Warum manche Gemeinden immer jünger werden - und andere immer älter

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Die vier jüngsten Gemeinden Baden-Württembergs befinden sich in Oberschwaben und auf dem Heuberg: Neubaugebiete in Bubsheim (obe
Die vier jüngsten Gemeinden Baden-Württembergs befinden sich in Oberschwaben und auf dem Heuberg: Neubaugebiete in Bubsheim (oben) und Horgenzell, rechts das Kloster Untermarchtal mit Altenheim. (Foto: Archiv/Wikimedia/som)

Es gibt immer mehr Alte auf dem Land und mehr Junge in den Städten. In der oberschwäbischen Provinz und auf dem Heuberg trotzen vier gallische Dörfer dem Trend.

Allmansweiler und Untermarchtal trennen scheinbar nur Federsee und dreißig Kilometer Bundesstraße. Träfen sich die Bewohner beider Gemeinden auf einer Ü30-Party im Dorfgemeinschaftshaus, die Untermarchtaler wären wohl weitgehend unter sich – und sähen ziemlich alt aus. Im Schnitt haben sie nämlich gut 12 Jahre mehr auf dem Buckel als die Allmansweiler.

Damit sind sie die zweitälteste Gemeinde in ganz Baden-Württemberg. Und nicht nur beim Alter könnten die Dörfer nicht unterschiedlicher sein: In Untermarchtal ist fast jeder fünfte Bewohner eine Nonne, die wiederum ist durchschnittlich 81 Jahre alt.

Das erklärt, warum es in der Klostergemeinde ein so hohes Durchschnittsalter gibt – aber warum ist Allmansweiler mit 38,6 Jahren so jung? Und was hat das Dorf gemeinsam mit dem noch jüngeren Bubsheim im Kreis Tuttlingen und den oberschwäbischen Gemeinden Riedhausen (38,5 Jahre) und Horgenzell (38,8 Jahre)?

Bubsheim, Riedhausen und Horgenzell werden immer jünger

Anders als in den studentisch geprägten Städten Heidelberg, Freiburg und Tübingen sind es auf dem Land vor allem Familien, die einzelne Kommunen verjüngen: In Riedhausen etwa standen nach vielen Hofaufgaben Ställe und Maschinenhallen leer, neue Eigentümer, darunter viele junge Paare, lockte die Gemeinde mit Renovierungs-Zuschüssen aus dem Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum. Heute leben sie in schmucken Fachwerkhäusern mit verglasten Fronten. Wer nicht im Ortskern wohnt, kommt ein paar hundert Meter weiter im Neubaugebiet unter. In Allmansweiler mit seinen knapp 300 Einwohnern kommt noch hinzu, dass es im Dorf kein Seniorenheim gibt.

Weniger Geburten, trotzdem jünger

Was die oberschwäbischen Rekord-Gemeinden ebenfalls gemeinsam haben, ist ein hoher Geburtensaldo. Ist dieser positiv, werden mehr Menschen geboren als Menschen sterben. Untermarchtal hat – mit Abstand – den niedrigsten in ganz Baden-Württemberg, in Allmansweiler, Riedhausen und Horgenzell liegt dieser weit über dem Landesdurchschnitt von 0,7 pro 1000 Einwohner. Nur in Bubsheim nicht.

Auf dem Heuberg muss es also einen anderen Grund geben für die stetige Verjüngung seit 2013.

Häring holt Fachkräfte nach Bubsheim

Die Grabowskis sind so ein Jungbrunnen. Die Familie aus Polen steht stellvertretend für eine Entwicklung, die vor rund fünf Jahren in der 1400-Einwohner-Gemeinde begann. In Polen war Hubert Grabowski unzufrieden: Dort arbeitete er zwar als Abteilungsleiter, mit seinem Informatik-Studium hatte sein Job aber wenig zu tun. Deshalb schaute er sich im Internet nach Stellen um und stieß schließlich auf die Bubsheimer Anton Häring KG, die in Polen eine Niederlassung hat. Häring stellt Drehteile und Baugruppen für die Automobilindustrie und deren Zulieferer wie Bosch oder ZF her.

Firma bringt Arbeitern selbst Deutsch bei

Heute arbeitet er in Bubsheim in der EDV-Abteilung von Häring. Im Jahr 2014, nach einem Jahr Probephase, holte der 28-Jährige seine Familie nach: Ehefrau Kamila (26) und die beiden Söhne Kajetan (7) und Marcel (4), die inzwischen beim SV Bubsheim kicken und an der Grundschule schnell Freunde gefunden haben. „Wir haben gesehen, dass es hier einfach besser ist.“ Mitentscheidend sei die Unterstützung durch seinen Arbeitgeber gewesen: Häring habe sich um die Wohnung gekümmert, selbst Deutschunterricht erhielt er bei der Firma.

Bewusst nach Bubsheim gekommen: Die polnische Familie Grabowski mit den Eltern Hubert und Kamila sowie den Söhnen Kajetan (link
Neu-Bubsheimer: die polnische Familie Grabowski. (Foto: Michael Hochheuser)

Anteil der Frauen mit Job ist der höchste im Land 

Die Grabowskis schätzen die Infrastruktur, die die Gemeinde jungen Menschen bietet: „Wir haben drei Spielplätze zur Auswahl – der schönste ist an der Schule“, sagt Kamila Grabowski, die auch bei der Häring KG arbeitet, in der Qualitätskontrolle. Bei den sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen ist Bubsheim übrigens ebenfalls Rekordhalter: Die Quote von 75,6 Prozent ist die höchste im ganzen Land. „Wir können uns vorstellen, für immer in Bubsheim zu bleiben“, sagen die Grabowskis.

Über solche Sätze freut sich Thomas Leibinger. Seit 2012 ist er Bürgermeister von Bubsheim. Im Januar 2018 hatten sich in seiner Gemeinde gerade einmal sieben Menschen arbeitslos gemeldet, alle waren älter als 50. Bei den Jungen herrscht Vollbeschäftigung.

Immer mehr Ausländer unter den Beschäftigten in Bubsheim

In dieser Altersgruppe, bei den 20- bis 30-Jährigen, ist auch der Ausländeranteil am höchsten. Insgesamt liegt er laut Leibinger bei rund 24 Prozent. Während sich in den 80er- und 90er-Jahren vor allem Russlanddeutsche in Bubsheim ansiedelten, kommen jetzt Polen und Rumänen. 2013 war noch jeder sechste Arbeitnehmer in Bubsheim Ausländer, inzwischen ist es fast jeder dritte.

Die meisten bleiben nicht lang – dann kommen neue

Einen großen Anteil an dieser Entwicklung hat die Aus- und Weiterbildung an der Häring-Akademie: Dadurch kommen laut Leibinger viele junge Leute aus den USA, China oder Osteuropa ins Maschinenbau-Eldorado auf den Heuberg. „Einige wollen hier bleiben, der Großteil bleibt zwei bis drei Jahre – aber dann kommen wieder neue nach.“ Das ist auch der Grund, warum der Geburtensaldo nur leicht über dem Landesschnitt liegt: Viele Neu-Bubsheimer bringen ihre Kinder aus dem Ausland mit – oder kriegen sie später woanders.

Gemeinde versucht Familien zu halten

Um junge Familien im Ort zu halten, gehe die Kommune „frühzeitig daran, Wohnbauplätze auszuweisen“. „Viele Familien wohnen hier noch zur Miete und wollen raus“, sagt Leibinger. Im ursprünglichen Ortskern hat die Gemeinde alte Immobilien aufgekauft und abgerissen, um neuen Wohnraum zu schaffen. Inzwischen hat Bubsheim eine Eigenheimquote von mehr als 85 Prozent.

Dass es künftig so rosig weiterläuft in Bubsheim, ist jedoch alles andere als sicher. Denn Elektromobilität und Digitalisierung machen auch vor dem Heuberg nicht Halt. Der Fokus auf die Metallbearbeitung und Automobilindustrie – Bubsheim hat die höchste Branchenkonzentration in ganz Baden-Württemberg – schafft Abhängigkeiten und birgt Risiken, dessen ist sich auch der Bürgermeister bewusst. „Die Firmen in Bubsheim – es sind alles inhabergeführte Familienbetriebe - stellen sich schon heute darauf ein und versuchen sich strategisch richtig zu positionieren“, sagt Leibinger. Zukunftsängste hätten dabei in der Vergangenheit keine Rolle gespielt und würden es auch künftig nicht.

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