In der Blütezeit baut Sauter 2400 Klaviere jährlich

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Manfred Brugger

Das Spaichinger Traditionsunternehmen Sauter besteht 2019 genau 200 Jahre. Grund genug, auf die Historie des weithin bekannten Klavierbauers zu schauen.

„Vielleicht sind sich die Herren Ludwig van Beethoven und Johann Grimm sogar einmal begegnet - damals im Jahr 1813 oder danach.“ So geheimnisvoll wird im ersten Satz des Sauter-UnternehmensPorträts in der „Frankfurter Allgemeine“ (FAZ) vom 5. November 1989 spekuliert.

Denn der Firmengründer, dessen ältestes, gut erhaltenes Tafel-Klavier aus dem Baujahr 1830 noch seinen Namen trägt, hatte sich nach einer Schreinerlehre in Spaichingen 1813 auf den Weg nach Wien gemacht, um in der Habsburgmetropole und Musikhauptstadt Europas Klavierbauer zu lernen.

Wieso er nicht Orgelbauer geworden ist wie sein Kumpel Anton Braun, der zur stolzen Riege der Spaichinger Orgelbauer zählt, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

In der Wiener Werkstatt des Andreas Streicher hat Johann Grimm jedenfalls sein Handwerk gelernt. Bei einem Kunst-Mäzen, der übrigens auch dem berühmten Schwabendichter Friedrich Schiller seinerzeit die Flucht aus dem verhassten Stuttgart ins rettende „Ausland“, ins kurpfälzische Mannheim möglich gemacht hat.

1819 ging es zurück in das heimatliche Spaichingen, das seit der napoleonischen Teilung Europas 1806 nicht mehr zu Vorderösterreich zählte, sondern Württemberg einverleibt wurde. Womit in der Folgezeit ein weiteres Gesang- und Orgelbuch unter dem Dreifaltigkeitsberg Einzug gehalten hat.

Die „Gründerzelle“ oder „Garage“, wie man heute zu sagen pflegt, lag in unmittelbarer Nähe vom späteren Firmenstandort in der Oberstadt, unweit vom heutigen „Ochsenkreisel“.

Weil Johann Grimm keine Kinder vergönnt waren, hat er ein uneheliches Kind angenommen. Genauer gesagt beim württembergischen König höchstpersönlich beantragt, bewilligt bekommen und rechtskräftig adoptiert. Dieser Junge trug den Namen Carl Sauter, dem wir in den nachfolgenden Unternehmergenerationen immer wieder begegnen. Er hat mit seiner Frau Viktoria ein Dutzend Kinder großgezogen und ist nicht alt geworden, sondern mit nur 43 Jahren verstorben.

Wenn Väter früh versterben, kommen die ältesten Kinder vorzeitig in die Verantwortung. Das war in diesem Fall der erst 17-jährige Johann Sauter, der mit seiner Mutter die unternehmerischen Pflichten übernommen hat in einer Zeit, wo die schönen Künste in der Nach-1848er-Zeit im Aufwind waren. Wie die Musik und das Klavierspiel, das früher den Höfen, Palästen und Kirchen vorbehalten war und sich fortan „demokratisierte“, also in bürgerlichen Kreisen Einzug hielt. Im Besonderen natürlich in Lehrer-Haushalten. Doch auffallend oft auch in Forsthäusern, aus welchem Grund auch immer.

Der Nächste in der Generationenfolge war Erwin Sauter, ein Musensohn, der 1915 im Ersten Weltkrieg gefallen ist.

Ihm folgte der im Dreikaiserjahr 1888 geborene Carl Sauter, verheiratet mit Anna (geborene Hauber), der die Geschicke des Betriebs bis zu seinem Tod 1948 geleitet hat.

Bis dahin war Sauter nur ein regionaler Anbieter, der fast eine Monopolstellung in der weiteren Umgebung hatte. Den Direktvertrieb aus Spaichingen ergänzten sieben Verkaufsfilialen in Balingen, Ravensburg, Freiburg, Offenburg, Augsburg, Würzburg und Frankfurt. Dieses Vertriebssystem hielt sich bis Ende der 1960er Jahre. Erst danach stieg man auf das Fachhandels-Prinzip um und verkaufte die sieben Filialen en bloc an die Firma Lang in München.

In dieser Zeit (1968) wurde nebenan auch das „Musik- und Pianohaus Spaichingen“ in der zeittypischen Fertigbeton-Bauweise erstellt. Es firmierte ganz bewusst nicht unter „Sauter“. Es wurde später aufgegeben und danach nur noch sporadisch genutzt. Heute sind dort Flüchtlinge untergebracht.

Der 1921 geborene Hans Sauter, der Vater des heutigen Mit-Gesellschafters Ulrich Sauter, stand 20 Jahre lang an der Spitze des Unternehmens, von 1948 bis zu seinem Tod 1968, Spätfolge einer Kriegsverletzung mit Splittern in der Leber.

Ihm folgte der bis dato letzte und heute noch lebende Carl Sauter, der 1936 geboren ist und die Geschicke des Unternehmens von 1968 bis 1993 gelenkt hat. Das war die Hochblüte-Zeit von Sauter, ausgangs der 1970er bzw. eingangs der 1980er Jahre, wo 120 Mitarbeiter 2400 Klaviere im Jahr gebaut haben.

Ein weiterer Teil folgt

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