Kernfehler der Entscheidung: Es gab keine Alternativszenarien

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Regina Braungart
Regina Braungart
Redaktionsleiterin

Warum um alles in der Welt platzt der Landrat mit der Nachricht, es soll künftig nur noch ein Krankenhaus im Kreis Tuttlingen geben, ausgerechnet jetzt heraus? Knapp fünf Monate vor der Kommunalwahl, bei der unter Umständen noch Rechnungen offen sein könnten, immerhin hat Bär (Freie Wähler) den „Schwarzen Block“ in der Tuttlinger Kreispolitik gesprengt. Was im Übrigen kein Schaden war und ist.

Schon sind die ersten wieder auf dem Marktplatz des Wahlkampfs unterwegs, die sich nicht zu Wort gemeldet hatten, als Spaichingens Bürgermeister 2016 verlauten ließ: „Mehrfach hat Bürgermeister Schuhmacher darauf hingewiesen, dass aus seiner Sicht am Kreisklinikum Arztpraxen angesiedelt werden müssen. Der Kreis müsse hierfür die Infrastruktur zur Verfügung stellen und könne damit die medizinische Grundversorgung in Spaichingen aufrecht erhalten. Im Gegenzug soll das Kreisklinikum in Tuttlingen als Klinikstandort für den Landkreis Tuttlingen gestärkt werden.“ Das ist das Bär/Sartor-Modell.

Warum aber jetzt?

Das kann man so sehen. Aber jüngste, im Übrigen oft klug gestellte Fragen Schuhmachers, deuten darauf hin, dass er hier - hoffentlich nicht aus wahltaktischen oder egozentrischen Gründen - umdenkt.

Warum aber jetzt diese Debatte? Folgendes Szenario ist am Wahrscheinlichsten: Der Geschäftsführer der Klinikgesellschaft hat nach der „schwarzen Null“ - also kein Verlust - 2017 festgestellt, dass es 2018 doch über eine Million Defizit gibt. Die Zahlen sind noch nicht offiziell heraus. Langfristig glaubt er, auch wegen der gängelnden Vorgaben der kassenärztlichen Vereinigung und des Landes, dies nicht anders umwenden zu können als über eine Zentralisierung.

Dem Land gefällt das ohnehin, Anfang 2018 wurde in Zuschuss-Gesprächen ein Perspektivgutachten zur Zusammenlegung beider Kliniken am Standort Tuttlingen verlangt. Das war aber nicht so dringend, Minister Lucha bestätigte am Donnerstag in Stuttgart, die zugesagten Zuschüsse für Tuttlingen seien NICHT an die Bedingung geknüpft, Spaichingen dicht zu machen.

Tabula Rasa

Die Absage des designierten Chefarztes gab dann den Anstoß, schnell Tabula Rasa zu machen. Der aber sagte, er arbeite sehr gern in Spaichingen, möge das Haus und das Team, habe bei allem aber nicht darauf vertraut, dass er da auch eine Zukunft habe. Klar, wenn schon längst sukzessive Strukturen abgebaut werden, wie Dr. Dapp glaubhaft schildert. Außerdem: Wieso schafft es Sigmaringen, die Chefärzte, die neu eingestellt werden, zu verpflichten, für alle drei Standorte verantwortlich zu sein? Man kann aus Tuttlingen Solidarität erwarten, genau wie andersrum. 15 Kilometer - das haben wir ja jetzt gelernt, sind doch kein Hindernis!

Bleibt die Tür auch langfristig offen?
Bleibt die Tür auch langfristig offen? (Foto: Emanuel Hege)

Die Klinik wird durch eine Klinikgesellschaft geführt, aber der Kreis ist alleiniger Gesellschafter. Sprich: Der Kreistag ist der Chef. Aber: Es gibt überhaupt keine Alternativvorschläge. Es gibt keine Rechnung, die aufzeigt, was es kosten würde, den Standort Spaichingen auch mit zuwendungsintensiven Abteilungen wie der Altersmedizin plus einer Notaufnahme zu halten. Der Kreistag hat die Wahl: Vogel friss oder stirb. Sowas geht in der politischen Sphäre überhaupt nicht!

Dabei dürfte eine gute Versorgung in Spaichingen nicht mehr Zuschuss kosten als das Freilichtmuseum. Es ist eine politische Frage, ob sich der Kreis das leisten will und keine betriebswirtschaftliche.

Eine politische Ohrfeige

Jetzt sollte genau das geschehen: Definieren, ob man Spaichingen halten will. Und wenn ja, was genau. Dringend notwendig ist die Rechnung, wie hoch die finanziellen Abschläge bei der Notfallversorgung (nach der neuen Vergütungsordnung) samt kleineren chirurgischen oder orthopädischen Behandlungen wären. Denn die hier zu erhalten oder wieder aufzubauen, ist der absolut zentralste Bedarfspunkt im nördlichen Landkreis. Gleichzeitig gilt es, sich die kassenärztliche Vereinigung noch einmal zur Brust zu nehmen, was die hausärztliche Notfallversorgung in Spaichingen angeht. Denn 2014 wurde die für Deilingen, Wehingen und Frittlingen nach Rottweil zugeordnet. Eine politische Ohrfeige.

Die Abteilungen - die Diabetologie und die Altersmedizin zum Beispiel - die wegen ihrer liebevollen und kompetenten Versorgung als „Leuchtturm“ bekannt sind, könnte man stärken. Also: ausrechnen, ob und wie es geht. Übrigens: Auch Überlegungen, tatsächlich nur in Tuttlingen eine Klinik anzubieten, aber alle Mühe auf ein Gesundheitszentrum mit Arztpraxen - tagsüber - zu legen, sind keine Gotteslästerung. Aber darüber zu entscheiden, geht erst nach einem offenen Analyse- und Entscheidungsprozess. Und nicht im Hau-Ruck-Verfahren.

Für Spaichingen ist das Thema vor allem deshalb so wichtig, weil das seit 1878 bestehende Krankenhaus eine regionale Versorgungseinrichtung ist, weil sie prima funktioniert, ein tolles, idealistisches Team hat, beste Kundenbewertungen, und weil die Stadt Spaichingen von den seit fast 150 Jahren hier tätigen Ärzten, die oft auch von außerhalb kamen, enorm profitiert. Auch gesellschaftlich. Leute mit anderem Blick, aufgeschlossen, interessiert, engagiert. „So wird eine Stadt zum Dorf“ - das Zitat stammt zwar von jemand anderem, aber es stimmt.

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