Vorfreude auf ein kleines Wunder

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Tatjana Malafy, Geschäftsführerin der Rottweiler Gemeinde, ist von großer Freude erfüllt über die Synagoge, die am 19. Februar
Tatjana Malafy, Geschäftsführerin der Rottweiler Gemeinde, ist von großer Freude erfüllt über die Synagoge, die am 19. Februar am Rottweiler Nägelesgraben eingeweiht wird. (Foto: sbo)

Eine kleine Gemeinde erfüllt sich einen großen Traum. Nur noch wenige Tage, dann weiht die Israelitische Kultusgemeinde Rottweil/Villingen-Schwenningen ihre neue Synagoge ein.

Rund eineinhalb Jahren hat es gedauert, nun legen die Handwerker in Rottweil letzte Hand an.

Das große Ereignis lenkt nicht nur die Aufmerksamkeit der jüdischen Gemeinden in ganz Deutschland auf die älteste Stadt Baden-Württembergs, sondern ruft auch die große Politik auf den Plan. Unter vielen anderen haben sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann, aber auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, als Gäste des Festakts angesagt.

Tatjana Malafy, Geschäftsführerin der Rottweiler Gemeinde und stellvertretende Vorsitzende des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft (IRG) Baden, ist schon jetzt „von großer Freude“ erfüllt. Sie ist einer der Motoren hinter dem Projekt. Noch muss die im wahren Wortsinn junge Gemeinde mit einer Etage im ehemaligen Postamt in der Rottweiler Innenstadt vorliebnehmen.

Eigentlich war das Ziel, die neue Synagoge schon vor rund vier Jahren zum zehnjährigen Bestehen der Rottweiler Gemeinde einzuweihen, aber es taten sich Hindernisse auf.

Die Stadt Rottweil unterstützte das und verkaufte der Gemeinde ein Grundstück am Entreé zur historischen Innenstadt am Nägelesgraben.

Aber das Vorhaben war ohne die finanzielle Unterstützung des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden nicht zu stemmen. Doch ausgerechnet in dieser entscheidenden Phase kam es in Baden-Baden zu finanziellen Unregelmäßigkeiten. Die Vorgänge mussten zunächst geklärt werden, bevor über finanzielle Dinge entschieden werden konnte. Das dauerte seine Zeit. Das Grundstück am Nägelesgraben lag weiterhin brach.

Erst im August 2015 war es soweit, mit dem ersten Spatenstich fiel der Startschuss. Der Bau konnte beginnen. Sowohl israelitische Gemeinde und Oberrat, als auch Vertreter der Politik betonten bei dieser Gelegenheit die große Bedeutung des Synagogenbaus. Immerhin wurden nach Auskunft des Zentralrats der Juden seit dem Zweiten Weltkrieg gerade einmal sieben neue Synagogen und lediglich zwei sogenannte Betsäle in Baden-Württemberg eingeweiht.

Nun ist ein solches Gebäude nur bedingt mit anderen Bauwerken zu vergleichen. Vieles ist zu beachten, religiöse Belange sind zu berücksichtigen, auch der Sicherheitsaspekt darf nicht vernachlässigt werden. Architekt Christof Birkel weist in diesem Zusammenhang auf die Anlage einer sogenannten „Mikwe“ hin, dem rituellen Tauchbad. Für den Sabbat wurde beispielsweise eine spezielle Schaltung der Lichtanlage notwendig.

Tatjana Malafy ist schon jetzt von dem neuen Bauwerk begeistert, obwohl alles in diesen Tagen noch nach Baustelle aussieht. Wenn sie die Synagoge betrete, lächelt sie, empfinde sie ein „Wow!“. Die Synagoge sei „hell und schön“ geworden, einer jungen und aktiven Gemeinde angemessen. Nun empfinde sie ein „Gefühl von Freude und Glück“. Immer wieder habe es Abstimmungsgespräche mit dem Oberrat gegeben. Besonders dessen Vorsitzender Rami Suliman habe den Bau zu seinem persönlichen Anliegen gemacht. „Er hilft uns überall und war immer da, wenn wir ihn brauchten“, so Malafy. Auch die Stadt Rottweil habe viel geholfen. „Ich kann meinen Dank gar nicht aussprechen“, betont sie. Am Ende sei fast alles umgesetzt worden, was sich die Gemeinde gewünscht habe.

Die Arbeiten seien weder für die Gemeinde noch für den Architekten immer bequem gewesen. „Architekten denken eben nicht jüdisch“, schmunzelt Malafy. Gleichwohl bleibt der Synagogenbau für die Gemeinde ein beinahe schmerzlicher finanzieller Kraftakt, der sie die kommenden Jahre noch beschäftigen wird.Und Malafy betont, dass ihr Einsatz als Motor des Synagogenbaus ohne die Unterstützung und das Verständnis ihrer Familie nicht möglich gewesen wäre. So sei „ein Wunder“ entstanden.

Die Gemeinde feiert am 19. Februar nicht nur die Einweihung der Synagoge, erstmals wird seit der Reichspogromnacht ein Rabbiner in Rottweil in sein Amt eingeführt. Ganz bewusst habe man sich mit Levi Yitzchak Hefer für einen jungen Rabbiner entschieden. Die gegenseitige Sympathie habe schließlich den Ausschlag gegeben. Er spreche besonders die Jugendlichen in der Gemeinde an. Hefer werde mit seiner Frau und den beiden Kindern in die Synagoge einziehen.

Den genauen Überblick über die Gäste beim Festakt hat Malafy noch nicht. Neben Kretschmann und Schuster werden sicher die beiden Oberbürgermeister Broß und Kubon dabei sein, ebenso die Landräte der Kreise Rottweil, Schwarzwald-Baar und Tuttlingen. Auch der Landtagsabgeordnete Stefan Teufel, der den Bau immer unterstützt habe, werde kommen. Die beiden Oberräte von Baden und Württemberg werden, so hofft sie, vollzählig erscheinen.

Wenn man die werdende Synagoge in diesen Tagen betritt, sieht man, was in ihr steckt. Im Zentrum des Gemeindezentrums steht natürlich die Synagoge selbst. Von der Frauen-Empore im Obergeschoss – Männer und Frauen sitzen getrennt – sieht man auf den Thoraschrein (Aron ha-Quodesch), in dem die drei Thorarollen aufbewahrt werden. Nebenan befindet sich ein Raum für Besprechungen der Gemeindeangelegenheiten und tagt der Literaturverein. Hier treffen sich auch die Senioren der Gemeinde, Holocaust-Überlebende, wie Malafy betont. Daran schließt sich das Büro des Sozialbetreuers an, der ihnen bei Behördengängen und vielen anderen Dingen zur Seite steht.

Der Jugendraum ist Malafys ganzer Stolz. Hier sollen die jungen Gemeindemitglieder zusammen kommen. ganz wichtig ist auch die Bibliothek. (Malafy: „Die Juden sind ein Volk der Bücher.“) Hier steht Literatur in Deutsch, Hebräisch und Russisch, alle Gemeindemitglieder stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Gegenüber ist das Büro des Rabbiners und seine Wohnung.Im Erdgeschoss sind neben der Synagoge ein großer Festsaal für das gemeinsame Essen nach dem Gottesdienst sowie zwei Küchen untergebracht. Im Keller befindet sich die Mikwe, das rituelle Tauchbad.

Die Gemeinde hofft noch auf Spenden, besonders für den Jugendraum. Wer sie finanziell unterstützen möchte, kann sich direkt an Tatjana Malafy unter Telefon 0179/ 94 19 601 wenden.

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