Mythos Fliegen beflügelt seit 90 Jahren

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Redaktionsleiterin

Das Jubiläum wird gefeiert am Freitag, 21. September, mit einer vereinsinternen Feier in der Stadthalle, und am Sonntag, 23. September ist ein Fest in der Stadthalle mit Festprogramm für die Öffentlichkeit. Los geht es um 10 Uhr mit dem Frühschoppen und der Stadtkapelle und natürlich Bewirtung den ganzen Tag. In der Halle gibt es einen Segelflug-Simulator und einen flugfähigen Schulgleiter vom Typ SG38, also genau so ein Flugzeug, wie es in den Anfangstagen am Dreifaltigkeitsberg, Hohenkarpfen und Osterberg zum Einsatz kam. Auch werden weitere Flieger gezeigt und es gibt ein Rahmenprogramm für Kinder.

Ein ziemlich verwegenes Unterfangen muss vor 90 Jahren die Fliegerei gewesen sein. In dieser Zeit, in der noch ausprobiert und getüftelt wurde, Pferde die Flugzeuge den Berg hochziehen und Helfer beim Start für ein bruchfreies In-die-Luft gehen sorgen mussten, haben die Altvorderen die Spaichinger Segelfliegergruppe gegründet. Am 21. und 23. September feiern die Flieger, die inzwischen mit der Aldinger Gruppe fusioniert sind, ihren runden „Geburtstag“.

Wer die Geschichte der Fliegerei in unserer Gegend im Heuberger Boten 1978 – auf der Basis der Niederschriften des Vereins – liest, staunt: einerseits muss in den 20er-Jahren eine große Lust am Tüfteln und am Abenteuer geherrscht haben, andererseits eine Art Aufbruchstimmung der Fliegerei. Und: Spaichingen und Umgebung waren offenbar, so wie heute das Klippeneck, ein bekannter Platz in der Deutschen Fliegerszene.

Es war nicht so wie heute, dass die Fliegerei vor allem durch leichtere Materialien und ausgeklügelte Technik fortentwickelt wird, man sich diese Dinge aber leisten können muss: Damals, in jenen ersten Gründerjahren, schienen die Segelfliegergruppen, von denen die erste in Wurmlingen (Tuttlingen) entstand, dann die Spaichinger, Schwenninger und Rottweiler Gruppen entstanden, allesamt an dem großen Projekt Flugzeugentwicklung beteiligt gewesen zu sein. Und das mit Begeisterung.

Gottlob Thumm war ein Tüftler, seine Firma stellte Motoren her; auch heute gibt es sie noch, allerdings auf Elektromotoren spezialisiert. Thumm war der maßgebliche Mann in jenen ersten Jahren der Segelfliegerei in Spaichingen und Umgebung. Zu Flügen und zur Ausbildung wurden, so schien es, alle geeignet scheinenden Hügel und Berge der Region benutzt.

Der Dreifaltigkeitsberg mit seinen Startbedingungen an jenem 300 Meter hohen Westhang und einer unbewaldeten Hochfläche rückte schon 1926 in den Fokus der Segelflugwelt. Das, was heute die Formel 1 ist, müssen wohl diese Flugpioniere gewesen sein: Sie testeten neu gebaute Flugzeuge und gründeten so manchen Mythos. Einer davon, Wolf Hirth, selbst Ingenieur, kam zum Testen eines Messerschmitt-Flugzeugs 1926 auf den Dreifaltigkeitsberg.

Dass das Flugzeug zu Bruch ging, bei einem „Großen“ wie Hirth wie bei den „Kleinen“ wie Thumm, das gehörte dazu. Im Herbst 1927 startete dann Hirth zum ersten Gleitflug in Südwürttemberg, so die Annalen des Vereins.

Hackbrett mit Schmierseife eingerieben

Die Spaichinger - jetzt schon selber als Segelfluggruppe - unterstützten diese Flugpioniere. Zum Beispiel mit einem langen Hackbrett, das mit Schmierseife eingerieben war als Startrampe, eine Quelle berichtet sogar, dass die Patres auf dem Berg beim Start geholfen hätten. Hangstart, Katapultstart und dann - durch die Schwenninger, die am Hörnle in Gosheim gestartet waren - Schleppstart auf dem Klippeneck. Der Karpfen und auch der Osterberg bei Dürbheim blieben weiter Startplätze.

1933 wurden auch die Spaichinger Segelflieger in die gleichgeschaltete Struktur des „Dritten Reichs“ einbezogen, mit Uniformzwang, vor allem aber dem Ziel der militärischen Nutzung der Fliegerkünste, und so wurden 1939 viele Flieger zur Luftwaffe eingezogen. Viele starben. Vereinsintern waren die Meinungen gespalten: Es gab Anhänger der Nazis, aber auch Gegner.

