Verträgt Wehinger Ortsmitte einen Aldi?

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Redaktionsleiterin

Sachlich, engagiert und sehr argumentreich haben zahlreiche Wehinger Bürgerinnen und Bürger am Mittwoch fast drei Stunden lang in der Schlossberghalle das Thema: Aldimarkt auf dem Bauser-Linse-Areal diskutiert. Erstaunlich dabei: Argumente und Gegenargumente kamen meist aus der Bevölkerung.

Das Podium mit Bürgermeister Gerhard Reichegger, dem Projektentwickler und Investor Helmut Teuber, PMG Spaichingen, dem Planer der PMG Ralf Haug, FSP Freiburg, Thomas Geissler von der Kommunalentwicklung der LBBW, der den Tag der Städtebauförderung 2017 durchgeführt und die Sanierungsgebietsanträge gestellt hat, Ralf Breitkopf von Aldi sowie Sabine Reger als Sprecherin der Bürgerinitiative gegen den Aldi im Ort, mussten oft nur bei Fachfragen flankieren.

Moderiert wurde der Abend von Thomas Uhlendahl, selbstständiger Moderator und Mediator.

Inhaltlich stellten sich drei Ebenen heraus: Die eine, strukturelle, wurde sehr stark von Sabine Reger vertreten: Der Abriss der Gebäude auf dem Bauser-Linse-Areal schaffe eine solche Gestaltungschance im Ort, dass man sie sich diese nicht mit vorgezogenem Schaffen von Fakten – also der Bebauung mit Markt und Parkplätzen – buchstäblich verbauen sollte. Dabei ging es um die noch recht unklaren Vorstellungen davon, wie sich Wehingen in den nächsten Jahren entwickeln soll im Spannungsfeld zwischen Infrastruktur und Versorgung einerseits und wohnen und leben andererseits.

Die zweite Ebene kam sehr stark vor allem in den Wortmeldungen aus dem Saal zum Tragen. Eduard Moosbrucker gab zu Beginn verstehen, dass er sich anfangs bereiterklärt habe, die Initiative zu vertreten. Dies aber vor allem aus dem Impuls heraus, die Umgebung, mit der er aufgewachsen sei und lebe, mit vielen Bäumen und Grün, zu erhalten und nicht zuzupflastern mit einem Gebäude, das dieses Gefüge innerorts zerstöre.

Ähnliche Befürchtungen äußerten Bürger: Zu viel Verkehr, Lärm und ähnliches. Auch dass die vier Märkte und der Schmotzigenumzug nicht mehr wie gewohnt stattfinden werden können, weil die Straße nicht gesperrt werden könne, wurde befürchtet. Aldi-Vertreter Breitkopf sagte, wenn niemand zum Einkaufen gehe, dann mache man an einem solchen Tag auch einfach zu. Es gebe pragmatische Lösungen.

Gutachten zum Verkehr läuft

Alle anderen Wortmeldungen drehten sich darum zu hinterfragen, ob die jeweiligen Behauptungen auch stimmen. Zur Frage des Verkehrs etwa ist ein Gutachten beauftragt, das Ende August fertig sein soll. Immer wieder wurde das aktuelle CIMA-Einzelhandelsgutachten zitiert, das auch die Ergebnisse von Bürgerworkshops seit 2014 mit je rund 50 Teilnehmern einbezieht. Wie repräsentativ allerdings die dortigen Äußerungen und Kritik gerade aufs Bauser-Linse-Areal sind, hinterfragte ein Bürger: Drei grüne Punkte als wertvolle Fläche repräsentierten die Meinung von drei Bürgern.

Bürgermeister Reichegger skizzierte die Eckpunkte der Ortsentwicklungs-Möglichkeiten. Ein Punkt: wohnen im Ortskern vor allem für Senioren sei etwa bei der Schlossbergschule möglich, Entwicklungspotenzial biete auch der Bereich des Sportheims. Angedacht sei, einen Ideenwettbewerb unter Stadtplanern auszuloben.

Einen wichtigen Hinweis zu den Rahmenbedingungen gab Stadtplaner und Architekt Thomas Geissler: Die Prognosen des statistischen Landesamts besagen, dass im Jahr 2035 Wehingen schlimmstenfalls in der Bevölkerungszahl stagniert, im besten um 300 Menschen gewachsen ist, dass aber die Bevölkerung älter wird. 20 bis 30 Prozent seien dann über 65.

Einzelhändler meldeten sich auch zu Wort: Sie erwarten eine Belebung des Geschäfts durch einen Aldi.

Zur Person: Sabine Reger

Sabine Reger hat auf dem Podium die Bürgerinitiative vertreten, die im Juni 220 Unterschriften für einen Antrag auf ein Bürgerbegehren für einen Bürgerentscheid gegen den Aldi im Ortskern gesammelt und abgegeben hat. Im Januar hat der Gemeinderat den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan Aldi gefällt. Dieser soll nun am Montag bei der Ratssitzung noch einmal wiederholt werden, um die Frist für ein Bürgerbegehren wieder zu starten (drei Monate), da der erste vermutlich nicht rechtskonform ist. Man wolle sich nicht dem Vorwurf aussetzen, die Bürger nicht zu hören, so Bürgermeister Reichegger.

Sabine Reger lebt in Wehingen, hat jüngst aber durch einen komplett anderen Zusammenhang Schlagzeilen gemacht: Sie ist von der AfD im Landtag als Laienrichterin im Landesverfassungsgericht nominiert worden und im ersten Wahlgang durchgefallen. Im zweiten Wahlgang wurde sie gewählt. Reger ist im Kreisvorstand der AfD Kassenprüferin und laut einer Visitenkarte auf ihrer Homepage Unternehmensberaterin. (abra)

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