Das war Spaichingens letzter „Bahnhofsvorsteher“

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Mann steht an Pult mit vielen Knöpfen und Mikrofon
Der Herr der Knöpfe: Max Martin an seinem Arbeitsplatz. (Foto: Repro: Regina Braungart)
Manfred Brugger

Jubiläumshock

Der Jubiläumshock beim Bahnhof findet am Samstag, 6. Juli, von 11 bis 18 Uhr statt. Bewirtung, Musik und historische Ausstellung übernimmt der Spaichinger Heimatverein. 

Als vor 150 Jahren zum ersten Mal ein Zug nach und durch Spaichingen gefahren ist, bedeutete das den Anschluss der Stadt an die Welt und damit den Zug in die Moderne. Es ist auch der Tag, an dem der Bahnhof in Betrieb genommen worden ist. Im dritten Teil unserer Serie hat Manfred Brugger die neuere Bahngeschichte Spaichingens bis zur Schließung des Bahnhofs beleuchtet.

Max Martin (Jahrgang 1935), in blauer Dienstuniform und mit roter Mütze, die dem Aufsichts- und Fahrdienstleiter vorbehalten war. Dieser Anblick ist für viele ältere Spaichinger noch heute in lebhafter Erinnerung. Eisenbahner in dritter Generation, war Max Martin derjenige, der 1995 im Wartesaal die letzten Fahrkarten für den Fernverkehr am Schalter verkauft und Fahrplanauskünfte erteilt hat. Danach haben die Automaten die Regie übernommen, die zuvor schon die Fahrkarten für den Nahverkehr ausgespuckt hatten. Nicht immer zur ungeteilten Freude der Bahnkunden.

 Max Martin arbeitet hier noch am alten Stellwerk.
Max Martin arbeitet hier noch am alten Stellwerk. (Foto: Repro: Braungart)

„In der Spitze waren es 42 Mann“ , die zur eigenständigen Dienststelle des Bahnhofs Spaichingen gehört haben. Gegen Ende zu sei aber immer mehr Personal abgebaut worden, so dass es am Schluss nur noch fünf bis sechs Leute gewesen seien.

Zur Dienstelle zählten mehrere Bahnhöfe

Zur Dienststelle zählten auch die Bahnhöfe in Hofen, Aldingen, Neuhaus, Balgheim, Rietheim, Denkingen, Gosheim, Wehingen, Harras und Reichenbach. Hinzu kam der Güterverkehr und die Stückgutabfertigung mit Großkunden wie dem Sägewerk Wölfle, den PAM-Treibstoffen, dem Raiffeisen-Lagerhaus und dem Bundeswehr-Depot. Und die ganzen Drehereien auf dem Heuberg, die werktäglich mit einem Güteranzug angefahren worden sind, „in der Spitze mit bis zu zwölf Waggons“.

170 Quadratmeter große Dienstwohnung

Gab es in Spaichingen auch ein Bahnwärterhäuschen ? – Ja, und zwar da, wo heute die Brücke über die Schuraer Straße führt, die Ende der 60er-Jahre gebaut worden ist. Bis dahin hat der Bahnwärter Nardin sorgsam darauf geachtet, dass an dieser einst ebenerdigen Kreuzung von Schiene und Bahn keiner zu schaden kam.

Max Martin hat viele Jahre die 170 Quadratmeter große Dienstwohnung im Bahnhofsgebäude bewohnt, mit einem 17 Meter langen Flur. „Einer Kegelbahn“, wie er augenzwinkernd im Interview am Beckenrand des Freibads ausführt, wo er immer noch oft und gern seine Bahnen zieht.

Letzte Fahrt 1966

Bei der letzten Fahrt der Heubergbahn im September 1966 war er mit von der Partie, bis hin zur „Leichenrede“ von Landrat Köpf in der proppenvollen „Krone“ in Reichenbach.

Die Bahnhofsgaststätte, von manch einem Wartenden neugierig beäugt, hatte in ihren besten Zeiten eine beachtliche Stammkundschaft. Und mit den Eheleuten Sanfilippo ein Wirtsehepaar, das sage und schreibe 42 Jahre lang hinter dem Tresen stand (erst im Herbst des vergangenen Jahres ist Frau Sanfilippo verstorben und seitdem stehen die Räumlichkeiten leer).

Vorläufer der „Hühnerleiter“

Die heutige „Hühnerleiter“ hatte bereits einen Vorläufer in Form des „Wölfle-Stegs“, der zum gleichnamigen Sägewerk führte, das längst Geschichte ist. Dieser musste im Zuge der Elektrifizierung dieses Streckenabschnitts 1977 weichen, weil er den Höhenmassen und Abständen der neuen Oberleitungen nicht mehr gerecht geworden ist. Seither führt eine „Hühnerleiter“ Fahrgäste sicher auf Gleis 3, das dem Fernverkehr vorbehalten ist. Im Gegensatz zum Ringzug, der auf dem „Weichengleis“ 1 halten darf.

Barrierefreiheit am Bahnhof

Bahnüberführungen dieser Art sind landauf landab in Gebrauch und deswegen auch ein fester Baustein im Sortiment von Modellbaukästen (wie beispielsweise Faller in Gütenbach). Aufzüge beim Auf- und Abstieg können für eine Barrierefreiheit sorgen, wie etliche Beispiele beweisen - so Bahn und Kommune gewillt sind, an einem Strang zu ziehen.

„Königlicher Bahnhof“ war Spaichingen von 1991 bis 2004, also in der Amtszeit von Ministerpräsident Erwin Teufel. Jener leidenschaftliche Bahnfahrer hat seinen Arbeitstag, wann immer möglich, in Spaichingen begonnen. In Rottweil ist seine bestens stenographierende Sekretärin Hilde Troje zugestiegen und hat das „rollende Büro“ vervollständigt, das bis zum Hauptbahnhof Stuttgart einen großen Teil des täglich beachtlichen Postaufkommens weggeputzt hat.

Jubiläumshock

Der Jubiläumshock beim Bahnhof findet am Samstag, 6. Juli, von 11 bis 18 Uhr statt. Bewirtung, Musik und historische Ausstellung übernimmt der Spaichinger Heimatverein. 

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