In Springerle spiegelt sich das Leben

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Eine große Vielfalt an Modeln nennt Pfarrer Merkt sein Eigen.
Eine große Vielfalt an Modeln nennt Pfarrer Merkt sein Eigen. (Foto: Regina Braungart)
Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiterin

Pfarrer Anton merkt ist ein Schatzsucher. Dabei können diese Schätze materiell sein, eine wertvolle Antiquität etwa; Ideell – eine liebevoll gemalte Stadtansicht von Spaichingen zum Beispel, oder immateriell: Begegnungen, die immer aber überraschend und froh machend sind. Pfarrer Merkt, der vor eineinhalb Jahren als Pfarrer der Seelsorgeeinheit von Mühlheim in den Ruhestand ging und seither wieder in seiner Heimatstadt Spaichingen lebt, widmet sich seither mit sichtlichem Vergnügen den schönen Dingen, die ihn sein Leben lang begleiteten. Vor allem Kunst, oft sakral, war er doch ein leidenschaftlicher Motor für viele Kirchen- und Kapellenrestaurierungen zusammen mit dem begabten Restaurator Franz Heinzer.

Was ihm viele vielleicht nicht zutrauen, ist die hingebungsvolle Liebe zu kleinen Kirsch- und Ahornholzstückchen, die liebevoll ausgeschnitzt sind und für ein uraltes Gebäck verwendet werden, das in jedem Exilschwaben sofort innige heimatliche Weihnachtsgefühle auslöst: Springerle. Aber Springerle und ihre Model, so nennt man die als Form ausgeschnitzten kunstvollen Vorlagen, sind weit mehr als ein Gebäck. Pfarrer Merkt zieht aus einem seiner vielen, thematisch geordneten, in der Form eher unkonventionellen, Kopienstapeln zielsicher ein Blättchen heraus, das folgendes Zitat beinhaltet: „Es ist offensichtlich, dass Model schnell, zu einer unendlichen Geschichte werden und dass nicht wenige einem gewissen Wahn verfallen, wenn sie in diese Welt eintauchen.“ Zumal sie Pfarrer Merkt mit seinem ersten Beruf verbindet: Er war nämlich Bäckermeister vor seinem Studium.

Wie vielfältig die Geschichte und Art der Springerle ist, schwant dem staunenden Beobachter erst nach und nach. Bildgebäck, so heißt es, habe einst Tieropfer abgelöst, ob es allerdings stimmt, was auf einem der kopierten Zeitungsberichte steht, dass die Schwaben die essbare Variante erfanden, selbstverständlich zur „Ehre der Götter“, statt sie über Altären in Rauch aufgehen zu lassen, das sei doch dahin gestellt.

Jedenfalls beschäftigt sich eine Doktorarbeit in Tübingen – die Pfarrer Merkt selbstverständlich aus einem weiteren Stapel zieht – mit Springerle. Sie sind auch theologisch interessant, vor allem seit dem Mittelalter verbreitet und stellen nicht nur weltliche Dinge dar, sondern auch theologische. Vor der Erfindung des Buchdrucks und der Fotografie durchaus ein probates Mittel um neueste Kleidermode ebenso schnell unters Volk zu bringen wie Grundlegendes zu den christlichen Hochfesten. Warum ein Garten ausgerechnet auf dem Weihnachtsspringerle abgebildet war, darüber hat Pfarrer Merkt lange gegrübelt. Bis eine Bekannte namens Eva sagte, dass der 24. Dezember ihr Namenstag sei. „Adam und Eva“ ist am 24. Dezember. Paradies – verwirkter Garten, und schon ist das Rätsel gelöst.

Es sind unendlich viele Geschichten, die den quirligen, interessierten und gebildeten Pfarrer mit Springerlesmodeln verbinden. Und ganz klar: immer mit Menschengeschichten. Schwester Talida aus Horb hatte den Grundstein mit einem Gartenmodel aus 1772 gelegt, zur Zeit, als Merkt Vikar und Pfarrverweser dort war. Der legendäre Pfarrer Beha aus Furtwangen hatte auch eine Springerlesammlung („Aber er hat nie gesagt, woher er die hat“). Die Kunstschnitzerin Regula Birk-Schulz aus Rottweil hat von Fotographien schöne Kopien angefertigt („das wusste Pfarrer Beha aber nicht“). Die ihm bekannten Adeligen der von Au-Wachendorf oder auch bekannte Fabrikanten interessierten sich für Model der Wappen. Und nicht zuletzt extra geschnitzte Model etwa des Mariahilf-Bildstocks auf dem Welschenberg gehören inzwischen zur Sammlung Merkts.

Als er einmal unterwegs war, entdeckte er im Schaufenster eines oberschwäbischen Konditiors wunderschöne uralte Model. „Ich dachte, mich trifft der Schlag“, erzählt Merkt in seiner unnachahmlichen Begeisterung. Dieser Konditor will inkognito bleiben, stellt aber auch Ausstellungsstücke für die Ausstellung in Renquishausen zur Verfügung.

So begeistert wie der 72-jährige Pfarrer seine Model sammelt und enträtselt, mit so viel Humor und Nachsicht über die Menschlein und ihre Lebensgestaltung, wie sie in den Springerle und ihren Sammlern auch zum Ausdruck kommt, beschäftigt er sich damit. Zum Beispiel: „Es gibt auch protestantische Springerle“, verkündet er. Nur um lachend nachzulegen – „und katholische“. Die Konterfeis von Friedrich II und Maria Theresia. Sie dürften beide lecker geschmeckt haben.

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