Warum künstliche Fingernägel das „Arschgeweih“ unserer Zeit sind

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 Helen Ahner
Helen Ahner (Foto: Ahner)
Crossmedia-Volontärin

Warum künstliche Fingernägel das Arschgeweih unserer Zeit sind und was das mit dem „unternehmerischen Selbst“ zu tun hat, darüber hat Ronja Straub vom Heuberger Bote mit Helen Ahner, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Empirische Kulturwissenschaften an der Universität Tübingen, gesprochen.

Frau Ahner, warum lassen sich Menschen künstliche Fingernägel machen?

Menschen gestalten sich selbst und drücken sich damit aus. Dazu nutzen sie ihren Körper, den sie formen, stylen und schmücken. Oft orientieren sie sich dabei – bewusst und unbewusst – an Trends, Vorbildern aus dem Beauty-Umfeld und Schönheitsidealen. Die wandeln sich und sind abhängig von Zeit und Kontext. In den 90er Jahren war zum Beispiel das „Arschgeweih“ angesagt, das inzwischen vielen nicht mehr gefällt.

Und kann das von Gruppe zu Gruppe auch unterschiedlich sein?

Was uns gefällt und was nicht, liegt auch an dem Umfeld, in dem wir leben und den Gruppen, denen wir uns zugehörig fühlen.

Das Phänomen der künstlichen Fingernägel zieht sich quer durch die Schichten. Nicht zuletzt kommt es dann auch darauf an, wie viel Geld man ausgeben möchte und kann. In unterschiedlichen Milieus gibt es unterschiedliche Ideale, manche finden künstliche Fingernägel schön, für andere ist Natürlichkeit das Nonplusultra. Diese Natürlichkeit ist aber eigentlich genauso gemacht und gestylt.

Wie meinen Sie das?

Gerade ist „Natürlichkeit“ trendy. Das heißt: So aussehen, als ob man nichts gemacht hätte. Das kann aber auch ganz schön aufwendig sein. Denn mit Natürlichkeit sind keine dreckigen, ungeschnittenen Nägel gemeint, sondern gepflegte, vielleicht sogar mit Klarlack bepinselte Nägel.

Was natürlich ist und was künstlich, kann man eigentlich gar nicht so einfach unterscheiden. Trotzdem haftet dem Künstlichen ein Stigma an – wer sich „falsch“ oder zu viel stylt, wird nicht mehr ernst genommen und oft auch abgewertet.

Sind künstliche Fingernägel also etwas Negatives?

Naja, manche Menschen verbinden sie vielleicht mit negativen Klischees, aber für viele hat die Freiheit, über das eigene Aussehen zu bestimmen, auch eine ermächtigende Seite. Sie wissen, wie sie wirken, und setzen das bewusst ein. Manche spielen sogar damit, um Klischees aufzubrechen. Es gibt zum Beispiel immer mehr Männer, die auch farbige Nägel haben – und das nicht nur als Verkleidung, sondern einfach, weil sie es schön finden.

Sind lange Fingernägel auch eine Art Statussymbol?

Mit langen Fingernägeln kann man zeigen, dass man nicht hart mit den Händen arbeiten muss und sich um sein Äußeres kümmert, sich pflegt. In der Kulturwissenschaft spricht man auch vom „unternehmerischen Selbst“, von Menschen, die ihre eigene Persönlichkeit wie ein Unternehmen führen. Dazu gehört auch die Außenwirkung, die gepflegt und gemanagt wird. Man investiert etwas in das eigene Dasein, geht zur „Wartung“ zum Arzt und zur Lackpflege ins Nagelstudio.

Und auf der anderen Seite des Konsumenten steht ja das eigentliche „Unternehmen“, der Dienstleister.

Die Nageldesignerinnen - das sind oft Frauen - sind natürlich Unternehmerinnen, die wirtschaftlich handeln und denken. Leider sind viele Berufe, die Frauen ausüben, oft schlecht bezahlt und werden nicht immer ernst genommen. Viele Frauen sind berufstätig und übernehmen zusätzlich einen großen Teil der Familienarbeit – das ist eine große Doppelbelastung.

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