Als die Frauen den Pfarrer verprügelten

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In der dritten Episode der Zeitreise um Pfarrer Ferdinand Stöckhl: Die Frauen als Pfarrbachweiber schlugen den Pfarrer zum Dorf
In der dritten Episode der Zeitreise um Pfarrer Ferdinand Stöckhl: Die Frauen als Pfarrbachweiber schlugen den Pfarrer zum Dorf hinaus und zwangen ihn, über den Pfarrbach zu schwimmen. (Foto: Alois Groß)
Herlinde Groß

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Ganz Denkingen hat am Wochenende in der Vergangenheit des Historienspiels zur 1200-Jahrfeier geschwelgt. Die Dorftheatergruppe mit den Regisseuren Jürgen Bauer und Sigi Mattes sowie die Denkinger Spielleut mit dem Leitungsteam Ingrid Kirsammer und Conny Bossert verstand es feinabgestimmt, gefühl- und fantasievoll auf einer Zeitreise 1200 Jahre Denkinger Geschichte in zwei Aufführungen den begeisterten Zuschauern vor Augen zu führen.

Durch Verknüpfung einer kurzweiligen Rahmengeschichte mit einer historisch korrekten Darstellung der geschichtlichen drei Epochen wurde ein Brückenschlag zwischen dem Denkingen der Gegenwart und dem einstigen geschlagen, die kurzweilig, unterhaltend, ja sogar in vielen Dialogen witzig und respektvoll von den Darstellern in Szene gesetzt wurde. „Obwohl ich ja die Texte kannte, habe ich mich bei der Vorstellung sehr gut unterhalten. Die Schauspieler setzten nicht nur das geschriebene Wort lebendig um, sondern oft konnte ich meine stillen Gedanken in den Handlungen erkennen“, meinte der Autor des Stücks, Jeremias Heppeler aus Fridingen, der mit seiner Familie unter den Besuchern weilte.

Auch die Schneiderin der historischen Kostüme, Anita Teufel aus Gosheim, war hellauf begeistert von der Zeitreise. „Es bereitete schon etwas Kopfzerbrechen, für drei Zeitepochen die richtigen historischen Gewänder anzufertigen. Nach entsprechenden Fotos wurden dann die Gewänder nach Anprobe genäht. Dann galt es, die richtigen Stoffe der jeweiligen Zeit einzukaufen, und schon stand der schmucke französische Kommandant alias Jürgen Bauer vor uns“, erzählt die Kostümherstellerin.

Und dann waren da die neu ins Leben gerufenen „Denkinger Spielleut“, ebenfalls in historischen Gewändern. Eigens für dieses Spiel hatte das Leitungsteam Kirsammer und Bossert passende Texte und Lieder zum jeweiligen Zeitabschnitt verfasst. Sie gaben mit ihrer Musik und Gesang dem Spiel das gewisse Etwas und rissen die Zuschauer mit. Denn mit der letzten Strophe des „Denkinger Liedes“ begann die Geschichte: „Und nun ihr liebe Leut, hört die Geschichte an, wie alles einstmals hier so begann. Von starken Frauen und wilden Männern, Franzosen und `nem Pfaffenmann“.

Meisterhaft verkörperte die talentierte Hanna Hauser die Studentin Thea aus der Stadt, die wegen einer Erbschaft mit alten Dokumenten erstmals nach Denkingen kommt. Sie will bereits wieder abreisen, weil sie mit den Dokumenten überhaupt nichts anfangen kann. Da trifft sie am Ortsbrunnen drei ältere urkomische Männer: Dr. Allgegenwärtig (Martin Thieringer), Dr. Allwissend (Siegfried Mattes) und Dr. Allmächtig (Heiko Wagner). Alle drei routinierten Schauspieler waren in Gestik und Mimik kaum zu übertreffen und stellten durch die Zeitreise, die sie Thea ermöglichten, die Bedeutung der Vergangenheit dar.

Alles begann am 10. Oktober 818 mit Theotmar (Alexander Wilks) und seiner Frau Ratsinda (Tanja Banzhaf) mit der Unterzeichnung des Vertrags mit St. Gallen als erste urkundliche Erwähnung des Ortes. Alles Hab und Gut vermacht er zu seinem und seiner Frau Seelenheil dem Kloster. Dazu sangen die Spielleut in lateinischer Sprache: „Anno Domino 818 – Ave Thanchinga“. Doch die Zeitreise geht weiter in den Dreißigjährigen Krieg. Friedlich verrichtet Maria (Deborah Dreher) ihre tägliche Stallarbeit, als Stallbursche Karle (Florian Ott) ihr das Nahen von französischen Soldaten mitteilt, die ihren Bruder Christian (David Dreher) gefangen haben. Der Gesang „Jetzt geht der Marsch ins Feld, der Kaiser braucht Soldaten“ leitete über zum tollen Kampf der Maria mit der Mistgabel gegen die Soldaten. Bruder Christoph und das Dorf Denkingen waren gerettet. So ging der Mut Marias in die Geschichte als „Heldin Luzei von Denkingen“ ein.

Die dritte Episode eine Geschichte um Unterdrückung, Aufständen und Revolution begann mit der Musik: „Mut`ge Frauen gibt es überall, ob am Wettbach oder an der Prim, doch keine Frau auf Erden ist so keck wie die mut`gen Frauen unterm Klippeneck“. 38 Jahre tyrannisierte Pfarrer Ferdinand Stöckhl (Dominik Stahl) jung und alt in seiner Gemeinde. Es gab viele Streitereien. Seine Peitsche hat er gegen alles und allen gerichtet, bis sich 1740 Widerstand formierte. Die Frauen rasten gegen den Pfarrer. Dieser wurde auch vom Untersuchungskommissar (Gerhard Klumpp) freigesprochen, da „er säuft viel des Weins und frisst mit viel Gier“, lautete der Gesang. Die resoluten Pfarrbachweiber Maria Roos (Monika Fischer), Anna Kempel (Elisabeth Klein) und Regina Hörmle (Marianne Lewedey) verprügelten den Pfarrer und zwangen ihn über den Pfarrbach zu schwimmen – auf Nimmerwiedersehen. Viele Tumulte gab es auf der Bühne, mancher Satz brachte die Zuschauer zu lautem Lachen.

In weiteren Rollen spielten mit Gerd Heinz, Martin Hauser, Karl Giese, Jens Giese, Lukas Dreher, Willi Klein und Jürgen Bauser. Brigitte Ruf war für die Kostüme zuständig. Die 24 Mimen, teilweise in Doppelrollen, sind seit Jahren bekannt für schwäbische Lustspiele. Mit dem Historienspiel begaben sie sich auf eine ganz andere Schiene, die super gemeistert wurde.

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