Kretschmann feiert Geburtstag - Was Sie noch nicht über ihn wussten

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Umfrage: Was halten Sie von einer dritten Kandidatur von Winfried Kretschmann?
Jeden Mittwoch fragen wir für Sie die Menschen in der Region, was Sie von aktuellen Denbatten halten, wie ihre Meinung zu Politik-, Wirtschafts- oder Gesellschaftsthemen ist. In dieser Woche wollten wir wissen: „Wünschen Sie sich eine dritte Kandidatur von Winfried Kretschmann? Oder endlich einen Wechsel?“
Landes-Korrespondentin
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Ressortleiter Sport
Redaktionsleitung
Wirtschaftsredakteur

„Jede Kuh hat Geburtstag, aber nicht jede Kuh wird 70“ – es sind Sätze wie diese, die Winfried Kretschmanns Image prägen. Seine Fans lachen über solche Zitate des Oberschwaben, der seine Herkunft auch sprachlich nie verleugnet hat und den breiten Dialekt seiner Heimat selbst im politischen Berlin bewusst pflegt.

Der Kretschmann-Satz zum heutigen 70. Wiegenfest zeigt aber auch die andere Seite des Mannes, der als erster Grüner Ministerpräsident eines deutschen Bundeslands wurde. Denn der Mann aus Laiz weiß wohl um seinen Rolle und seine Bedeutung. Nicht umsonst kokettiert er seit Monaten damit, bei den Landtagswahlen 2021 noch einmal antreten zu wollen. Dazu drängen ihn sogar alle grünen Landesminister und lassen jegliche Nachfolgeambitionen vermissen. Denn sie wissen: Nicht jede Kuh hat soviel Erfolg.

Umfrage Kretschmann

+++ Zum runden Geburtstag hat sich die Redaktion der Schwäbischen Zeitung Gedanken gemacht, was Kretschmann ausmacht. +++

 

Fremd auf der Berliner Bühne 

Von Sabine Lennartz - Sein erster Auftritt vor der Bundespressekonferenz ist unvergessen. Winfried Kretschmann nimmt gemächlich Platz, er schaut, sehr langsam, in die Runde der Journalisten, und als wegen der ungewohnt langen Pause schon Gelächter aufkommt, sagt er nach einer gefühlten Ewigkeit „Grüß Gott“. Dass jemand diese Grußformel wählt und sich überdies so viel Zeit nimmt, ist in der Hauptstadt ungewöhnlich. Winfried Kretschmann hat in Berlin den Nimbus, eine Kultfigur des Südwestens zu sein, auch wenn man es nicht so ganz versteht.

Er gilt als etwas schratig, aber auf jeden Fall sympathisch. Anders als andere Ministerpräsidenten sucht er nicht das Gespräch mit Journalisten, gibt eher spärlich Interviews, und so weiß man in Berlin oft nicht so ganz genau, was Kretschmann eigentlich will. Oder nicht will. Manches, was er will – oder auch nicht –, kann er nicht gegen die Grünen durchsetzen, und so schwebt immer die Frage im Raum: Was passiert jetzt im Bundesrat? Wie verhält sich der grüne Ministerpräsident? So ist Kretschmann vielen ein Rätsel geblieben – und auf jeden Fall ein Phänomen.

Generalstabsmäßige Iszenierung 

Von Katja Korf - Winfried Kretschmanns Aufstieg zum ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands wäre wohl nicht denkbar ohne seine engsten Berater. Dazu gehört vor allem Regierungssprecher Rudi Hoogvliet, bei Freund und Feind in Stuttgart „der Holländer“ genannt. Er hat Kretschmann zur Marke gemacht. Aus schwäbischem Bruddeln wurde Authentizität, aus Granteleien über grüne Utopien Pragmatismus, aus Dozieren über Insekten innere Überzeugung, aus Gesundheitsschuhen Unangepasstheit an die politische Klasse.

Mit diesem Rezept ist der Laizer einer der beliebtesten Politiker Deutschlands geworden. „Von Hoogvliet lernen wir viel“, heißt es sogar aus der CDU. Beim Koalitionspartner beobachtet man fast bewundernd, dass den grünen Strategen gelingt, was im eigenen Lager scheitert – nämlich eben dieses zusammenzuhalten. Kretschmanns Staatsministerium, kurz „StaMi“, nennen grüne Abgeordnete „die Stasi“. Dort planen Hoogvliet und Staatsminister Klaus-Peter Muraws- ki generalstabsmäßig, geben Sprachregelungen für alle Grünen aus. Kritik klingt sowohl von Abgeordneten als auch von Parteivertretern meistens nur intern an. 

