Konvikt bietet dringend benötigte Antworten

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 Ulrich Fiedler, Direktor des Bischöflichen Gymnasialkonvikts Rottweil, inmitten einiger der derzeit 40 Schüler, die im Internat
Ulrich Fiedler, Direktor des Bischöflichen Gymnasialkonvikts Rottweil, inmitten einiger der derzeit 40 Schüler, die im Internat leben. (Foto: Gregor Moser)

Eigentlich hätte Ulrich Fiedler, Direktor des Bischöflichen Gymnasialkonvikts Rottweil, schon zum Ende des vergangenen Schuljahres in den Ruhestand gehen können. Fiedler aber hängte ein Jahr dran. Der Grund, sagt er, sei das Stiftungsfest der Marchtaler Internate an diesem Wochenende gewesen, zu dem das Konvikt am Samstag, 4. Mai, einlädt. Zehn Ehemalige - unter ihnen beispielsweise der Rottenburger Oberbürgermeister Stephan Neher - werden dort über ihre Konviktszeit berichten und gemeinsam mit 46 Autoren ist es Fiedler gelungen, ein 450 Seiten starkes Buch mit Erinnerungen früherer Schüler herauszubringen, das vorgestellt werden soll. „Ich sehe das als mein Vermächtnis“, sagt der Pädagoge.

OB Neher erinnert sich, dass er wegen des Lateinaufbauzugs nach Rottweil kam. Bis zum Sommer bot das Konvikt Schülern mit Mittlerer Reife diesen einzigartigen Weg zum altsprachlichen Abitur. Doch der Nachwuchs fehlt, das Interesse an Latein und Altgriechisch tendiert gegen Null, und so wurde dieses Angebot eingestellt, sagt Fiedler. Der Bedarf an der Einrichtung selbst indes bleibt. Denn als familienunterstützendes Internat werde das Konvikt heute mehr denn ja gebraucht, ist Fiedler überzeugt. Dabei stehe der soziale Gedanke im Vordergrund. Mit im Schnitt 1400 Euro im Monat bezuschusse die Diözese jeden Schüler, um den Elternanteil dort wo nötig auf ein Minimum zu reduzieren. Das Konvikt biete heute immer mehr die dringend gebrauchten Antworten auf die Sorgen von Alleinerziehenden, Patchworkfamilien oder, im Fall eines Rosenkriegs, für miteinander im Streit liegende Ehrpartner, deren Kinder unter dieser Situation leiden. „Der Zusammenhalt in der Gesellschaft wird immer brüchiger“, stellt Fiedler fest. Sozialpädagogen, Erzieher, FSJ'ler und ein Spiritual kümmerten sich um die Konviktoren, vermittelten Struktur und sorgten für den Halt, den die Kinder zuhause oft missen. Aktuell gebe es 40 Internatsschüler.

Neher freut sich auf das Wiedersehen am Samstag. „Es war eine geniale und intensive Zeit“, erinnert er sich an seine drei Jahre im Konvikt. „Noch heute ist das Konvikt eine wichtige und gute Einrichtung.“ Dem pflichten viele der heutigen Konviktoren bei. „Zuhause ist dort, wo man Freunde hat, und die findet man hier schnell“, sagt Lars Schmid, der die Abiturklasse des Albertus-Magnus-Gymnasiums besucht und einer der letzten Absolventen des Lateinaufbauzugs ist, für den er auch an das Konvikt kam. Den katholischen Werten, die im Konvikt mit Tischgebeten oder einer wöchentlichen Meditation über ein von den Schülern selbst bestimmtes Thema vermittelt werden, stehen die Schüler aufgeschlossen gegenüber.

Längst vergangen sind die Tage, in denen der Zugang zum Konvikt, dessen Geschichte bis ins Jahr 1824 reicht, beschränkt war. Heute steht das Haus Angehörigen aller Konfessionen offen, und selbst konfessionslose Schüler sind willkommen. Geschichte sind auch die Zeiten, in denen der Zugang zum Konvikt für Jungen reserviert war. Nach dem Umbau der ehemaligen Direktorenwohnung 2009 gibt es Platz für 16 Mädchen, die das Konvikt im Herzen Rottweils besuchen können. Es gibt eine Schwimm-, eine Fußball-AG, und einige der Mädchen bereiten sich im Cheerleader-Training auf einen sportlichen Wettkampf vor. Mit einem privaten Internat sei das Konvikt bei all dem jedoch nicht zu vergleichen, betont Fiedler und verweist auf die christliche Natur des Hauses und die soziale Durchmischung des Internats. Die Konviktoren bildeten die gesamte Bandbreite der Gesellschaft ab. Und so gehen ihre Zukunftspläne auch in die Breite: Ein Absolvent strebt eine Ausbildung bei der Autobahnmeisterei an, es gibt angehende Lehramtsstudenten, eine Gymnasiastin, die vor ihrem Studium zunächst durch Asien und Australien reisen möchte, und eine Schülerin, deren Berufswunsch „Polizistin“ lautet.

Die Internate

Die vier Marchtaler Internate der Diözese Rottenburg-Stuttgart, zu denen das Konvikt Rottweil gehört, arbeiten nach dem speziell entwickelten „Marchtaler Internatsplan“, um eine ganzheitliche pädagogische Erziehung mit Kopf, Herz und Hand zu ermöglichen. Grundlage ihrer bewusst wertorientierten Erziehung und Bildung ist das christliche Menschenbild: Mehr Informationen zum Thema gibt es unter: www.marchtaler-internate.de/assets/marchtaler-internatsplan.pdf <http://www.marchtaler-internate.de/assets/marchtaler-internatsplan.pdf>

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