Egon Rieble ist tot

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Egon Rieble
Egon Rieble (Foto: Siegmeier)
Bodo Schnekenburger

Zeigen, die Augen öffnen, die Schönheit, die Aussage, die Absurdität, manchmal nur ein flüchtiges Bild erfahrbar machen: Laut konnte das sein, herzhaft zugehen, oder ganz leise, entkleidet bis auf einen subtil formulierten Kern. Egon Rieble konnte das, konnte beides. Der Dichter ist verstummt. Rieble starb am Mittwoch, wenige Wochen nach seinem 91. Geburtstag.

Es war das Gefühl für die Sprache und das Erzählen, das ihn eine erste Leidenschaft leben ließ. Flieger wollte er werden, um so mehr, als er in einem Schüler-Schreibwettbewerb einen Rundflug gewann. Das wollte er auch können – und er würde es. Der Schüler aus Göllsdorf wird Jagdflieger, Flieger aus Leidenschaft. Das Kriegshandwerk für die Nazis, die er „Verbrecher“ nennt, nimmt er, der Frieden liebt, in Kauf. Diese Verwerfung wird ihn sein Leben lang begleiten und in den letzten Jahren stärker ins Bewusstsein rücken. „Vernarbt“ sei diese Wunde, verheilt noch nicht, formulierte der damalige Oberbürgermeister Michael Arnold 2001 bei der Verleihung der Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens. Ein treffender Satz.

Kunstgeschichte hat Rieble schon immer interessiert, auch Kunst. Vor allem aber die Literatur. Hölderlin spielt eine wichtige Rolle, und Brecht, später Celan. Natürlich regt die Lyrik Georg Trakls den Dichter an, der dunkle Ton, der dem Leben geweiht ist. Doch Kunst ist nicht nur schön. „Schwarzer Psalm“ ist ein politisches Statement, dem Menschen verpflichtet. Vielleicht haben er und seine Publizität tatsächlich dazu beigetragen, dass ein Todesurteil an einem Studienfreund Riebles nicht vollstreckt wurde.

Rieble arbeitet als Lehrer, wird, eher aus Zufall, Kommunalpolitiker und schreibt einen folgenschweren Brief: Der Landrat sei kein Kulturpapst, lautete seine Reaktion auf den Kunstetat des Landkreises in den 1960er-Jahren, erinnert sich Rieble später. Es brachte ihm die Aufgabe ein, die ihn quasi mit einem Schlag in der gesamten Region bekannt machte. Als Kulturbeauftragter brachte er schließlich eine Sammlung sakraler Bildwerke aus allen Winkeln des Landkreises ins Landratsamt, um für deren Sicherung und Konservierung zu werben. Man kann zu dieser öffentlichen Demonstration auch „fordern“ sagen: Kompromisse geht Rieble in Sachen Kunst nicht gerne ein.

Unter anderem aus diesem Projekt speisen sich nicht nur der mächtige, reich bebilderte Kunst- und Freizeitführer „Sehen und Entdecken“, auch für die Mundart-Gedichtbände mit den pointierten Kommentaren zu Heiligen und ihren Helfern schöpfte Rieble daraus. Mit diesen Kunstführern, „Em Jesusle isch es langweilig“ und „Dr oane geit’s dr Herr im Schlof“, schafft sich der Autor Luft, nachdem sein literarisches Schaffen ins Stocken geraten war. Ein Vierteljahrhundert später sollte er mit „Guck au, dr Gabriel“ daran anknüpfen. Bei Lesungen und Besuchen von Ausstellungen und Kirchen, bei Lesungen und Vorträgen erleben zahlreiche Teilnehmer, wie sehr Rieble die Bildwerke beim Wort nimmt, wie ehrlich und charmant er sie beschreibt, mit welcher Verve er das Entdecken befördert, indem er erklärt, was zu sehen ist.

Gleichzeitig kümmert er sich auch wieder um sein hochsprachliches Werk, sichtet alte Gedichtsammlungen, schreibt neue Texte. Die Geburt der Enkelin Marie lässt noch einmal eine neue Saite anklingen: Der Jagdflieger, der Dichter wurde, reimt Kinderverse. Und er beschäftigt sich wieder mit Engeln. Ob er ahnt, dass er sein letztes Buch ihnen widmet? „Engel – geheimnisumwoben“ heißt es. Für Egon Rieble sind sie real, seit er einen Absturz nach einer Kollision bei einem Formationsflug überlebte. „Ich habe meinen Schutzengel gesehen“, wird er sagen. Und er lebte mit den Engeln aus Rilkes „Duineser Elegien“, den Bildern, die die eigene Zukunft erzählen.

Der Trauergottesdienst findet am kommenden Dienstag, 12. Juli, um 13.30 Uhr in der Kirche in Göllsdorf statt. Anschließend ist Beerdigung.

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