Die Heimat als Ruhepol 

Winfried Kretschmann
Winfried Kretschmann stimmt sich auf das Froschkuttelessen ein. (Foto: Felix Kästle / DPA)

Von Michael Hescheler - Fernab der Residenz in seinem Wohnort Laiz bei Sigmaringen kommt es einem so vor, als ob die Uhren stehen geblieben sind. Es war für ihn immer wichtig, dass sein Amt den Verbindungen zu seinen Freunden und Bekannten nicht im Wege steht. Wie das geht? Winfried Kretschmann änderte seine Gewohnheiten kaum. Wenn er ein paar freie Stunden hat, sieht man ihn in seiner Werkstatt schaffen. Oder er schließt sich dem Laizer Albverein bei einer Wanderung an.

„Da gibt es keinen Standesdünkel, und es wird kein Trara betrieben“, sagt ein Laizer, der Kretschmann seit Jahrzehnten kennt. Das ist wohl auch der Grund, warum Kretschmann in seiner Heimatgemeinde durchschnaufen und sich erholen kann. Der an der Donau gelegene 3000-Einwohner-Ort ist sein Ruhepol. Wie andere Laizer auch nimmt er am Vereinsleben teil: Am Fasnetsmontag mischt er sich beim Bräuteln – hier werden frisch verheiratete Männer um den Rathausbrunnen getragen – unters Narrenvolk. Beim Jahreskonzert der örtlichen Musikkapelle oder dem Gartenfest schnuppert er, wenn es sein Terminkalender erlaubt, Laizer Luft. Von wegen Sonderbehandlung – Kretschmann wird als Mensch und weniger als Ministerpräsident wahrgenommen.

Zweifelnder Katholik 


Papst Franziskus hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im Vatikan zur Privataudienz empfangen.
Papst Franziskus hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im Vatikan zur Privataudienz empfangen. Das Kirchenoberhaupt erhilet von Kretschmann ein Exemplar von Hermann Hesses Erzählung „Unterm Rad“. (Foto: dpa)

Von Kara Ballarin - In unzähligen Porträts wird Winfried Kretschmann dieser Tage wieder als „gläubiger Katholik“ bezeichnet werden. Er selbst hadert mit diesem Attribut – auch wenn in seinem Dienstzimmer in der Villa Reitzenstein ein Kreuz hängt. Er sei ein „zweifelnder Katholik“, erklärte er einmal mit Nachdruck. Seine Biografie bezeugt ein schwieriges Verhältnis zur Kirche. Die Zeit im katholischen Internat in Riedlingen hat ihn, der ursprünglich Pfarrer werden wollte, stark geprägt. Er erfuhr dort Ungerechtigkeiten, Gehorsam wurde den Schülern auch mit Gewalt eingebleut.

Die schlimmen Erfahrungen führten dazu, dass Kretschmann später aus der Kirche austrat. Doch er hat den Weg zurück in die Glaubensgemeinschaft gefunden. Papst Franziskus sieht er als „Glücksfall für die katholische Kirche“, wie er nach einer Audienz im Vatikan 2016 sagte, die ihn sichtlich berührt und bewegt hatte. „Der Papst legt sehr großen Wert darauf, Ökologie und Soziales zu verknüpfen.“ Eine Einordnung, wie sie sich Kretschmann auch für seine Arbeit wünscht. Falls er die nach der Landtagswahl 2021 nicht weiterführen will oder kann, gibt es einen Posten, der ihn reizt. „Botschafter am Heiligen Stuhl zu sein, ist der Wunsch eines jeden Politikers am Ende seiner Karriere.“

Grün, grüner, Kretschmann

Winfried Kretschmann
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) spricht bei Parteitag. (Foto: Sina Schuldt/Archiv / DPA)

Von Sabine Lennartz - Die Grünen lieben ihn, schließlich ist er ihr erster und auf absehbare Zeit wohl auch einziger Ministerpräsident – und sie hassen ihn, weil er in so vielen Fragen so ganz anderer Meinung ist als die Parteimehrheit. Die Bundespartei stand immer links von Winfried Kretschmann. Das ändert sich gerade ein wenig durch das neue Führungsduo, das sich auch mehr in der Mitte platziert und alle mitnehmen will, von Trittin links bis Kretschmann rechts. Das wäre neu.

Denn wenn Kretschmann die Vermögensteuer ablehnt, dann wollen die Grünen sie haben. Wenn sie die Ausweisung sicherer Herkunftsstaaten ablehnen, in die man Flüchtlinge schneller abschieben kann, hält Kretschmann sie unter gewissen Voraussetzungen für durchaus möglich. Wenn sie das Ende des Verbrennungsmotors für 2030 beschließen, denkt Kretschmann, er sei in Utopia. Und wenn manche Grüne ihn für einen Freund der Autoindustrie halten, kontert er, dass er der einzige grüne Ministerpräsident ist und es besser weiß. Überhaupt belehrt Kretschmann die Grünen gerne. Das wiederum ist dann einseitig. Denn es gibt in Berlin keinen einzigen Grünen, der der Ansicht ist, dass er Kretschmann erfolgreich belehren könnte.

Freund der Wirtschaft


Kretschmann nannte den autonom fahrenden Lkw den „Aufbruch in ein neues Mobilitätszeitalter“
Kretschmann nannte den autonom fahrenden Lkw den „Aufbruch in ein neues Mobilitätszeitalter“

Von Moritz Schildgen - Alles andere als harmonisch ist die Beziehung der heimischen Autoindustrie zu Winfried Kretschmann vor dessen Amtsantritt 2011. Der designierte Landesvater zieht den Zorn der Autohersteller auf sich, als er sagt: „Weniger Autos sind natürlich besser als mehr.“ In Baden-Württemberg, dem Kernland der deutschen Autoindustrie, in dem jeder vierte Arbeitsplatz von der Branche abhängt, bangt man ob dieser als Kampfansage verstandenen Äußerung um die Zukunft des Wirtschaftsstandorts und des Wohlstands.

Kurze Zeit später ist dieser Zwist beigelegt – Kretschmann-typisch per Handschlag mit Porsche-Chef Matthias Müller: „Gehen Sie weiter in die grüne Richtung, dann kommen wir gut zusammen.“ Nicht nur die Autoindustrie und der Grüne finden zusammen – die gesamte baden-württembergische Wirtschaft freut sich über eine entgegenkommende Politik. So stößt Kretschmanns Wiederwahl 2016 auf keinen Widerstand bei den tiefschwarzen Unternehmern im Südwesten – im Gegenteil. Er gilt als Wirtschaftsfreund, nimmt die Autoindustrie beim Thema Feinstaub in Schutz, glaubt nicht, dass Daimler bei Abgasen trickst. Auch bei der Rheintalautobahn und Stuttgart 21 geht es voran unter dem Grünen mit der schwarzen Wirtschaftspolitik.

Mehr als die Landesmutter

Landespresseball Baden-Württemberg
Winfried Kretschmann und seine Frau Gerlinde auf dem Parkett. (Foto: Marijan Murat / DPA)

Von Michael Hescheler - Gerlinde Kretschmann geht mit den Menschen auf ihre Art um, ehrlich und geradeheraus. Für Sigmaringens Fürst Karl Friedrich von Hohenzollern, den viele „Hoheit“ nennen, hat sie eine besondere Anrede gefunden. Bei der Wiedereröffnung des Hoftheaters vor einigen Jahren drückte sie die Wertschätzung für den Adelsmann mit „Herr Fürst“ aus. Die frühere Kommunalpolitikerin der Grünen ist vor nunmehr fast zehn Jahren aus dem Sigmaringer Stadtparlament ausgeschieden, doch ein politischer Mensch ist sie bis heute geblieben. Wenn die Grünen in der Fußgängerzone den Kontakt zu Bürgern suchen, sieht man sie hin und wieder in Aktion.

