten: „Meist sind es volle Praxen, zu viele Patienten für einen Arzt. Die Ursachen sind da sicherlich vielfältig: Die Patienten werden älter und damit kränker, brauchen also mehr Zeit“, sagt eine Pressesprecherin. Außerdem seien Ärzte nicht mehr in so hohem Maße wie vielleicht früher einmal bereit, deutlich mehr als 50 Stunden pro Woche zu arbeiten.

Aufnahmestopp ist eigentlich verboten

Dabei ist es eigentlich verboten, als Arzt Patienten abzuweisen. Laut Kassenärztlicher Vereinigung gibt es nur zwei Fälle, bei denen das möglich ist: Erstens, wenn zwischen Arzt und Patient kein Vertrauensverhältnis besteht, oder zweitens, wenn der Arzt überlastet ist, weil er bereits eine Vielzahl an Patienten zu behandeln hat und deren Versorgung nicht mehr ausreichend sein könnte, wenn weitere Patienten hinzukämen.

„Das ist ein echtes Problem“, bestätigt uns auch Doktor Sauter aus Spaichingen in einem weiteren Gespräch. Sauter, der seit 30 Jahren seine Praxis für Allgemeine und Innere Medizin in der Wilhelmstraße führt, tut der Aufnahmestopp leid: „Die Praxen hier sind übervoll. Ich kann kaum meine eigenen Patienten versorgen“, so Sauter. Er könne auch nicht mehr als zehn Stunden pro Tag arbeiten, „irgendwann ist gut.“ Seine und andere Spaichinger Praxen quillen über vor Patienten, weil man insgesamt ein paar hundert Patienten der Kollegen aufgenommen habe, die bereits vor ein paar Jahren aufgehört hätten.

Nur ältere Patienten haben noch eine Chance

Rufen neue, „junge, mobile“ Patienten in Sauters Praxis an, versuche er, sie nach Tuttlingen, Trossingen oder Aldingen weiterzuvermitteln. Doch dieses Rezept kann er nicht jedem ausstellen: „Nicht-mobile, ältere Menschen werden natürlich aufgenommen“, so Sauter. Der Allgemeinmediziner ist selbst bereits 64 Jahre alt und liegt damit nur ein Jahr unter dem durchschnittlichen Rentenalter. „Ich bin der Hoffnung, dass ich einen Hausarzt als Nachfolger finde und später auch mal selber einen habe hier in Spaichingen.“

Doch dieser Wunsch scheint momentan utopisch – auch wenn der Blick auf die aktuellen Zahlen zunächst hoffen lässt. So kommen in Spaichingen auf einen Hausarzt im Schnitt 1418 Einwohner; das ist laut Kassenärztlicher Vereinigung sogar besser als das vom Gesetzgeber vorgesehene Verhältnis von 1671 Einwohnern pro Hausarzt. Spaichingen ist rund 25 Prozent besser als der Kreisdurchschnitt mit 1842 Einwohnern pro Hausarzt. Im gesamten Tuttlinger Landkreis fehlen laut Bedarfsplanung acht Hausärzte.

Diese Zahlen sind jedoch nur Näherungswerte: Die Patientenzahlen aus den umliegenden Gemeinden, die einen Hausarzt im Landkreis Tuttlingen besuchen, sind hier nicht enthalten. Hinzu kommt, dass in Spaichingen sechs von neun Ärzten älter als 60 Jahre alt sind und somit vermutlich in spätestens fünf bis zehn Jahren in den Ruhestand gehen. Damit steht das nächste Problem ins Haus: die Suche nach einem Nachfolger.

Praxis Keller gibt die Hoffnung nicht auf

Dieses Problem kennt auch Regina Keller. Sie und ihr Mann führen die Allgemeinmedizinische Praxis in der Gartenstraße in Spaichingen – noch. Regina Keller ist 66 Jahre alt, ihr Mann, Hartmut Keller, ist 70. Damit haben beide das durchschnittliche Rentenalter für Ärzte bereits überschritten. „Wir sind schon auf der Suche nach einem Nachfolger und geben die Hoffnung nicht auf“, sagt Keller auf Nachfrage unserer Zeitung. Dennoch haben sie Bedenken: „Kein Mensch mehr will sich heute noch in einer eigenen Praxis niederlassen.“ Man hätte zu viel zu tun und bekäme zu wenig Geld dafür. Die meisten Ärzte würden heutzutage lieber auf die Selbstständigkeit verzichten, wie andere Berufsstände auch. „Bäcker oder Metzger zum Beispiel. Die Leute wollen lieber in einem Angestelltenverhältnis arbeiten und schnell zu ihrem Kind nach Hause können, falls es mal krank ist“, so Keller.

Optimale Versorgung gibt es im Kreis nicht

Ähnlich geht es ihren eigenen Kindern. Die Doktoren Keller haben einen Sohn und eine Tochter, die beide von Beruf Arzt sind. Doch die sind in der Großstadt unterwegs und können sich im Moment nicht vorstellen, die Familienpraxis in Spaichingen zu übernehmen.

„Zusammengefasst: Eine ’optimale’ Versorgung gibt es im gesamten Landkreis nicht“, so die Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Dass es in Zukunft schwer wird, die jetzt schon nicht-optimale Versorgung aufrechtzuerhalten, merken auch wir bei unseren Telefonaten mit den Spaichinger Ärzten. Die können uns nur mit „Wir sind ganz arg am Suchen“, „Wir suchen seit einem Jahr“, oder „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ verabschieden.

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