EU-Gipfel „Europe on top“ auf dem Klippeneck lebt auch von viel Humor

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Welche Eigenschaften habe ich, hat mein Land, mein Europa? Es gibt viel zu besprechen für die 90 Jugendlichen aus sechs Ländern.
Welche Eigenschaften habe ich, hat mein Land, mein Europa? Es gibt viel zu besprechen für die 90 Jugendlichen aus sechs Ländern. (Foto: Regina Braungart)
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Mehr Fotos gibt es unter www.schwaebische.de/eu-gipfel-klippeneck

Was ist wichtig für unser Zusammenleben? - „Ice cream“. Manchmal kann die innereuropäische Verständigung ganz einfach sein. Auf dem Schild, auf das die rund 90 Jugendlichen aus sechs Ländern Wichtiges fürs Zusammenleben im EU-Camp geschrieben haben, stehen neben „Respekt“, „Freundlichkeit, „Neugierde“ auch Dinge, wie, dass die Toilettentür doch bitte geschlossen sein solle. Auch bei den anderen Aktivitäten wird klar: Wer gemeinsam lacht, und zwar vornehmlich auch über sich selbst, der findet schnell Kontakt.

Die jungen Frauen und Männer, die von den Jugendreferaten, dem Jugendmigrationsdienst der AWO und dem Netzwerk International des Kreises Tuttlingen eingeladen worden waren und von ihren Betreuern begleitet werden, lachen viel. Am Sonntagnachmittag aber sind viele in der Horizontalen anzutreffen, auch Denkingens und Aldingens Jugendpfleger Marc Molsner. Der hat am Morgen eine der drei Aktivitäten geleitet: Brückenspringen. Genauer, das Springen vom Heubergbahn-Aquädukt bei Gosheim. Und das bei der Hitze. Entsprechend platt sind viele Jugendlichen, das weitere Programm muss eine Stunde später stattfinden.

Überhaupt die Uhrzeiten: Kaum jemand isst zu den Zeiten wie die Deutschen. 18 Uhr Abendessen? Sehr gewöhnungsbedürftig. 22, 23 Uhr stattdessen? Viel zu spät! Also gibt es Abendessen und einen Spätabend-Snack. Wie das mit der Siesta ist? Über die würden sich auch die Deutschen freuen, denkt man sich.

Campsprache ist Englisch

Der Platz oben auf dem Gelände des FSV-Klippeneckzeltlagers ist ein Traum. Kiefern spenden Schatten, es weht hier an der Albkante ein laues Lüftchen, immerhin ist es drei Grad kühler als im Tal. In kleinen Grüppchen mischen sich nach zwei Tagen die Jugendlichen schon ein wenig, aber noch immer ist Bulgarisch, Ungarisch, Griechisch, Spanisch, Maltesisch und Deutsch neben Englisch, der Campsprache, zu hören.

An diesem Nachmittag geht es zum ersten Mal konzentrierter an das Thema des EU-Gipfels. Erst werden alle beim vom ungarischen Jugendleiter vorgestellten „Ice-Breaker“-Spiel mit viel Bewegung durcheinander gemischt, das Gelächter ist groß. Dann erkunden die Jugendlichen unter freiem Himmel die Identitäten. Die eigene - welche Eigenschaften lassen sich mit den Buchstaben des Namens aufschreiben? „M in Markus stands for „mighty““, deklamiert Markus Sell, Jugendreferent in Neuhausen, und schaut drein, als ob ihm „Macht“ nicht allzu viel bedeuten würde. Alle lachen.

Dann geht es um nationale Identitäten. Mehr zur optischen Auflockerung sind wohl die Länderflaggen gedacht, die verteilt werden. Doch dann passiert etwas seltsames. Aus dem bunten, neugierigen, aufgeschlossenen Haufen werden nationale Grüppchen. Teils aber wieder selbstironisch.

Eine deutsche Gruppe, zu der auch ein paar Geflüchtete sowie ein Firmenpraktikant aus Myanmar gehört, sucht die „anderen Kartoffeln“. Die griechische Gruppe fängt zu singen und zu klatschen an, die griechische Flagge im Mittelpunkt. Die bulgarische Gruppe ist hingegen pikiert: Obwohl kurz vorher noch da, ist die Flagge plötzlich verschwunden. Doch dann löst sich das wieder auf, die Flaggen werden getauscht mit der Frage: Was man denn Positives über das jeweilige Land weiß.

„Schnitzel, Goethe, Käsekuchen, Oktoberfest, Bier“ ist die geistig-schmackhafte Mischung, die den Deutschen zugeschrieben wird. „Philosophie, Athen“ und ähnliches steht später auf der griechischen Flagge. Die bulgarische Gruppe weigert sich, auf eine Fahne zu schreiben, das gebiete der Respekt.Die Eigenschaften werden jetzt halt auf Zetteln dran gepinnt. Die Malteser bekommen besondere Komplimente, vielleicht auch im Zusammenhang mit dem Einsatz ihrer Bürger bei der Hilfe für Geflüchtete: „Tolle, hilfsbereite Leute.“

Europa, die dritte Ebene, steht dann an. Und am Montag können die Jugendlichen im Europaparlament sehen, wie ihre EU dann im politisch institutionellen Gewand aussieht.

Ob die geflüchteten Deutschen, die dabei sind, und inzwischen besser Deutsch als Englisch sprechen, Folgendes schon entdeckt haben? Weil Maltesisch als semitische Sprache sehr eng mit dem Arabischen verwandt ist, können sie sich vielleicht sogar direkt unterhalten?

Dass in einem solchen Lager Freundschaften fürs Leben entstehen, kann man sich gut vorstellen. Es gäbe noch so viel zu fragen: Am liebsten schlösse man sich auch als Nicht-Jugendlicher an.

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