Gerlinde Kretschmann ist mehr als die Frau an der Seite des Ministerpräsidenten: Familienmanagerin, Landesmutter und Laizer Botschafterin. Im örtlichen Albverein ist die pensionierte Lehrerin nach wie vor als Wanderführerin aktiv. Das Singen im Laizer Kirchenchor bedeutet für sie „Wellness“, hat sie mal gesagt. Und natürlich stützt sie ihren Mann, wo sie kann: Erst vor wenigen Monaten saßen die beiden bei einem Fasnetsball in Sigmaringen nebeneinander. Kretschmann ergriff, was er sonst nie macht, das Wort, verlieh den beiden Organisatoren der Fasnet den Orden „Wider den tierischen Ernst“, den er zuvor in Aachen erhalten hatte, und überraschte die Ballbesucher mit einem witzigen Beitrag, in dem er auf den Koalitionspartner zu sprechen kam: „In Stuttgart ist es jeden Tag lustig, besonders wenn man mit der CDU regiert.“ Und Gerlinde Kretschmann? Tätschelte ihren Winfried nach der Rede: „Des hosch guat gmacht.“

Pädagogisch belehrend

Von Kara Ballarin - Seinen Lehrerberuf übt Winfried Kretschmann seit 30 Jahren nicht mehr aus, den Habitus des Pädagogen hat er sich aber bis heute erhalten. Kritische Berichte basieren aus seiner Sicht mitunter darauf, dass die Journalisten etwas nicht verstanden haben. Also lädt er zu einem gemeinsamen Treffen ein, um zu erklären. Seine belehrende Art bekommen auch die Mitarbeiter zu spüren. Auf sein Drängen etwa spickt die Pressestelle Informationen zum Frühjahrsbeginn in Baden-Württemberg mit einer Folie zur Blütezeit des Huflattichs. Der ist nämlich ein Indikator dafür, dass der Frühling immer früher kommt, wie der Biologielehrer Kretschmann erklärt.

Auch Chemie und Ethik auf Gymnasiallehramt hat er studiert und unter anderem in Mengen und Bad Schussenried in den Kreisen Sigmaringen und Biberach unterrichtet. Wie er als Lehrer gewesen sein muss, wird bei manchem Gespräch mit ihm mehr als deutlich. Etwa dann, wenn er über das Insektensterben doziert und sich darüber echauffiert, dass dies „nicht irgend ein grüner Tüddelkram“ sei, sondern das ökologische Gleichgewicht aus den Angeln hebt. Oder dann, wenn er durch den gelben Sand im Westjordanland stapft, alle paar Meter stehen bleibt und sich bückt, um ein Blümchen oder Pflänzchen genau zu betrachten.

Die Arroganz der Macht? 

Von Katja Korf -Über wenig hat sich Kretschmann in den vergangenen Jahren öffentlich so geärgert wie über Kritik an seiner Personalpolitik. Die Grünen griffen nach Posten, um ihre Machtbasis im Land auszubauen, lautete die Deutung vieler Beobachter. Tatsächlich ist die Zahl der Mitarbeiter im Staatsministerium unter ihm stark gestiegen, auch die Regierungspräsidenten setzte er nach Parteibuch ein. Doch von Kritik daran wollte der Grüne nichts wissen. „Was gehen mich diese Leute an?“, fragte er genervt, als er zu neuen Mitarbeitern Auskunft vor Journalisten geben sollte. Manches Mal wirkt der Regierungschef, als nerve ihn das Kleinklein der Tagespolitik, Debatten um vermeintliche Kleinigkeiten hält er oft für unnütz. Für seine Gegner ist das die Arroganz der Macht, für politische Freunde lediglich die Ungeduld des Gestalters Kretschmann.

Sein Herz schlägt für Weiß und Rot

Stuttgart-Fan (Foto: dpa)

Von Filippo Cataldo - Es soll schon Landesväter benachbarter Bundesländer gegeben haben, die sich bei der erstbesten Gelegenheit glückselig das Trikot des eigentlich verhassten Rivalen übergestreift haben. Und dann auch noch falsch herum. Winfried Kretschmann ist anders gestrickt. Er weiß, was sich gehört und schmückt sich nicht mit fremden Kleidern. Winfried Kretschmann lächelt höchstens höflich, wenn er sie geschenkt bekommt – wie hier geschehen bei einem Besuch eines Spiels des SC Freiburg. Als Landesvater sieht sich Kretschmann auch bei baden-württembergischen Derbys als neutraler Fan. Doch auch ein Landesvater hat ein Herz – und das schlägt fußballerisch in Weiß und Rot. „Als Privatperson drücke ich schon seit vielen Jahren dem VfB Stuttgart die Daumen. Ich komme aus einer traditionellen VfB-Familie“, sagte Kretschmann einst.

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