Musiker improvisieren softe Töne

Lesedauer: 4 Min
Die beiden Frontmänner Michael Vliex (Gitarre) und Ingmar Kerschberger (Altsaxofon) (von links) verpassen jedem der traditionell (Foto: Gisela Spreng)
Schwäbische Zeitung
Gisela Spreng

„Es ist toll, wenn der ganze Festsaal groovt und swingt“, hat sich ein begeisterter Zuhörer in der Pause gefreut. Bereits zum zweiten Mal verwandelte sich die „Gute Stube der Primstadt“ in einen Jazz-Schuppen. Das „Movin‘ Along Jazz Quartet“ brachte den gediegenen Jugendstilraum des Gewebemuseums ganz schön in Fahrt. Und etwa 60 Zuhörer hatten eine Menge Spaß, denn es gab Jazz vom Feinsten.

Mit zwei bekannten Jazz-Standards gelingt ein Auftakt nach Maß. „September Song“ von Kurt Weill gibt Frontmann Ingmar Kerschberger (Frittlingen/Freiburg) die Plattform für ein paar softe Altsaxofon-Soli. Frontmann Michael Vliex (Münster/Rottweil) nimmt das melancholische Thema auf und legt mit tollen Gitarren-Improvisationen alle Farben des Herbstes darüber. Schlagzeuger Friedrich Arand aus Frittlingen und Bassist Jörg Hess aus Deißlingen unterlegen das Ganze gefühlvoll mit herrlich tristem Groove und setzen mal hier mal da ein paar herbstliche Akzente.

Für die Arie des Porgy „I Got Plenty O‘ Nuttin‘“ aus Georges Gershwins Folk-Oper „Porgy and Bess“ gibt’s den ersten zarten Beifall für Vliex‘ virtuoses Gitarren-Solo und dann kräftigen Applaus, als mit Keschbergers Saxofon-Improvisation so richtig die Post abgeht. Jetzt ist das Publikum in Fahrt und hat Spaß. Das Front-Duo Kerschberger-Vliex genießt seine Soli und wird mit jedem Stück besser. Ob Tristesse pur mit gefühlvollem Sound bei „Autumn Leaves“, gestützt vom Bass- und Drum-Teppich, oder heiße Bossa-Nova-Rhythmen bei „Triste“ – das sympathische Quartett findet stets den richtigen Drive und damit den Draht zum Publikum. Für den Schluss jedes Stücks haben Kerschberger oder Vliex noch eine kleine Überraschung im Ärmel, indem sie den letzten Chorus mit einem kleinen Fetzen Melodie ausklingen lassen, abrupt mit ein paar herrlich schrägen Akkorden abreißen oder ihn mit Fadeout verlöschen lassen.

Richtig lyrisch kommt nach einer fulminanten Drummer-Einleitung „Little Sunflower“ rüber. Bei „Cooking At The Continental“ bekommt Jörg Heß sein Bass-Solo und zupft die Saiten seines Kontrabasses mit wieselflinken, kraftvollen Fingern. Herrlichen Groove, über dem sich das Saxofon austoben darf, liefern Heß und Arand bei „Calypso Minor“. Für das Publikum ist es Vergnügen pur, zu hören und auch zu sehen, wenn Heß zwischendurch ein Solo zelebriert und sogar richtige Flageolett-Töne auf seinem Instrument produziert oder wenn Arand ungeheuer zartfühlend sein Schlagwerk streichelt.

Zwischendurch verrät Kerschberger seinen Fans, dass er genau in diesem Raum schon als Schüler gesessen habe – vorne rechts – als das Gewerbemuseum vor rund 30 Jahren einmal als provisorisches Klassenzimmer gedient habe. Zum Finale kriegt jeder Interpret noch einmal Chancen zum Improvisieren bei „Moose The Mooche“, dem Song vom herumlungernden Elch. Und alle Vier beweisen, dass sie’s einfach drauf haben und sich untereinander – fast – blind verstehen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen