„Sprechende Medizin muss weiterhin ihren Stellenwert behalten“

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 Die Zukunft der Spaichinger Klinik bleibt auch nach der Sommerpause ein dringliches Thema.
Die Zukunft der Spaichinger Klinik bleibt auch nach der Sommerpause ein dringliches Thema. (Foto: Emanuel Hege)
Schwäbische Zeitung

Klinikinitiative und Förderverein nehmen Stellung zum Artikel „Professor Giovanni Maio unterzeichnet Appell für humanere Medizin“ auf der Spaichinger Seite am Samstag, 7. September. Der Ärzte-Appell „gegen das Diktat der Ökonomisierung unserer Krankenhäuser“ im „Stern“ sei sehr ernst zu nehmen. Jedoch hätte im Text der Eindruck entstehen können, Maio bzw. die Unterzeichner des Appells seien für die Positionen von Landrat Stefan Bär zur Zusammenlegung der Klinikstandorte Spaichingen und Tuttlingen.

„Der Freiburger Medizinethiker Prof. Giovanni Maio, der im Juli das Impulsreferat beim „Gesundheitsforum“ des Spaichinger Fördervereins Krankenhaus gehalten hat, gehört zu den Mitunterzeichnern eines Ärzte-Appells „Gegen das Diktat der Ökonomisierung unserer Krankenhäuser“. Darin fordern die Unterzeichner unter anderem die Abschaffung oder zumindest grundlegende Reform des Fallpauschalensystems, aber auch „den Mut, mancherorts zwei oder drei Kliniken zu größeren, leistungsfähigeren Zentren zusammenzuführen“, hatte es in dem Artikel geheißen.

„Großes Missverständnis“

„Es wäre nun aber ein großes Missverständnis, würde man daraus den Schluss ziehen, dies könnte auf unsere Situation im Kreis Tuttlingen bezogen heißen, und Prof. Maio und die Unterzeichner seien im konkreten Fall auf der Seite des Landrats“, so Dr. Albrecht Dapp von der Initiative in einer Pressemitteilung.

Klar sei, wie die Unterzeichner feststellten, dass das Abrechnungssystem nach Fallpauschalen Krankenhäuser finanziell in die Enge und rote Zahlen treibe. „Klar ist auch, dass dieses Abrechnungssystem das Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und Ärzten korrumpiert. Denn wie kann sich unter solchen Bedingungen ein Patient darauf verlassen, dass er angemessen und nicht gemessen am finanziellen Ergebnis für das Krankenhaus behandelt wird?“ Klar sei auch, „dass man in der Medizin stets auch sparsam handeln und kostenbewusst und verantwortlich entscheiden muss“. Dies verträten viele Initiativen der Fachgesellschaften. Die Ärzte am Standort Spaichingen hätten dies bisher dergestalt unterstützt, „dass ihre Sachkosten regelmäßig niedrig gewesen seien und dennoch gute Medizin Kennzeichen der Klinik blieb“.

Grundsätzlich klug sei auch die Entscheidung gewesen, die Standorte Spaichingen und Tuttlingen frühzeitig zusammen zu führen, was allerdings schon unter dem Diktat der Budgetierung und der Einführung der Fallpauschalen geschehen sei, um Defizite zu vermeiden. „Damit passierte unter den Bedingungen der Ökonomisierung der Krankenhausmedizin aber Folgendes: Die lukrativen Abteilungen und Prozeduren wurden in Tuttlingen angesiedelt oder gestärkt, die unter dem Diktat der Fallpauschalen aber uninteressante sprechende und konservative Medizin in Spaichingen.“ Da das „Fallpauschalensystem“ aber jedes Jahr immer schärfer gestellt werde, „geriet dieser Bereich immer stärker unter Druck“.

„Stetig wurde unter diesem Druck abgebaut, in Frage gestellt, besonders auch der Gesichtspunkt der Versorgung der anvertrauten Menschen im ganzen Landkreis, und das Ergebnis waren weiter „schlechte Zahlen“, so Dapp. „Wollen aber die Bürger im Kreis, dass ein Zeichen gegen diese Ökonomisierung der Krankenhausmedizin gesetzt wird, dass eine menschlich angemessene Medizin weiterhin praktiziert wird, und dass „sprechende Medizin“ weiterhin ihren Stellenwert behält, und dass auch die Patienten aus dem nördlichen Teil des Landkreises nicht in Kliniken außerhalb abwandern, dann muss der Standort Spaichingen erhalten bleiben, unabhängig von den womöglich „schlechten Zahlen“ der Grundlage des Gutachtens.“ Klinikbetten seien im Kreis Tuttlingen längst zur Genüge abgebaut worden. Und um Hausärzte für den Kreis zu gewinnen, seien „genügend Ausbildungsplätze auch im nördlichen Landkreis dringend erforderlich. Sonst stehen auch keine jüngeren Ärzte mehr zur Verfügung, um neue Versorgungsmodelle wie MVZ zu besetzen.“

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