Nach dem Krieg ließ die französische Besatzung die Fliegerei zunächst nicht zu, 1951 wurde sie wieder frei gegeben. In Spaichingen gründete Gottlob Thumm die Gruppe neu. An Gebäuden stand auf dem Klippeneck die Fliegerhalle, die in der Nazizeit gebaut wurde, in Spaichingen hatten die Segler ihr Vereinsheim beim Schlackenplatz. Erst als die Stadthalle gebaut werden sollte, mussten die Segler schweren Herzens raus. Sie bauten 1983/84 - wieder in Eigenleistung - ihr Vereinsheim, die Fliegerwerkstatt, in der Primstraße.

Mit der Technik mitzuhalten, Flugzeuge vor allem für die Ausbildung anzuschaffen, das kostet Geld; und so ließen sich die Segler neben Festen, Tanzveranstaltungen, Heimarbeit und Sponseringaktionen etwas Ungewöhnliches einfallen: Sie bauten gemeinsam in Eigenleistung ein Zweifamilienhaus im Längelenweg und nutzten den Verkaufserlös für die Vereinskasse.

Neben der technischen Ausstattung - es wurden sogar Flugzeuge selber gebaut und alle werden bis heute selbst gewartet - und der Konzentration auf das Klippeneck nach dem Krieg sowie der Gemeinschaftspflege rückte ein Aspekt der Vereinsarbeit immer mehr in den Mittelpunkt: das Gewinnen von Nachwuchs.

Die Segelfluggruppe Spaichingen-Aldingen

Vor dem Krieg haben Gottlob Thumm und Bernhard Stehle den Verein in Spaichingen geführt, berichtet Walter Streicher, der die Chroniken des Vereins in seinen Händen hält. Nach dem Krieg waren Gottlob Thumm (1951 bis 1956), Helmut Winker (1956 bis 1973), Kurt Schmieder (1973 bis 1981), Walter Streicher (1981 bis 1993), Hans-Peter Grimm (1993 bis 2007) und Gerold Hermle (aktuell) die Vorsitzenden des Vereins.

1994 schlossen sich die Spaichinger und die Aldinger Segler zusammen. Der Verein hat inzwischen 130 Mitglieder, davon sind 40 aktiv als Piloten mit Schein, und fünf Schüler sind in der Ausbildung. Acht Fluglehrer kümmern sich ehrenamtlich um die Schüler. Der Verein ist bemüht, den Sport auch für Menschen mit kleinem Geldbeutel offen zu halten. Flugbetrieb auf dem Klippeneck ist immer an den Wochenenden von Frühjahr bis Herbst: Übungsflüge, Schulflüge und Ausflüge mit dem Motorsegler. Es gibt in der Regel einmal im Jahr ein Schnupperfliegen und in den Sommerferien ein einwöchiges Fluglager; das aber auch bei befreundeten Fluggruppen.

Höhepunkt ist immer der Klippeneck-Segelflugwettbewerb, bei dem die Spaichinger die Bewirtung übernehmen - und dafür große Komplimente von den internationalen Teilnehmern einheimsen.

Schillernde Fliegerpersönlichkeit

Eine der Pionierinnen des Fliegens ist Marga von Etzdorf. Sie, eigentlich Motorfliegerin, startete 1929 vom Dreifaltigkeitsberg zum ersten Segelflug einer Frau. Sie war Lufthansapilotin, flog Test- und Reklameflüge und 1931 als erste Frau im Alleinflug von Deutschland nach Japan, in elf Flugtagen. Tausende empfingen die Rekordfliegerin am Flughafen in Tokio. Ein Weiterflug nach Bangkok endete mit einem Absturz und Verletzungen. 1933 wollte sie nach Australien fliegen, ihr gesponsertes Flugzeug erlitt bei der Landung in Aleppo aber einen - eigentlich reparablen - Schaden. Wohl, weil sie befürchtete, erneut ohne Flugzeug zurückkehren zu müssen und damit ihre Karriere zu Ende wäre, weil sie keinen Sponsor mehr finden würde, erschoss sie sich, 25-jährig, am Flughafen in Aleppo.

Das Jubiläum wird gefeiert am Freitag, 21. September, mit einer vereinsinternen Feier in der Stadthalle, und am Sonntag, 23. September ist ein Fest in der Stadthalle mit Festprogramm für die Öffentlichkeit. Los geht es um 10 Uhr mit dem Frühschoppen und der Stadtkapelle und natürlich Bewirtung den ganzen Tag. In der Halle gibt es einen Segelflug-Simulator und einen flugfähigen Schulgleiter vom Typ SG38, also genau so ein Flugzeug, wie es in den Anfangstagen am Dreifaltigkeitsberg, Hohenkarpfen und Osterberg zum Einsatz kam. Auch werden weitere Flieger gezeigt und es gibt ein Rahmenprogramm für Kinder.

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