„Die Wälder werden in Zukunft ganz anders aussehen“

Lesedauer: 6 Min
Mann steht in einem Wald und lehnt an einen Baum
Professor Urlich Kohnle ist Waldexperte. (Foto: Privat)
Crossmedia-Volontärin

Wie wachsen Bäume unter unterschiedlichen Umweltverhältnissen, und was tut der Klimawandel mit den hiesigen Baumarten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Professor Ulrich Kohnle seit über 20 Jahren an der forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Baden-Württemberg. Redaktionsmitglied Anne Jethon hat mit dem Waldexperten gesprochen und gefragt, was die Wälder auf dem Heuberg in Zukunft brauchen.

Der Sommer 2018 und der Sommer 2019 waren hart für die Wälder, auch auf dem Heuberg. Was ist jetzt Stand der Dinge?

Bäume, die 2018 große Probleme hatten, haben 2019 noch größere Probleme bekommen. Momentan stellen wir fest, dass viele Bäume abgestorben sind. Da sind einige Bäume gerade noch an der Kippe, die sterben dann auch ab. Diese Situation wird im Laufe des Winters aber abklingen. Und dann entscheidet sich, ob das nächstes Jahr wieder los geht oder ob es sich dann etwas beruhigt. Aber die Jahre 2018 und 2019 waren schon extrem.

Gibt es eine Möglichkeit, die Bäume auch auf dem Heuberg zu retten?

Bei den Bäumen, denen es zu heiß war, ist gar nichts mehr zu retten. Da gibt es drei Möglichkeiten. Wenn ein Borkenkäferbefall frisch am Baum dran ist, muss man die einschlagen. Damit die Käfer nicht mehr aus dem Baum rauskommen und neue Bäume befallen. Tote Bäume, die an Verkehrswegen stehen, müssen aus Sicherheitsgründen weggenommen werden. Völlig egal, ob man mit dem Holz etwas anfangen kann oder nicht. Tote Bäume, aus denen keine Käfer oder andere Tiere mehr herauskommen, kann man auch stehen lassen.

Warum ist der Klimawandel so schädlich für den Wald?

Keine Baumart mag es, wenn es heiß ist und sie weniger Wasser bekommt. Die Bäume sind auf durchschnittliche Niederschlag- und Temperaturverhältnisse angepasst. Mehr Wärme heißt, die Bäume müssen mehr verdunsten. Es kommt aber kein Wasser aus dem Boden nach. Das zweite Problem ist: Pilze und Insekten befallen solche Bäume gerne. Und die entwickeln sich wenn es warm wird schneller. Heißt, das Risiko für einen Pilzbefall wird höher und gleichzeitig leiden die Bäume an Wassermangel. Diese Kombination ist nicht gut.

Muss man deshalb in Zukunft die Grundsatzfrage Ökologie vs. Wirtschaft stellen - auch im Wald?

Ökologie und Ökonomie widersprechen sich gar nicht so stark, wie es scheint. Wenn man einen Wald langfristig stabil bewirtschaften möchte, muss man den Wald auch ökologisch bewirtschaften. Über 100 Jahre gegen die Natur anzukämpfen funktioniert nicht. Die Wälder werden aber in Zukunft auch anders aussehen als jetzt. Gerade weil das Klima anders sein wird. Deshalb sollte man sich Gedanken machen, wohin die Reise gehen soll.

Wohin geht die Reise denn?

Fangen wir mal dort an, wo Wälder so alt sind, dass man das Holz nutzt und die Wälder verjüngt. Da müssen Baumarten hin, die die nächsten 50 bis 100 Jahre auch klimatisch eine Perspektive haben. Man muss sich Gedanken machen, wie das Klima hier in Zukunft aussehen wird und welche Bäume gut damit klarkommen. Solche Bäume müssen in der Verjüngung auftauchen. Meistens muss man solche Bäume dann pflanzen. Für die mittelalten Wälder gilt: konsequent durchforsten. Dann geht das Kronendach ein bisschen auf und es fällt mehr Regen auf den Boden. Die Bäume entwickeln größere Kronen und Wurzeln und sind ein bisschen stabiler gegenüber Trockenheit.

Was muss denn explizit in den Wäldern auf dem Heuberg getan werden?

In den Bereichen oberer Neckar und Schwäbische Alb gibt es vier Hauptbaumarten: Fichte, Buche, nicht ganz so viel Eiche und Tanne. Die haben bis zum Ende des Jahrhunderts ganz unterschiedliche Zukunftsperspektiven. Fichten werden so unter Druck kommen, dass man die zwar als beigemischte Baumart noch haben kann. Aber Wälder, die überwiegend aus Fichten bestehen, haben keine Zukunft. Bei den Buchen ist es so, dass die mittelfristig noch eine ganz ordentliche Perspektive haben. Längerfristig aber im Bereich vom Neckar auch Probleme bekommen. Auf der Schwäbischen Alb wird es noch relativ unproblematisch sein. Ziemlich gute Perspektiven dürften die Eichen haben. Denen ist es im Moment am Heuberg eigentlich zu kalt. In Zukunft sollte die Fichten nur noch eine beigemischte Baumart sein. Die Fichten- und Buchenwälder sollten ausreichend mit Eichen, Tannen und Douglasien eingemischt werden.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen