Chinesen schätzen Klaviere aus Spaichingen

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Manfred Brugger

Das Spaichinger Traditionsunternehmen Sauter besteht 2019 genau 200 Jahre. Grund genug, auf die Historie des weithin bekannten Klavierbauers zu schauen.

Irgendwann wurde es am alten Firmenstandort zu eng, so dass die Aussiedlung in die heutige Max-Planck-Straße auf die Agenda kam, 1974 in Angriff genommen wurde und 1984 vollendet. In diesen zehn Jahren war ein aufwändiges, nicht immer optimales Doppelleben an zwei Standorten angesagt.

Hinzu kam, dass in jener Zeit – parallel zur Uhrenindustrie im nahen Schwenningen – die seitherige Mechanik Konkurrenz bekam durch die aufkommende Elektronik in Form des digitalen Klaviers, landläufig Keyboard genannt. Dieses deutlich billigere und leichtere Instrument hat sich schneller verbreitet, als den traditionellen Klavierbauern lieb sein konnte. In verhältnismäßig kurzer Zeit war das Marktvolumen 50:50 aufgeteilt, womit Sauter nur noch an der Hälfte des früheren Verkaufs-Kuchens teilhaben konnte.

Und dabei ist es nicht geblieben. Das noch heute geltende 80:20-Verhältnis zugunsten der Keyboards hat zum Tod vieler namhafter Klavierbauer beigetragen, bis hin zum ältesten deutschen überhaupt, der Firma Ibach in Schwelm (mit der Sauter in den 90er Jahren noch eine Kooperation gesucht hatte). Klangvolle Namen wie Grotrian und Schimmel sind heute in chinesischer Hand. In Deutschland sind nur wenige Klavierbauer übrig geblieben, darunter das Spaichinger Unternehmen.

Die Jahresproduktion von Sauter beläuft sich heutzutage auf 500 Klaviere zuzüglich 50 bis 60 Flügeln, die zusammen einen Umsatz von rund fünf Millionen Euro ergeben. Ein Viertel davon geht nach Deutschland, ein Drittel nach Asien, der Rest in die übrige Welt. Der jetzige Betrieb mit einer Fertigungsfläche von 5000 Quadratmetern und einer sehr hohen Fertigungstiefe zählt 50 Mitarbeiter, einschließlich fünf Azubis. Jene lernen in einer dreieinhalbjährigen dualen Ausbildung (Blockunterricht in der Oskar-Walcker-Schule in Ludwigsburg) den Beruf des Klavierbauers, der zwischenzeitlich vom Meisterzwang befreit ist. Die Hälfte der Azubis ist mittlerweile weiblich.

Wer selber Klavier spielt, weiß, wie viel Übung und Ausdauer es bedarf, den 88 Tasten etwas Klangvolles zu entlocken und auf Dauer dranzubleiben. Bis zur Virtuosität eines Lang-Lang ist es buchstäblich lange hin. Asiaten, so will es scheinen, haben da einen längeren Atem, so dass die Musik in dieser Branche längst im fernen Osten spielt. Vornehmlich in China, wo Klavierspielen in den aufstrebenden Schichten zum guten Ton gehört und Klavierlehrer im hohen Ansehen stehen.

Bei 1,3 Millionen Chinesen rekrutiert sich daraus eine erkleckliche Masse von Klavierspielern, die im Reich der Mitte von einigen privaten Klavierbauern, vor allem jedoch von riesigen staatlichen Klavierfabriken, bedient werden. Da wundert es auch nicht mehr, dass die einst angesehene, jährliche Musikmesse in Frankfurt längst zugunsten von Messen in Peking und Shanghai an Bedeutung verloren hat.

Trotzdem träumen nicht wenige gutsituierte chinesische Eleven von einem Klavier „made in Germany“. Ulrich Sauter ist 1989 erstmals nach China geflogen, um dort mit dem Unternehmen Fuß zu fassen. Die Transportkosten fallen dabei heutzutage dank billiger Container-Verschiffung kaum noch ins Gewicht, sind also keine Verkaufsbremse.

Was den hiesigen Klavierbauern mehr zu schaffen macht, ist die Lebensdauer dieser Instrumente, dank (schwäbischer) Qualitätsarbeit. Davon will man auch in Zukunft nicht abrücken. Doch „modischer“ gestaltete Klaviere unterwerfen sich dem Zeitgeist, der mal hier und mal da weht und von der Abwechslung lebt, sprich immer wieder „Neues“ sehen will. Der Langlebigkeit von Klavieren wirkt von der technischen Seite nur noch der enorme Druck entgegen, der auf den Klaviersaiten lastet. Der sorgt erfahrungsgemäß nach spätestens 60 Jahren für einen „Altersklang“, wie die Fachleute und Klavierspieler sagen, in deren Ohren solche Töne weh tun. Sowohl beim Flügel, in dem die Saiten flächig liegen, als auch beim Klavier, wo sie kompakt stehen.

Die älteren Leser werden sich vielleicht noch an das 150jährige Firmenjubiläum von Sauter 1969 erinnern oder an das 175jährige 1994 in der Max-Planck-Straße in Spaichingen. Auch das 200jährige 2019 soll im kleineren Rahmen gefeiert werden. Dazu wird ein Buch erscheinen, an dem der Historiker Professor Volker Ackermann schon seit geraumer Zeit arbeitet.

Ulrich Sauter (Jahrgang 1952), der zugleich Vorsitzender des BDK/Verband der Deutschen Klavierbauer in Berlin ist, wird dem Unternehmen als Namensträger noch über das Rentenalter hinaus verbunden bleiben. Ebenso der nach wie vor umtriebige Otto Hott, der nach der Insolvenz 1993 als Mehrheitsgesellschafter und Geschäftsführer eingestiegen ist und drei Kinder hat, wovon eines - Stand heute - Nachfolgeinteresse zu haben scheint.

Damit könnten zwei stolze Klavierbauerjahrhunderte in ein Drittes gehen ...

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