Flüchtlingshilfe im vierten Jahr

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„Teatime“ heißt das offene Angebot, das die Spaichinger Flüchtlingshilfe immer freitags ab 15 Uhr im Martin-Luther-Haus anbietet
„Teatime“ heißt das offene Angebot, das die Spaichinger Flüchtlingshilfe immer freitags ab 15 Uhr im Martin-Luther-Haus anbietet. (Foto: Regina Braungart)
Redaktionsleiterin

„Wir schaffen das?“ Ein beherztes „Ja“, kann Diakonin Gritli Lücking nach nunmehr fast vier Jahren Flüchtlingshilfe Spaichingen nicht sagen. Und die Gründe sind viel vielschichtiger, als es schlichte Gemüter suggerieren. Das Fazit: Im täglichen Leben kommen die Familien oder Einzelpersonen ganz gut zurecht, so Lücking, um sich dann in den kleinen und großen Barrieren im Weg durch den Behördendschungel immer wieder blutige Nasen zu holen.

Integration ist für die Flüchtlinge und für die Helfer sehr anstrengend. Und zeitraubend. Kein Wunder, dass unter den Aktiven der Flüchtlingshilfe überwiegend Frauen und Männer im Ruhestand sind. Nur wenige Berufstätige schaffen es, diese Zeit und Energie aufzubringen.

Aber es gebe auch viele, die nicht organisiert seien und – einfach als Nachbarn und Kollegen – bei der Integration der Flüchtlinge helfen.

Doch stetig und unbeirrt gibt es die alten und neuen Angebote: Teatime am Freitag ist ein offener Treff zwischen 15 und 17 Uhr im Martin-Luther-Haus, es gibt nach wie vor einen unterstützenden Sprachkurs, vor allem zur Konversation, und der Nähtreff mittwochs, in dem Frauen Kleider und Taschen nähen, lässt sich gut an. Mit dem Erlös sollen wieder Materialien gekauft werden und vielleicht eine weitere Maschine - ein kleines Geschäft kann daraus werden.

Und immer wieder gibt es Erfolgserlebnisse: Jemand wird im Praktikum untergebracht, kann eine Arbeitsstelle antreten, Kinder machen in der Schule Fortschritte, eine Familie findet eine Wohnung. Ganz wichtig ist natürlich, dass die Leute auch integriert sein wollen, was nicht immer der Fall sei, so Lücking. Die Menschen, die gekommen sind, sind so unterschiedlich, wie die Menschen, die hier leben.

Und dann endlos nicht angepackte Probleme wie der massive Schimmelbefall im Gebäude Hauptstraße 50. Das Haus sei als Fabrik und nicht als Wohnhaus konzipiert, sagt Lücking. Vor Monaten hat die Ini mehrere Zimmer mit Alkohol „entschimmelt“, aber im Winter kam er wieder; zum Teil dringe das Wasser von unten ein.

In der Hauptstraße 175 tut sich endlich etwas, dank einer privaten Initiative und einem neuen Hausmeister, der sehr engagiert sei, sagt der Helfer.

Eine Art zu wirtschaften und zu leben mit immer mehr Wachstum und Konsum überfordere viele Menschen, sagt Lücking. Und dass sich Flüchtlinge hier oft nicht zurecht finden und Menschen keine Zeit zur Unterstützung, sei die Konsequenz. Das Gegenmodell: jeder hat soviel, wie er braucht, und kann friedlich und gelassen mit anderen leben - das komme in diesem Konzept nicht vor.

Aber: „Was uns alle bei der Stange hält, sind die netten persönlichen Begegnungen, Kleinigkeiten. Und zusammen zu lachen.“

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