Inklusion bedeutet Umgang mit Vielfalt

Lesedauer: 8 Min

In den Schulen des Bereich Spaichingen/Heuberg sind die meisten Schüler mit besonderem Bildungsanspruch nicht körperlich behind
In den Schulen des Bereich Spaichingen/Heuberg sind die meisten Schüler mit besonderem Bildungsanspruch nicht körperlich behindert, sondern habe eher eine Lernbehinderung. Das macht die Sache für die Schulen nicht einfacher. (Foto: Armin Weigel)
Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiterin

Lernen in der großen Gruppe? Akzeptieren, dass es lernstärkere und lernschwächere Schüler gibt? Das sind zwei der Hauptknackpunkte für ein gelungenes inklusives Lernen von Kindern mit besonderem Förderbedarf in Regelschulen. Das hat eine kleine Umfrage bei den Rektoren der Wehinger Schlossbergschule, der Lemberschule in Gosheim und der Aldinger Gesamtschule ergeben.

Die Wehinger Schlossbergschule, eine Grund- und Werkrealschule, bietet Inklusion schon im fünften Jahr an und das, obwohl das entsprechende Gesetz, das den Rechtsanspruch festschreibt, erst seit 2015 in Kraft ist. In diesem Jahr, mit nun zehn Inklusionsschülern, sei die Schule auch ordentlich mit Lehrern versorgt. Miteinander gelinge es, auch die Inklusion zu erfüllen.

Mit einem Aber: Wenn ein Kind das Lernen in der großen Gruppe nicht aushält, wird den Eltern angeraten, es im SBBZ (Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum, so heißen die Förderschulen heute) lernen zu lassen, berichtet der Wehinger Rektor Berthold Stehle auf unsere Anfrage. Das würde helfen zu vermeiden, dass Kinder leiden.

Seine Schule habe mit der Aufgabenstellung der Inklusion kaum Probleme, weil die Schule sich mit ihren kleinen Klassen selbst sehr stark das Profil der individuellen Förderung gegeben habe.

So seien längst nicht alle Schüler mit besonderem Förderbedarf auch als solche erfasst. Einmal habe er einen Sonderpädagogen, der zwei- bis zweieinhalb Stunden pro Schüler und Woche an der Regelschule unterstützt, gebeten zu sagen, welche Schüler einer Matheklasse die mit besonderem Bedarf seien. Er sei auf auf acht gekommen, in der Tat waren es drei.

„Viele Entwicklungsprozesse“

Das unterstützt, was Aldingens Gemeinschaftsschulrektor Bernhard Straile sagt: „Es ist für uns nicht eine weitere Lernstufe, sondern eine weitere Verschiedenheit.“ Das globalere Thema sei: Unterricht in Klassen mit extremer Heterogenität. Inklusion in den Schulen zu etablieren sei ein weiterer Entwicklungsprozess. Die Frage etwa, wie Kinder beschult werden, die kein Deutsch sprechen, gehöre dazu. Dazu komme, dass Grundschüler bis Klasse sechs und nach der Pubertät mit Inklusion gut zurecht kommen, „die Pubertät aber keine Phase ist, in der Inklusion zum Highlight wird.“

Eigentlich brauche das Land ein pädagogisches Gesamtkonzept und dafür vor allem Ruhe, so Straile. „Wir haben ein hochleistungsfähiges Kollegium mit einer positiven Grundstimmung, aber immer am oberen Rand der Belastung“, da seien politische Geplänkel nicht eben hilfreich.

Die Regelschulen, die Schüler mit besonderem sozialpädagogischen Bedarf aufnehmen, werden unterstützt von Förderschulen, die heute SBBZ heißen. Und auch für sie hat die Anforderung an die Flexibilität zugenommen.

Denn nach wie vor werden 30 Schüler zum Beispiel an der Lembergschule in Gosheim unterrichtet, in Inklusionsschulen sind es 15, informiert Rektorin Maria Luise Eberle. Das bedeutet, zwei Pädagogen sind im „Außeneinsatz“, die Organisation liegt bei der dortigen Schule, Fachaufsicht aber beim SBBZ, die anderen nach wie vor an der Schule.

Der Beratungsbedarf für die Eltern sei riesig, so Eberle, denn sie hätten oft keine Vorstellung davon, wie zwei Bildungspläne zur Deckung gebracht werden müssten. Leider gebe es für die Koordination zwischen Sonderpädagoge und Schule keine Stunden für die Koordination, dabei müsse die ganz viel koordinieren.“

Eltern drängten oft zur Beschulung in der Regelschule. Aber es gebe auch andere Beispiele. So hätten ein Kind und seine Eltern entschieden, in die Lembergschule in die kleine Klasse zu gehen, um schneller aufzuholen und dann gar keinen Sonderbedarf zu haben.

4000 neue Stellen sind das Ziel

Bei einer Personalversammlung in der Aldinger Erich-Fischer-Halle haben sich am Dienstag 200 Lehrer und Schulleiter aus dem Kreis Tuttlingen mit dem Thema Inklusion befasst. Hauptreferent war Michael Hirn, Leiter eines Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums in Stuttgart. Bisher wolle die Landesregierung für die Inklusion bis 2022 zusätzliche 1350 Stellen schaffen. „Nach Berechnungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg müssten es mindestens 4000 Stellen sein“, sagte er. Die Maßnahmen der Landesregierung hätten zu spät begonnen – deshalb seien nun nicht genügend Bewerber auf dem Markt. „Es müssen mehr Anreize gegeben werden, mehr Geld, attraktive Schulen – und schnellere Qualifizierungsmodelle für Lehrer, die sich weiterbilden wollen.“ Günther Thum-Störk, GEW-Kreisvorsitzender, meinte, dass „auch allgemeinbildende Lehrer eine sonderpädagogische Grundbildung brauchen“.

Laut GEW sind die Schülerzahlen bei der Inklusion seit 2012 landesweit um neun Prozent gestiegen – die Lehrerstellen jedoch nur um zwei Prozent. „Dass das nicht funktionieren kann, ist klar“, forderte Hirn eine „wesentlich bessere Grundausstattung“. Sandrina Vogt, GEW-Bezirksvorsitzende Südbaden, meinte bei einem Pressegespräch, dass „die GEW seit Jahren sagt, dass 20 Stunden pro Woche mit doppelter Lehrerbesetzung in einer inklusiven Klasse notwendig sind, um vernünftig arbeiten zu können“. Das Schulamt schiebe Verantwortung auf die Schulleiter ab. „Wenn wir den Bereich auch noch abdecken müssen, kommen wir auf die Felgen“, sagte Andreas Solleder, Leiter der Solwegschule Trossingen.

Die Teilnehmer der Versammlung wurden zum Thema befragt: Demnach sagten 80 Prozent, dass „schlechte Ressourcen die Inklusion erschweren“ würden; und immerhin 20 Prozent urteilten: „Schlechte Ressourcen bringen die Inklusion zum Scheitern.“ Bemängelt wurde unter anderem, dass im Krankheitsfall kein Ersatz verfügbar sei. (hoc)

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen