Leuchtend expressive Auferstehung

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 Wilhelm Geyer, „Auferstandener“, Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul, Spaichingen
Wilhelm Geyer, „Auferstandener“, Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul, Spaichingen (Foto: Frank Czilwa)
Frank Czilwa
Redakteur

Ein etwas mürrisch aussehender Christus steigt aus seinem Grab; rechts und links liegen vor ihm die schlafenden oder in Ohnmacht gefallenen Grabwächter. Der von kräftigen roten und blauen Farbtönen dominierte „Auferstandene“ ist eine der Glasmalereien des bedeutenden Kirchenkünstlers Wilhelm Geyer (1900-1968) in der Spaichinger Stadtkirche St. Peter und Paul.

Mit seinen klaren und leuchtenden Farben, aber auch der erdhaft-bodenständigen Darstellungsweise ist der 1948 entstandene „Auferstandene“ in seinem expressiven Realismus ein typisches Beispiel der Sakralkunst der Nachkriegszeit. Kein anderer Glaskünstler hatte in Deutschland in den 50er- und 60er-Jahren so viele Aufträge wie Wilhelm Geyer (1900-1968), der als der Erneuerer der christlichen Kunst seiner Zeit galt.

Auch Fenster in Deilingen gestaltet

Geyer gestaltete rund 1000 Glasfenster in mehr als 180 Kirchen zwischen dem Bodensee und dem Niederrhein. Seine Farbfenster finden sich im Mainzer und im Kölner Dom, in der Frauenkirche in München, im Ulmer Münster und in den Domen von Aachen und Rottenburg, aber auch in vielen kleineren Kirchen des deutschen Südwestens – so zum Beispiel in der Pfarrkirche „Christi Himmelfahrt“ in Deilingen.

Wilhelm Geyer hat in den Jahren 1961/62 die Chorfenster und die Rosettenfenster geschaffen; sein Sohn Hermann Geyer hat dann im Jahr 1981 die Lanzettenfenster unter den Rosetten und die Fenster im Kirchenschiff der Stadtpfarrkirche gestaltet.

Bereits 1948 hat Wilhelm Geyer für die beiden kleinen Kapellen links und rechts des Eingangsbereichs der Spaichinger Stadtpfarrkirche zwei Glasfenster geschaffen: auf der linken Seite eine Verkündigungsszene, auf der rechten Seite den eingangs erwähnten Auferstandenen.

Besonders eindrucksvoll ist auch das Rosettenfester der Westfassade über der Orgel mit der Darstellung „Die drei Jünglinge im Feuerofen loben und preisen Gott“ nach einer Geschichte aus dem biblischen Buch Daniel. In dominanten Rot- und Gelbtönen stellt das Fenster das Vertrauen auf Gott auch in Not und Bedrängnis dar.

Am 24. Juni 1900 in Stuttgart geboren, wollte Wilhelm Geyer zunächst Priester werden, was aber wohl der Vater verhinderte. Geyer war an der Stuttgarter Akademie Meisterschüler von Christian Landenberger. Seit 1927 lebte er in Ulm.

100 Tage in Gestapo-Haft

Wilhelm Geyer war ein Freund der Familie Scholl, deren Kinder Sophie und Hans im Jahre 1943 als Gründer der Widerstandsgruppe Weiße Rose hingerichtet wurden. Auch Geyer geriet ins Visier der Gestapo, war 100 Tage in Haft, überlebte Verhöre und Folter, wollte darüber aber Zeit seines Lebens nie sprechen.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden Geyers Arbeiten zu „Entarteter Kunst“ erklärt und aus den Museen in Stuttgart und Ulm entfernt.

Nach dem Krieg setzte sich Geyer für die Wiedereröffnung der Stuttgarter Kunstakademie ein und war einer der Initiatoren der Beuroner Kunsttage. Er setzte sich 1945 für die Gründung der Gesellschaft Oberschwaben ein und war 1947 Mitbegründer der Oberschwäbischen Sezession (später SOB genannt).

Wilhelm Geyer gehörte zum Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Christliche Kunst in München und zur „Société internationale des Artistes Chrétiens“ („Internationale Gesellschaft christlicher Künstler). Für sein Engagement wurde Geyer mehrfach ausgezeichnet. 1960 ernannte ihn die württembergische Landesregierung zum Professor.

„In der sakralen Kunst war ihm der Vergleich von abstrakten Begriffen wie Gerechtigkeit, Liebe oder Entbehrung im Alten und im Neuen Testament sehr wichtig“, hat sein Sohn Michael Geyer einmal im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung erläutert. „Da kannte er sich theologisch sehr gut aus.“

Für den Chor der Spaichinger Stadtkirche hat er unter anderem die Leben der beiden Titularheiligen Petrus und Paulus dargestellt. Die dominierende Farbe, die den Gesamteindruck bestimmt, ist dabei blau – die Farbe des Himmels.

Auftrag für Sohn Hermann Geyer

Im Zuge der Außenrenovation der Pfarrkirche in den Jahren 1978 bis 1985 wurden 1981 auch die schadhaft gewordenen Fenster im Kirchenschiff durch neue bunte Fenster ersetzt. Bewusst wandte sich die Kirchengemeinde damals an Wilhelm Geyers Sohn Hermann Geyer, der den Auftrag erhielt, die neuen Fenster denen seines Vaters anzupassen und zugleich die Dominanz der Chorfenster zu erhalten. So konnte ein einheitlicher Gesamteindruck bewahrt werden.

„Morgengebet“ im Bademantel

Sein Sohn Michael Geyer, eines von sechs Kindern von Wilhelm Geyer, hat sich in einem Gespräch mit der Schäbischen Zeitung einmal an ein Charakteristikum seines Vaters erinnert: „Er ging jeden Morgen im Bademantel in den Garten und holte einen Blumenstrauß, den er dann als Aquarellbild malte.“ Sein „Morgengebet“ habe er diese Tätigkeit genannt, erinnert sich der Sohn.

Wilhelm Geyer hat nämlich nicht nur Kirchenfenster gestaltet, sondern war auch als Maler und Grafiker kreativ, hat Ölgemälde, Wandmalereien und Sgraffitos geschaffen.

2012 hat das Kunstmuseum Hohenkarpfen eine Ausstellung „Wilhelm Geyer – Landschaften, Porträts, Interieurs“ gezeigt, die seinerzeit 3000 Besucher gesehen haben. Zu der Ausstellung ist auch ein von Stefan Borchardt herausgegebener Katalog erschienen.

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