KZ-Haft: „Es brauchte nicht viel dazu“

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Unermüdlich und akribisch hat Brigitta Marquart-Schad die Lebens- und Leidensgeschichte Pfarrer Franz Weinmanns recherchiert.
Unermüdlich und akribisch hat Brigitta Marquart-Schad die Lebens- und Leidensgeschichte Pfarrer Franz Weinmanns recherchiert. (Foto: Regina Braungart)
Schwäbische Zeitung
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Franz Weinmann war die Nummer 30332. Er war einer der 2800 Pfarrer und Priester, die die Nazis im KZ Dachau im sogenannten Priesterblock interniert haben. Nur die Hälfte überlebte Schikane, Hunger und Krankheiten. Der in Deilingen 1909 geborene Franz Weinmann war einer von ihnen. Kaum jemand vom Heuberg kennt seine Geschichte. Das soll sich jetzt mit einer Erinnerungstafel ändern.

Brigitta Marquart-Schad ist im Verein Gedenkstätte Eckerwald aktiv, die an die Sklavenarbeit der KZs in der Region Heuberg erinnert. Sie hat sich die Erinnerung an die Zeit der Entmenschlichung im Dritten Reich seit langem zur Aufgabe gemacht. Pater Michael Pfenning, ebenfalls aus Deilingen stammend, sprach das Thema Franz Weinmann bei einem Besuch im Sommer vergangenen Jahres an. Dass es sehr wichtig ist, an einen Sohn der Gemeinde zu erinnern, der sich gegen die Nazi-Barbarei gestellt hat und dafür sogar ins KZ gebracht wurde, wo er drei lange Jahre blieb, ehe er am 11.April 1945 entlassen wurde. Dann begann Brigitta Marquart-Schad mit der Arbeit.

Franz Weinmann hatte sein ganzes Leben lang Kontakt zu Deilingen. Und das, obwohl die Familie schon 1912 der Arbeit wegen nach Kirchzarten zog. Verwandte wie die Familie Mattes schickten ihm Essenspäckchen nach Dachau. Den halbverhungerten, geschwächten Häftlingen eine lebenswichtige Tat. Sollte die Familie Mattes noch ein Kind bekommen, werde er die Patenschaft übernehmen, wenn er überlebe, hatte Weinmann versprochen.

Am 1. November 1948 erblickte Alois Mattes das Licht der Welt und Pfarrer Weinmann hielt Wort. Und auch für Leonhard Staiger wurde er Pate. Er lebte nie wieder in Deilingen, aber legte 1945 Zeugnis in der Deilinger Marienkirche über die Zeit im KZ ab, in seiner Taufkirche. Er kam immer wieder zu Besuch, feierte nicht nur seine Nachprimiz in Deilingen (1933, Primiz in seinem zweiten Heimatort Hinterzarten), sondern auch 50 Jahre später sein goldenes Priesterjubiläum. Er starb 1996.

Es gibt erstaunliche Querverbindungen zwischen Franz Weinmann und unserer Gegend, solche die nicht nahe liegen. Wie, dass die Gemeindereferentin und spätere Pflegerin Ingrid Schwörer, die heute in Singen lebt, einen Bruder in Spaichingen hat, Roland Schwörer. Oder, dass der Dekanatsreferent Hans-Peter Mattes ebenso wie Ministerpräsident a. D. Erwin Teufel den Pfarrer kannten.

Er war kein Kämpfer, der Flugblätter druckte oder sich einer politischen Widerstandsgruppe anschloss. Aber er bestand in Predigten auf den Wert der Standhaftigkeit, die christlichen Werte der Nächstenliebe, die Bedeutung der Kirche, die der Hitlerstaat zu entmachten und aus der Öffentlichkeit zu verdrängen suchte. Den Nazis und ihrem totalitären Anspruch in allen ideologischen, politischen und gesellschaftlichen Fragen die Gefolgschaft zu verweigern, war gefährlich.

„Es brauchte im Grunde nicht viel dazu,“ ins KZ zu kommen, sagt Gemeindereferentin i.R. Ingrid Schwörer, die ihn 30 Jahre lang begleitet hat. Weinmann wusste von den Verbrechen, er wusste von der Euthanasie und schloss sich dem Protest der Kirche an. Aber er brachte das nicht direkt zur Sprache, als Vikar in der Jugendseelsorge in Mannheim.

Konsequent im Glauben

Sondern er forderte die Jugendlichen auf, Heiligenlegenden, wie die des Heiligen Martins, der dem König wegen Despotie die Tischgemeinschaft verweigerte, auf die aktuelle Zeit zu übertragen. Ein halbes Jahr lang hatte ihn ein Jugendlicher bespitzelt und Notizen an die Gestapo geliefert. Bei einer Hausdurchsuchung wurden verbotene Bücher gefunden. Nach dem Krieg suchte der Jugendliche den Pfarrer auf und bat unter Tränen um Vergebung. „Ehrlich, direkt, die Sachen beim Namen nennend und humorvoll“, sei Weinman gewesen, sagt Ingrid Schwörer. Von Dachau nahm er nicht nur ein heimlich geführtes Tagebuch mit, vor allem ein beeindruckendes Glaubenszeugnis. Er nahm auch die Folgen seiner Typhus-Erkrankung mit, an denen er zeitlebens litt.

Die Tafel mit den Lebensdaten Pfarrer Weinmanns wird am Dienstag, 27. Januar, dem internationalen Holocaustgedenktag, um 19 Uhr in der Kirche Christi Himmelfahrt enthüllt. Es gibt Berichte von Wegbegleitern, Ansprachen, eine Ausstellung, Gesang der beiden Deilinger Chöre und Beiträge von Schülern Brigitta Marqaurt-Schads. (abra)

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