Mutmaßlicher Mafioso wartet auf Prozess

Lesedauer: 5 Min

Justitia
Justitia (Foto: Peter Steffen)

Schmutzige Drogengeschäfte, Waffen und viel Geld: Während die Polizei jetzt bei einer Razzia gegen die Mafia im Ortenaukreis zugeschlagen hat, sitzt ein Strippenzieher aus Rottweil weiter in Untersuchungshaft. Der Prozess gegen den Gastronom Placido A. rückt in Sichtweite.

Die Nachricht hatte im Juni vergangenen Jahres die Region erschüttert: Placido A., ein beliebter italienischer Gastronom, der die Stadiongaststätte in Rottweil sowie ein weiteres Lokal in Schwenningen betrieb, war im Zuge einer groß angelegten Razzia festgenommen worden. In den italienischen Medien wird er als Strippenzieher beim Drogen- und Waffenhandel zwischen Sizilien und Deutschland beschrieben. Der 52-Jährige soll eine Organisation aufgebaut und geleitet haben, die mit dem Inzerillo-Clan in Verbindung steht. Dieser wiederum ist Teil der berüchtigten Cosa Nostra.

Ein Video der italienischen Finanzpolizei, das mit der Verhaftung des Rottweiler Wirts in Verbindung gebracht wird, zeigt ein Geheimversteck im Boden, bündelweise Bargeld in der Matratze, eine Villa, Luxuskarossen und Waffen. Auch Schüsse sind zu hören. Szenen, die in Rottweil und der Region für Fassungslosigkeit sorgten. Die Mafia – plötzlich ist sie ganz nah.

Jetzt rückt der Fall angesichts der Großrazzia vom Dienstag wieder in den Fokus: Unter anderem im Raum Offenburg wurden elf Mitglieder des Farao-Marincola-Clans – eine Gruppierung der ’Ndrangheta – wegen Erpressung und Geldwäsche festgenommen. Die Mafia scheint überall. Ein Zusammenhang mit dem Rottweiler Fall bestehe jedoch nicht, erklärt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz, Andreas Mathy, auf unsere Nachfrage.

In dem Verfahren gegen Placido A. und elf weitere Beschuldigte, die seit der Razzia im Juni in Untersuchungshaft sitzen, befinde man sich mittlerweile „auf der Zielgeraden“, so Mathy. Die „verfahrensabschließende Entscheidung“ stehe kurz bevor. Sprich: Die Staatsanwaltschaft entscheidet über die Anklageerhebung.

Die Vorwürfe sind derart umfangreich, dass das Verfahren mehrere Umzugskartons voller dicker Leitz-Ordner füllt. „Es stehen eine Menge Tatvorwürfe im Raum“, so Mathy. Die Dimensionen hatten sich bereits bei der Razzia erahnen lassen: 300 Beamte waren im Raum Rottweil und Schwarzwald-Baar beteiligt. Von Geldwäsche, Drogen- und Waffengeschäften im großen Stil war im Zuge der Festnahmen die Rede.

Weil für die in U-Haft sitzenden Beschuldigten die geltende Sechs-Monats-Frist abgelaufen ist, prüft das Oberlandesgericht derzeit die Haftfortführung. Angesichts der Vielzahl von Taten sei es nicht möglich gewesen, das Verfahren innerhalb der Frist abzuwickeln, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Dies sei jedoch bei einem Fall dieser Dimension nicht ungewöhnlich. Und so könne auch noch keine Prognose zum Beginn eines etwaigen Prozesses abgegeben werden. Bei zwölf Beschuldigten und mindestens ebenso vielen Verteidigern sei die Terminierung recht schwierig.

Klar ist schon jetzt, dass bei einem Prozess gegen etliche teilweise dicke Fische im Mafia-Geschäft die Sicherheitsvorkehrungen eine besondere Rolle spielen werden. Ob das zuständige Landgericht Konstanz den Prozess in den eigenen Räumlichkeiten führen kann, wird deshalb noch zu prüfen sein. Laut Mathy sei auch eine Verlagerung in die Gerichtsräume in Stuttgart-Stammheim denkbar.

Vom Pizzaofen auf die Anklagebank: Placido A. war zuletzt auf Fotos in den Medien unter anderem lächelnd als freundlicher Pizzabäcker in seiner Rottweiler Gaststätte zu sehen. Dort erinnert inzwischen nichts mehr an den Mafiosi: Das Stadionrestaurant hat nach einigen Monaten Zwangspause unter neuer Regie wieder eröffnet. Den Prozess gegen den ehemaligen Wirt wird man in Rottweil nicht nur beim Fußballverein mit Interesse verfolgen. (sbo)

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen