Heilkräuter vor der Haustür: Tradition, (Aber-)Glaube und Heilmittel

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Blumen
In einigen Kirchengemeinden und etlichen Ortsvereinen des Katholischen Deutschen Frauenbunds werden zum Hochfest Mariä Himmelfahrt am 15. August traditionell Kräuter gesammelt und zu Sträußen gebunden, die im Gottesdienst geweiht werden. (Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart/Pfann)
Schwäbische Zeitung

Zum katholischen Hochfest der „Aufnahme Mariens in den Himmel“ – volkstümlich: „Mariä Himmelfahrt“ – bringen Gläubige traditionell Blumen, Kräuter und Früchte aus Gärten und Feldern zum Segnen in die Gottesdienste. Redaktionsmitarbeiter Frank Czilwa hat mit der Spaichinger Phytopraktikerin und Kräuterexpertin Kerstin Ginzel über die Ursprünge dieses Brauchtums gesprochen, über altes Kräuterwissen und darüber, wie man durch heimische Kräuter und Stauden Bienen und andere Insekten unterstützen kann.

Frau Ginzel, wie ist eigentlich die Tradition der Kräuterweihe gerade an Mariä Himmelfahrt entstanden? Inhaltlich sieht man ja unmittelbar keinen Zusammenhang zwischen Maria und den Kräutern.

Inhaltlich geht der Zusammenhang auf eine alte Legende zurück: Als Maria gestorben ist, und man ihr Grab geöffnet hat, hat man dort nur noch Rosen und Lilien gefunden. Die Tradition der Kräuterweihe ist aber älter als das Christentum, das diese Tradition für sich adaptiert hat. Eine Weile war es sogar verboten, Kräuter zu weihen. Aber als die Kirche gemerkt hat, dass die Leute diese Tradition nicht aufgegeben haben, hat sie diese selbst aufgegriffen und für sich umgedeutet.

Die Menschen haben früher ja viel enger mit der Natur und den Pflanzen gelebt, waren auf diese viel mehr angewiesen, auch um Heilmittel aus ihrer Umwelt zu bekommen. Im Sommer haben sie gemerkt, dass sich die Heilkraft in den Pflanzen ganz besonders angereichert hat. Der Hochsommer ist eine geeignete Zeit, um gewisse Heilpflanzen zu sammeln.

Man hat aus den Kräutern Tee gemacht oder sie unter das Viehfutter gemischt, damit das Vieh gesund bleibt. Die Kräuter wurden auch zum Räuchern verwendet, wie Wermut oder Beifuß, um das Haus zu reinigen. Man hat sich die Buschel in die Stube gehängt, und wenn ein Gewitter aufkam, war man überzeugt, wenn man Königskerze und Johanniskraut in der Feuerstelle verbrennt, würde das das Gewitter vertreiben.

Das sind ja eher abergläubische Vorstellungen, würde man heute sagen ...

Bei einem nahenden Gewitter fühlt man sich hilflos, hat so aber wenigstens das Gefühl, dass das vielleicht helfen könnte.

Gibt es denn auch nachweisliche medizinische Wirkungen bei solchen Räucherungen mit Kräutern?

Beim Räuchern werden Stoffe in die Luft freigesetzt wie zum Beispiel ätherische Öle, die keimtötend wirken können. Gerade auch in Pestzeiten hat man viel geräuchert, etwa mit Engelwurz, Thymian und Lavendel. Und vom Energetischen her meinen viele wahrnehmen zu können, dass das auch energetisch reinigt.

Hat sich dieses alte Wissen über Kräuter in der Bevölkerung eigentlich bis heute gehalten?

Das ist total schön: Gerade bei Kräuterwanderungen sind immer wieder Leute dabei, die etwas beitragen und ergänzen können, zum Beispiel wie die Kräuter umgangssprachlich genannt werden. Da hat teilweise fast jeder Ort seine eigenen Bezeichnungen. Und was ich beobachtet habe, ist, dass Teilnehmer, die ihren Ursprung im Osten Europas haben, zum Teil noch viel mehr Wissen haben rund um die Kräuter und auch schneller dabei sind, diese zu sammeln und anzuwenden. Die Hemmschwelle ist da nicht so hoch. Ich sehe aber auch, dass viele Leute sehr offen sind und schnell Zugang finden, heimische Kräuter kennen zu lernen und für sich zu verwenden. Ich kriege oft Rückmeldungen über Erfolge.

Was sind denn typische Kräuter, die jetzt um diese Zeit blühen?

Ich schaue in den Garten und sehe, wie der Dost blüht, der Beifuß steht prächtig da und die Schafgarbe. Traditionell in die Mitte eines Kräuterbuschels gehört die Königskerze, die jetzt gelb blüht. Die Ringelblume und die wilden Möhren blühen momentan sehr schön. Baldrian und Johanniskraut sind ganz wichtige Heilkräuter. Die Goldrute fängt jetzt an zu blühen und das Weidenröschen steht bereits in Blüte.

Haben Sie festgestellt, dass die Vielfalt der heimischen Kräuter in den letzten Jahren durch Umwelteinflüsse wie intensive Landwirtschaft oder Klimawandel abgenommen hat?

Konkret kann ich das nicht an Zahlen festmachen. Aber ich mache seit jetzt elf oder zwölf Jahren Kräuterwanderungen und habe das Gefühl, dass die Fülle, was alles wächst, damals noch größer war oder häufiger vertreten war. Viele Wegränder werden seit Jahren regelmäßig abgemäht. Trotzdem muss ich sagen, dass ich es super toll finde, dass wir in einer Gegend leben, in der es immer noch viele Flächen gibt, die nicht intensiv landwirtschaftlich genutzt werden, am Albtrauf zum Beispiel. In unserer Region gibt es zum Glück viele wilde Ecken.

Durch Nachrichten über Bienen- und Insektensterben hat sich das Bewusstsein aber auch geändert, und viele wollen die Insekten durch das Pflanzen von Blumen und blühenden Pflanzen unterstützen. Aber viele Bienen- und Insektenarten sind ja auf ganz bestimmte Pflanzen spezialisiert und profitieren nicht von jeder Blume.

Ja, von Geranien haben die Bienen zum Beispiel nichts; auch die klassische Forsythie im Vorgarten wird nicht von Bienen besucht. Es tut einem ja selber gut, wenn man sich mit Blüten und Farben umgibt. Das Tolle ist, wenn ich mir heimische Stauden in den Garten pflanze, dann habe ich nicht viel Pflegeaufwand und brauche auch nicht zu düngen. Da ist zum Beispiel der Dost: Wenn ich mir den einmal in den Garten setze, dann blüht und gedeiht er den ganzen Sommer. Auch Thymian, Minze, Lavendel brauchen nicht viel Pflege. Auch kann ich wilde Ecken mit Brennnesseln stehen lassen, von denen viele Insekten profitieren. Man kann sich hier was Schönes gestalten, ohne viel Arbeit mit dem Gärtnern und Pflegen zu haben.

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