Vom Seelenleben einer Ü50-Frau

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Evelin Nolle-Rieder und ihre Partnerin Petra Pfaff-Fellinger (Piano, Gitarre, von rechts) boten im Rahmen der Reihe „Mundart &
Evelin Nolle-Rieder und ihre Partnerin Petra Pfaff-Fellinger (Piano, Gitarre, von rechts) boten im Rahmen der Reihe „Mundart & Musik“ einen amüsanten schwäbischen Abend in Reichenbach. (Foto: Gisela Spreng)
Schwäbische Zeitung
Gisela Spreng

Steigender Blutdruck, wachsende Kleidergrößen, Verlust der potenziellen Fruchtbarkeit samt Hitzewallungen – alles gesehen aus dem Blickwinkel einer Ü50-Frau, die über ihr eigenes Verfallsdatum nachdenkt – kein Thema ist Evelin Nolle-Rieder fremd. Sie erzählt und singt frisch von der Leber weg über sich und „‘s Leaba wie’s ischt“ und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Mit ihrem kabarettistischem Programm „‘s ischt wie’s ischt“ stocherte die Winterlingerin in Reichenbach mit ihrer Partnerin Petra Pfaff-Fellinger am E-Piano munter im Seelenleben der Frauen herum, die zu der Erkenntnis gelangt sind: „Midda im Leaba ischt d’Hälfte scho rum“.

Die Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins hatte wieder einmal zu ihrer Reihe „Mundart & Musik“ eingeladen. Und Albvereinschef Martin Marquart freute sich, dass mit 70 Zuhörern so viele wie selten zuvor gekommen waren. Auch viele Wanderfreunde aus den Nachbargemeinden zeigten ihre Solidarität zu den Reichenbacher Albvereinlern.

Die gelernte Krankenschwester Nolle-Rieder, die in Hamburg eine Schauspielausbildung absolviert hat, zog gute zwei Stunden lang alle Register ihres Talents und das ihrer Kollegin, um den Gästen auf Winterlinger Schwäbisch einen vergnüglichen Abend zu bereiten. Dass es nicht leicht ist, ein fernsehverwöhntes Zuschauervolk zu begeistern, mag so mancher im Saal gedacht haben. Es dauerte relativ lange, bis der zündende Funke so richtig übersprang. Nach etwas zähem Einstieg gelang es den beiden Doppelnamen-Frauen aber doch, die Leute mitzunehmen auf ihre heiter-komische Reise durch Lebenslust und Lebensfrust. Sie schafften es zwar nicht, die Zuhörer von einem Lachanfall zum nächsten hochzuschaukeln, aber das war auch nicht ihre Absicht. Verständnisvolles Schmunzeln und ab und zu ein Sonderbeifall genügten. Schließlich bearbeiteten die zwei auch nicht die Themen, die Lachorgien erzeugen. So werkelten sie nicht unter der Gürtellinie, hatten keinen Kokolores auf Lager und holten keine Besucher zu sich nach vorn, über die das Volk dann lachen konnte.

Evelin Nolle-Rieder gestattete als gute Beobachterin mal nachdenkliche, mal heitere Einblicke in weibliche und männliche Eigenheiten. Die Seitenhiebe aufs andere Geschlecht waren eher behutsam, die Rückblicke eher leicht wehmütig, die Erkenntnisse eher emotional eingefärbt. Den ganzen Wust an Erlebtem verarbeiteten die Künstlerinnen zu kleinen Liedern und Chansons mit eigenen Texten und meist eigenen Melodien. Petra Pfaff-Fellinger begleitete am Piano und auf der Gitarre, sang ab und zu die zweite Stimme oder gab witzige Kommentare ab. Worüber? – Natürlich „übers Leaba“. Bemerkungen wie „In den 80er Jahren habe ich den Laden gerockt; heute schlafe ich beim Tatort ein“, weckten beim Zuhörer Sympathien.

Auch das Publikum durfte seinen Beitrag leisten: Aus seltenen schwäbischen Begriffen, die die Besucher den Frauen zuriefen, machte Nolle-Rieder in der Pause ein richtig gutes schwäbisches Gedicht. In ihren Eigenkompositionen lebten die zwei ihre Träume von Liebe, unerfüllten Wünschen oder auch von der Sehnsucht nach dem eigenen Klo während des Urlaubs („Mi druckt’s jo so – i brauch mei Klo“). Manchem Besucher dürfte so ein stiller Abend zum Schmunzeln vielleicht willkommener gewesen sein als ständiges Gejohle und Schenkelklopfen über unanständige Witze am Fließband.

Das obligatorische Schmalz- oder Speckbrot in der Pause rundete das urig-rustikale Flair des schwäbischen Abends in Reichenbach ab.

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