Auch wenige können was ändern

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Alle auf dem Ego-Trip? So wollten es die Zuhörer beim Vortrag nicht stehen lassen.
Alle auf dem Ego-Trip? So wollten es die Zuhörer beim Vortrag nicht stehen lassen. (Foto: Manfred Brugger)
Manfred Brugger

Heike Leitschuh, gebürtige Karlsruherin, die mittlerweile in Frankfurt lebt, hat ein Buch über unsere angebliche Ellenbogen-Gesellschaft geschrieben, über das sie am Donnerstagabend im Edith-Stein-Haus referiert und diskutiert hat. Veranstalter waren die Katholische Erwachsenenbildung, die VHS Spaichingen und die Buchhandlung „Grimms lesen und genießen“. Die annähernd 40 Zuhörer diskutierten dabei lebhaft und Contra gebend mit.

Belege für unseren geraden Weg in die Ellenbogengesellschaft, so Heike Leitschuh, lassen sich reichlich finden: Im Supermarkt werde nicht mehr gegrüßt; im Straßenverkehr gehe es ruppig zu; Dienstleister und Behörden erleben einen respektlosen Umgang (2300 Angriffe auf ihr Zugbegleitpersonal zählt die Bahn jährlich); Selbst Rettungskräfte werden beim Einsatz angepöbelt und mitunter attakiert.

Das liest sich gruselig und wird vom aufmerksamen Publikum kritisch hinterfragt: „Ist das statistisch profund belegt?“ Zumal die Erfahrung lehre, dass es oft nur die schlechten Nachrichten in die Schlagzeilen schafften.

Heike Leitschuh kann mit einer Vielzahl von Interviews „querbeet“ aufwarten, die den Schluss zulassen, dass die „Ichlinge“ in unserer Gesellschaft zunehmen.

Ursächlich dafür sei, so die Referentin, der „Neoliberalismus“. Eine Denkweise, die stark von wirtschaftlichen Überlegungen geprägt sei und eine Konkurrenzgesellschaft – „jeder gegen jeden“ – befeuere. Und damit einen Leistungs- und Zeitdruck erzeuge, der in breiten Kreisen der Gesellschaft Abstiegsängste schüre: „Kann ich auf Dauer noch mithalten?“ Wobei die Schwachen unter die Räder kämen. Und die Starken („Eliten“) bisweilen schlechte Vorbilder abgäben wie gescheiterte Manager, die trotzdem Millionen Abfindungen bekämen.

Dass dieses System des alles nur noch Wägens, Messens und Bezifferns auf Dauer nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann, dämmere indes immer mehr in unserer Gesellschaft.

Die in der Diskussion zusammengetragenen Gegenbeispiele belegten aber, dass nicht alles grau in grau liegt: von der beachtlichen Spendenbereitschaft der Deutschen angefangen bis hin zur Ehrenamts-Statistik („Freiwilligen-Survey“). Und es gebe sogar welche, die sich zuviel um die anderen kümmern und dabei selbst krank werden, wie eine Ärztin aus ihrem Patientenalltag berichtet.

Das markige Ego-Trip-Pauschalurteil bedarf, so der Eindruck der Zuhörer, der Differenzierung: Diese Gesellschaft sei eher oft unachtsam, als per se unsolidarisch, oft eher gestresst, als pauschal zu wenig einfühlsam.

Also? „Ich kann etwas ändern“, so das Credo der Referentin. Im Kleinen, im Rahmen der Mögllichkeiten Teil der Lösung sein. Dazu brauche es keiner absoluten Mehrheiten. Die Erfahrung lehre, dass bereits zehn Prozent genügten, um ein großes Rad in Bewegung zu bringen. Diese „Selbstwirksamkeit“ lasse sich auch spüren, wie die „Fridays for Future“ dieser Tage vor Augen führen. „Und ich kann die Politik verändern“, so Heike Leitschuh. In dem ich nicht nur wählen gehe, sondern beispielsweise direkt auf meinen Abgeordneten zugehe. Oder notfalls auf die Straße.

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