Der Landarzt der Zukunft könnte bald ein Bildschirm sein

Der Arzt am Schirm, die App in der Hand: Telemedizin ist eine Chance die medizinische Versorgung auf dem Land zu sichern. Voraus
Der Arzt am Schirm, die App in der Hand: Telemedizin ist eine Chance die medizinische Versorgung auf dem Land zu sichern. Voraussetzung sind Sanitäter vor Ort und ein gutes System für digitale Krankenakten. (Foto: Jan Woitas/dpa)
Crossmedia-Volontär

Die Klinik ist geschlossen, das zukünftige Gesundheitszentrum muss teilweise erst noch gebaut werden. Die Sorge um die medizinische Versorgung in und um Spaichingen ist deutlich sichtbar. Die Spaichinger Gesundheitstage sollen Möglichkeiten aufzeigen, aber auch den Druck auf die Verantwortlichen aufrechterhalten, damit Spaichingen eine Gesundheitsstadt wird.

Ob Technologie einen Weg bietet, den Ärztemangel aufzuheben, wird die Professorenrunde am Samstagabend, 24. September, diskutieren. Einer der Teilnehmer ist Professor Dr. Thomas Sauter aus Bern, der sich mit der Digitalisierung der Medizin beschäftigt. Unsere Redaktion hat vorab mit ihm gesprochen.

Es mutet ein wenig an, wie die Geschichte von dem Flugreisenden, der nach der Vergiftung beider Piloten nun per Anleitung über Funk versuchen soll, das Flugzeug zu landen. „Aber das Bild ist gar nicht so falsch“, sagt Dr. Sauter. Allerdings sind es dann nicht hilflose Touristen am Steuerknüppel, sondern ausgebildete Sanitäter, die beim Patienten vor Ort wären - und der Arzt ist per Video dabei und kann auch genau sehen, was passiert, hat die Daten über den Patienten auf dem Schirm und kann das Geschehen anleiten. Das ist der Grundgedanke der Telemedizin.

Telemedizin bereits vielfach im Einsatz

„Das Prinzip ist nicht neu, gerade in großen Flächenländern mit geringer Bevölkerungsdichte, wie in Kanada, wird es bereits erfolgreich praktiziert“, berichtet Dr. Sauter, der an der Universität Bern auch zu Telenotfallmedizin forscht.

Die Limits kommen erst, wenn ich einen Patienten anfassen muss.

Dr. Thomas Sauter

Er kennt die Grenzen, aber auch die Möglichkeiten der Telemedizin sehr genau. „Die Limits kommen erst, wenn ich einen Patienten anfassen muss, das ist über die Distanz natürlich nicht zu leisten. Aber auch einen verknacksten Knöchel kann ich über den Bildschirm diagnostizieren“, sagt Dr. Sauter.

Es gebe sogar Vorteile: „Wenn ich als Arzt einen Patienten in der Praxis sehe, dann sehe ich nur ihn, nicht aber sein Umfeld. Sehe ich ihn per Video, sehe ich auch sein Zuhause – und manchmal kann auch darin ein Teil der Lösung gefunden werden. Man bekommt ein ganzheitlicheres Bild.“

Digitalisierung kein Ersatz, aber eine Hilfe für Landärzte

Immer mehr Kliniken und Notaufnahmen auf dem Land schließen - nicht nur in Spaichingen. Für Dr. Sauter ist die Digitalisierung der Medizin zwar kein Ersatz für die Landärzte, könne sie aber entscheidend unterstützen. „Digitalisierung kann den ländlichen Raum sogar attraktiver für Mediziner machen“, meint Dr. Sauter. „Denn dann ist man nicht mehr alleine als Einzelkämpfer für alles, sondern kann sich mit Kollegen konsultieren und mit Spezialisten besprechen.“

Die Kombination aus Rettungsdienst und Telemedizin könnte auch für Hausarztbesuche eingesetzt werden.

Dr. Thomas Sauter

Medizin sei Teamarbeit, die vom Austausch lebt. „Zudem könnte auch die Dauerbelastung, alleine am Ort 24 Stunden am Tag verfügbar sein zu müssen, reduziert werden, wenn andere Mediziner per Telemedizin einspringen können.“

Nicht nur die Notfallmedizin könnte von der Digitalisierung der Medizin profitieren. „Die Kombination aus Rettungsdienst und Telemedizin könnte auch für Hausarztbesuche eingesetzt werden“, ist sich Dr. Sauter sicher - sofern der Rettungsdienst nicht mit Notfällen ausgelastet sei. Denn so könnten auch in Regionen mit wenigen oder gar keinem Arzt eine ärztliche Versorgung ermöglicht werden.

Gute Telemedizin braucht gute Rettungsdienste

Dabei spielen die Ausbildung und die Verfügbarkeit von Rettungsdiensten eine entscheidende Rolle. „Solche Projekte lassen sich natürlich nicht einfach kopieren. Hier in der Schweiz sind die Vorraussetzungen beispielsweise anders als in Deutschland“, sagt Dr. Sauter. Die Ausbildung in der Schweiz sei umfangreicher.

Zudem dürften die Schweizer Sanitäter auch mehr Arten von Medikamenten verabreichen, als in Deutschland. „Da braucht es immer noch die Zustimmung eines Arztes, der dann per Video zugeschaltet sein müsste.“ Eine Digitalisierung müsse daher mit einer umfassenden Ausbildung der Sanitäter einhergehen.

Die wichtigste Grundlage der Digitalisierung der Medizin ist aber die digitale Patientenakte. Sie solle dringend die Akten, die in Kellern verstauben und die dutzenden Zettel, die Patienten von A nach B schleppen, nur damit diese schließlich irgendwo abgelegt werden, ersetzen.

Statt Zetteln braucht es digitale Patientendaten

„Die Daten müssen für alle in der Behandlungskette einsehbar sein: Für die Sanitäter vor Ort und den Arzt am Bildschirm oder auch für weitere Ärzte, um Zweitmeinungen einzuholen“, berichtet Dr. Sauter. Dabei kann ein Konflikt mit dem Datenschutz entstehen.

„In der Schweiz haben wir die digitale Krankenakte schon, aber die Funktionen wurden für den Datenschutz so sehr eingeschränkt, dass sie kaum nutzbar ist. Es gibt zum Beispiel keine Suchfunktionen und ist eher wie ein ungeordneter virtueller Datenschrank“, berichtet er. Damit sei sie in der Praxis kaum nutzbar.

KI ist dann gut, manchmal sogar besser als ein Arzt, wenn es ums Analysieren von Haut- oder Röntgenbildern geht.

Dr. Thomas Sauter

Was den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) in der Telemedizin eingeht, da ist Dr. Sauter noch etwas zurückhaltend. „KI ist dann gut, manchmal sogar besser als ein Arzt, wenn es ums Analysieren von Haut- oder Röntgenbildern geht. Und sie untersucht objektiver, kann also auch Dinge auf einem CT oder Röntgenbild erkennen, nachdem der Arzt akut gar nicht sucht“, berichtet der Mediziner.

Allerdings brauche die KI als lernender und analysierender Prozess auch genug Daten, aus denen sie lernen und vergleichen kann - womit wieder die digitale Patientenakte als Grundlage nötig sei. „Strukturierte Daten, die durchsuchbar sind, bleiben der erste wichtige Schritt für eine wirklich erfolgreiche Telemedizin“, sagt Dr. Sauter. „Datenschutz ist ohne Zweifel wichtig. Aber es muss ein Weg gefunden werden, der die Patientendaten sichert, ohne die digitale Patientenakte unbrauchbar zu machen.“

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