Menschenfreund und Spaichinger Original Walter Weiss ist gestorben

Lesedauer: 7 Min
Redaktionsleiterin

Zeitlebens hat Walter Weiss gegeben und gespendet, für die Finanzierung seiner Hilfsfahrten gearbeitet. Für sich selbst hat er fast nichts behalten. Und so, wie er gegeben hat, so wollen seine Freunde jetzt ihm eine würdige Grabstelle geben. Wer sich beteiligen möchte, kann sich an Erich Kramer wenden. Der Zeitpunkt der Urnenbestattung wird noch veröffentlicht.

Walter Weiss lebt nicht mehr. Falsch, Walter Weiss ist gestorben. Denn in so vielen Biografien, Erinnerungen, Geschichten, Gedanken, Herzen lebt das Spaichinger Original weiter. In Spaichingen, Deutschland, Osteuropa. Und sicher einigen Weltecken mehr. Denn so genau weiß keiner, wie vielen Menschen aus aller Welt dieser bescheidene Mann geholfen hat.

Wenn Freunde und Bekannte in diesen Tagen zusammen sitzen und über ihn sprechen, kommen sie nicht umhin, Geschichten zu erzählen über das einzigartige Leben, das Walter Weiss geführt hatte. Voller Ungläubigkeit, dass er nun nicht mehr mit seinem Fahrrad mit der Autonummer SPA - WW - 32 herumfahren soll oder auf Spaichingens Straßen zu Fuß anzutreffen ist.

Dass er nicht bei den vielen Familien, mit denen er täglich verbunden war, vorbeischaut auf ein Schwätzchen und ein Gläschen. Dass er nicht mehr seine Stimme erhebt und gleichzeitig niemals auch nur ein böses Wort über einen Menschen verliert. Und voller Lachen über seine nie vorhersehbare, überraschende, lustige und rührende Art, auch mit Ungemach umzugehen.

Der Rahmen seines Lebens ist: Helfen. Es dürfte keinen Menschen geben, der von ihm je abgewiesen wurde. Rund 230 Mal ist Walter Weiss nach Polen, in die Ukraine, ins Kosovo und nach Rumänien gefahren, Hilfsgüter dabei für die, die gar nichts haben: Waisenhäuser, Obdachlosenasyle, Sozialstationen, Krankenhäuser. Immer dienten Schwestern von katholischen Orden als Vermittlung, also jene, die das Helfen ebenfalls zur Lebensaufgabe gemacht hatten und denen er vertraute und die ihm vertrauten.

Er kümmerte sich um Gastarbeiter, zuerst Italiener und zuletzt um Flüchtlinge aus allen Ländern. Walter Weiss, der gelernte Polsterer und langjährige Friehofsmesner sowie Bestatter, war sehr gläubig, fast ein katholischer Traditionalist, der moderne - ihm verwässernd scheinende - Tendenzen mit Skepsis beäugte. Aber er nahm die christliche Botschaft wörtlich, war so gutmütig und menschenfreundlich in seinem Tun, dass es ihn selbst dann nicht anfocht, wenn er bestohlen oder ausgenutzt wurde.

Walter Weiss wies niemals jemanden ab, der nach seiner Hilfe fragte. Er verschenkte eines Tages sein Bett an ein italienisches Paar und schlief fortan in einem von ihm gemütlich ausgepolsterten Sarg, einfach weil es geschickt so war. Und er hatte eine überaus charmante Art, auf allen Ebenen der Gesellschaft, Unterstützung so zu erbitten, dass es nur den Allerhärtesten eingefallen ist, ihn abzuweisen.

Wer vor seiner Tür stand, war zuerst ein Mensch

Und wenn seine in kein Raster passende Art ein gemeines Gerücht auslöste, stand der viel belesene, gebildete und mit Humor gesegnete Mann nicht nur drüber, sondern es konnte sogar passieren, dass er den Urheber des Gerüchts verteidigte. Als Menschlein eben. Und Walter Weiss meinte das niemals gönnerhaft, sondern er schien die einzigartige biblische Gabe zu besitzen, auch seine „Feinde“ zu lieben.

Dass einmal RAF-Terroristen, allerdings noch vor der großen Terrorwelle, bei ihm Unterschlupf gefunden haben sollen, wundert niemanden, der ihn kannte. Er sah in allen, die vor seiner Tür standen und um Hilfe baten, eines: Menschen.

Jeder, der ihn kannte, hat zu Walter Weiss eine Geschichte, kann einen Spruch zitieren wie: „Fünf Minuten Hilfe ist besser als zehn Tage Mitleid“ oder „Mein ganzer Stolz ist meine Bescheidenheit“ oder bei einem der schikanösen Grenzübertritte in den Ostblock in einer Zelle der DDR-Grenzer wartend: „Ich wollte schon immer mal in einer sozialistischen Zelle meditieren“.

Nicht nur einmal hat er einen Lastwagen dort, wo er war, stehen lassen müssen, einmal im Kosovo. Er sollte nach Hause fliegen, – aber ohne seinen geliebten Hund Sulayka (Er hatte Sulayka 1, 2 und 3 und danach Lady Ann, aber das ist eine andere Geschichte). Da packte ihn der heilige Zorn und er drohte dem Flughafenangestellten: „Ich kaufe Ihre Linie und entlasse Sie!“. Weil man aber hinter jedem Wutausbruch die Güte spürte, dürfte es eher Mitgefühl gewesen sein, das letztlich dazu führte, dass der Hund mitdurfte. Ansonsten, so sagte er, wäre er nach Hause gelaufen.

Was möglich ist, wenn einer wirklich will, konsequent ist und Menschen aller Art zum Mitmachen anregt, das zeigt Walter Weiss Leben. Er ist inmitten seiner Bücher - eines las er pro Tag - 85-jährig gestorben und, weil er allein lebte, weil die Frau die er mochte, ins Kloster ging, von seinem regelmäßigen Samstagsbesuch am 4. August gefunden worden. Er hatte das Bundesverdienstkreuz und die Martinusmedaille verliehen bekommen, Verbündete und Freunde in Politikern und Firmeninhabern, in ganz kleinen und ganz großen Menschen.

Walter Weiss war wie ein Kaleidoskop. Je nachdem wie man reinschaut, sieht man andere Facetten. Und (fast) alle sind schön.

Zeitlebens hat Walter Weiss gegeben und gespendet, für die Finanzierung seiner Hilfsfahrten gearbeitet. Für sich selbst hat er fast nichts behalten. Und so, wie er gegeben hat, so wollen seine Freunde jetzt ihm eine würdige Grabstelle geben. Wer sich beteiligen möchte, kann sich an Erich Kramer wenden. Der Zeitpunkt der Urnenbestattung wird noch veröffentlicht.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen