Keine Ahnung von der eigenen Arbeit

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 Ulli Boettcher bei seinem Auftritt in Spaichingen.
Ulli Boettcher bei seinem Auftritt in Spaichingen. (Foto: pm)

Die Evangelische Kirchengemeinde hat zu einem Kabarettabend mit Ulli Boettcher eingeladen – und alle, die dabei waren, haben einen kurzweiligen Abend erlebt, bei dem kein Auge trocken geblieben ist vor Lachen.

Schon nach der Begrüßung durch Pfarrer Johannes Thiemann wurde deutlich, auf was das Publikum sich eingelassen hatte – obwohl niemand eine Ahnung davon hatte, was einen erwartet. Thiemann hatte auf einen „hoffentlich interessanten und auch nachdenklichen Abend“ hingewiesen; bei „unterhaltsam“ hatte er sich verbessert, doch Ulli Boettcher nahm sofort den Ball auf, dass der Abend und das Thema natürlich auch unterhaltsam sein dürfe. Seine spontane Art durchzog das ganze Programm: Er ging auf Zwischenrufe und das Publikum ein, nahm Stichworte auf und setzte eine Pointe an die andere. Ein Feuerwerk an Sprachwitz und Sprachkultur wurde den Zuschauern geboten, ohne dass dabei jemand bloßgestellt oder gar lächerlich gemacht wurde. Außer dass durch Übertreibungen und bewusste Zuspitzungen Dinge auf recht kuriose Art und Weise dargestellt wurden.

Zu Beginn befragte der Kabarettist ein anwesendes Ehepaar. Ihre Antworten baute er immer wieder in sein Programm ein und kommunizierte ständig mit seinem Publikum. Als der Gefragte als seinen Beruf „Arbeitsvorbereiter“ nannte, war am Ende das Fazit von Boettcher, dass er das erstaunlich finde: die Ingenieure machen die Arbeit, der Arbeitsvorbereiter winke die Pläne durch, ohne eine Ahnung zu haben, und lässt dann die Mechaniker die Arbeit machen.

An einem für ihn beispielhaften Tag zeigte er an Beispielen auf, wie oft wir keine Ahnung haben, aber so tun, als ob wir sie hätten. Schon bei der Kaffeemaschine am Morgen, die nicht mehr funktioniert, stellen wir fest, dass wir keine Ahnung haben. Vor allem, wenn wir die Bedienungsanleitung nicht finden, dagegen Anleitungen von Geräten, die schon lange unseren Haushalt verlassen haben. Verschiedene Berufsgruppen kamen dann an die Reihe, die doch im Grunde alle keine Ahnung von dem hätten, was sie eigentlich können müssten. Er nannte Lehrer – wenn Eltern über Lehrer reden, zeige sich doch sehr deutlich, wie wenig Ahnung sie hätten, ebenso würden Ärzte von ihren Patienten eingeschätzt.

Von sich als Künstler ausgehend – „die tun doch den ganzen Tag nichts und schaffen abends nur zwei Stunden“ – war der Übergang fließend zu Männern, die das Sportstudio besuchen, um der dortigen hübschen Sportassistentin alle sportmedizinischen Fachausdrücke unhinterfragt zustimmend abzunehmen, nur um sich nicht zu blamieren.

Wie Männer ihre Söhne aufklären, weil die Frau schon die Tochter aufgeklärt hat, machte deutlich, wie wenig auch hier „Mann“ eine Ahnung hat. Frauen dagegen schon, „die sehr oft so tun, keine Ahnung zu haben, um dem Mann recht zu geben“. Damit er das tut, was sie möchte.

In der Szene vom Autokauf als Zugabe wurde noch einmal neben der Sprachakrobatik auch das schauspielerische Talent von Ulli Boettcher deutlich. Restlos begeistert verließ das Publikum nach zwei Stunden und 15 Minuten Programm das Martin-Luther-Haus. Ein Wermutstropfen blieb aber: dieser Abend hätte durchaus noch mehr als 70 Besucher verdient gehabt.

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