„Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Erdboden her“

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 Die Ausstellung „Fraternité-Brüderlichkeit“ im Schörzinger Eckerwald ist am Mittwoch eröffnet worden.
Die Ausstellung „Fraternité-Brüderlichkeit“ im Schörzinger Eckerwald ist am Mittwoch eröffnet worden. (Foto: Seeburger)
Daniel Seeburger

Am Mittwoch ist im Schörzinger Eckerwald die Ausstellung „Fraternité-Brüderlichkeit“ eröffnet worden. Dabei stand die Frage nach Schuld, unter anderem am Beispiel der Kain-und-Abel-Geschichte, im Fokus. 

Es sind die Berichte der Überlebenden, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Bei der Vernissage des deutsch-französischen Kunstprojekts „Fraternité-Brüderlichkeit“ im Eckerwald bei Schörzingen wurde aus den Erinnerungen von Jerzy Sztanka vorgelesen. Zusammen mit seinem Bruder Henryk kam er 14-jährig ins KZ Dautmergen. Im April 1945 wurden sie zusammen mit anderen Häftlingen auf den Todesmarsch nach Mittenwald getrieben. Bei Garmisch blieb der am Bein verletzte Henryk Sztanka zurück und sollte hingerichtet werden. Bevor sie getrennt wurden, gab er dem Bruder sein letztes Stück Brot. Nach der Befreiung durch die Amerikaner traf Jerzy Sztanka seinen totgeglaubten Bruder in Garmisch-Partenkirchen wieder. Der zur Hinrichtung abgestellte SS-Mann hatte die Häftlinge nicht ermordet, sondern in einen Eisenbahnwaggon gesperrt. Dort wurden Eisenbahnarbeiter auf sie aufmerksam. „So hatte ich meinen Bruder wieder gefunden“, schreibt Jerzy Sztanka.

Die Vorstandsprecherin der Initiative Eckerwald, Brigitta Marquart-Schad, begrüßte rund 100 Besucher bei der Vernissage im Eckerwald. Nachdem die Gedenkstätten der Außenlager des früheren KZ Natzweiler-Struthof im Elsass das Europäische Kulturerbesiegel verliehen bekommen hatten, kam die Idee auf, ein Kunstprojekt zu initiieren. Dazu schufen jeweils ein französischer und ein deutscher Künstler zusammen eines von 16 großformatigen Kunstwerken. Im Eckerwald ist ein Werk von Mina el Bakali und Max Wetter ausgestellt.

Heide Friedrichs von der Initiative Eckerwald erläuterte das großformatige Bild und stellte einen Bezug zu Dantes Göttlicher Komödie her, zur sogenannten Höllenfahrt. Sie verwies auf den symbolhaften Bildaufbau und die mythologischen Verweise. Das Werk sei zwar nicht speziell für den Eckerwald hergestellt worden, stehe aber, wie alle Arbeiten in diesem Rahmen, symbolisch für die „Vernichtung durch Arbeit.“ Heide Friedrichs zitierte aus den Aufzeichnungen eines Häftlings aus Luxemburg, der in Schörzingen inhaftiert war. Das KZ Schörzingen habe sich in eine Hölle verwandelt, erinnerte sich der ehemalige Gefangene. Insgesamt kamen dort 529 Menschen zu Tode.

In der großen Halle des Eckerwalds sind sieben Werke von Zehntklässlern der Schömberger Realschule aufgebaut, die sie zusammen mit Vincent Krüger geschaffen haben. In allen Gedenkstätten der ehemaligen Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof fanden solche pädagogischen Begleitprojekte statt.

Schüler der Zinzendorfschule in Königsfeld führten eindrückliche Szenen auf, die die Grundproblematik von Schuld, Unterdrückung, Hass und Gewalt aufzeigten. Beispielsweise anhand der biblischen Geschichte von Kain und Abel, einem Urbild der Schuldfrage. „Wo ist Abel, dein Bruder?“, fragt Gott den Kain. „Bin ich meines Bruders Hüter?“, antwortet dieser. „Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Erdboden her“, sagt daraufhin Gott. Es sei genau dieses Blut der Ermordeten der Konzentrationslager, das heute noch zum Himmel schreit, hieß es in der kurzen Aufführung.

Ein Bläser-Doppelquartett des Musikvereins Zepfenhan gestaltete die Vernissage. Immer wieder erklang Beethovens Schlusssatz aus der neunten Symphonie, nach Schillers Worten: „Alle Menschen werden Brüder“.

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