Aldingerin Gustel Strasser: Ein Leben zwischen Grausamkeit und Glück

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Gustel Strasser hat über ihr Leben geschrieben.
Gustel Strasser hat über ihr Leben geschrieben. (Foto: Michael Hochheuser)
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Dass ihre Lebenserinnerungen im März bei der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden, macht die Aldingerin Gustel Strasser froh. Es ist ein Leben zwischen Flucht und Neuanfang, Glück und Trauer in der Familie. Die 80-Jährige hat in dem Jahr 2017, in dem ihr geliebter Mann 80-jährig gestorben ist, das Buch geschrieben, einen Verlag gesucht, umgeschrieben, korrigiert.

Der Umschlag des Hardcover-Buchs des Verlags Pro Business GmbH Berlin – ein Buch, das auf Nachfrage gedruckt wird – ist das Foto eines schönen Buchenwaldes im Herbst. Warme Goldfarben zieren die herabfallenden Blätter. Das Buch heißt „Die Wurzeln meines Lebens“. Gewidmet ist es der 2008 mit nur 32 Jahren an Krebs verstorbenen Tochter Sylvia und Gustel Strassers verstorbenem Mann Walter. Der Untertitel lautet: „Seelenwanderung von Kindertagen bis ins Alter hinein. Mein erlebnisreiches Leben neigt sich dem Ende.“

Exemplarisch für ihre Zeit

Das Buch fasziniert nicht, weil es sich um großartige literarische Leistungen handelt, sondern wegen seiner Originalität. Es zeigt viel davon, was Gustel Strasser für ein Mensch ist, vielleicht auch ein wenig das Beispiel einer Frau dieser Generation - 1937 geboren, als Kind den Krieg erlebt, als intelligentes, selbstständiges Mädchen nur in den seltensten Fällen in eine gehobene Ausbildung gebracht, aber immerhin zur Sekretärin, in der Familie aufgehend oder im schlimmsten Fall an ihr leidend.

Gustel Strasser war die Jüngste von acht Kindern und stammt aus der Nähe von Danzig im heutigen Polen. Die Familie floh nach dem Krieg zunächst nach Dänemark. Die Umstände der Flucht mit Pferdewagen, die Sorge um den ältesten Bruder, der im Krieg war, vor allem aber die Beschreibung des achtjährigen Mädchens aus dem Flüchtlingslager in Dänemark beeindrucken. Dieses Lager muss wie viele Flüchtlingslager nach dem Krieg einem Internierungslager geglichen haben.

Brutaler Umgang mit Menschen

Man ließ in solchen Lagern in vielen Ländern die Deutschen für die Verbrechen dieses mörderischen Krieges büßen und wie in allen Kriegen prägten sich traumatische Erlebnisse den Schwächsten, den Kindern, in die Seelen. Vielleicht ist es dies, was sich dann als Thema wie ein roter Faden durchs Buch zieht: Wie Menschen mit anderen Menschen umgehen können – oft verletzend und achtlos. Doch damals war es mehr als das: Das Mädchen Auguste Duwensee muss zuschauen, wie ein typhuskrankes, wahrscheinlich noch nicht totes Mädchen auf den Leichenkarren geworfen wird und die Mutter, die sich jammernd an die Männer wendet, erschossen wird.

Die Familie landet schließlich in der DDR. Gustel erlebt als Jugendliche den berüchtigten 17. Juni, weil sie verbotenerweise auf eine Klassenfahrt mitgefahren ist. Sie muss als Jugendliche einen ziemlich eigenen Kopf gehabt haben, ist überall zwischen den Zeilen zu lesen. Und daher erstaunt es auch nicht, dass sie mit 17 beschließt, in Aldingen, wo ihr Bruder Otto seine Heimat gefunden hat, nach einem Besuch zu bleiben.

Glückliche Ehe

Nach einiger Zeit arbeitet sie und lernt dort Walter Strasser kennen und lieben. Er wird einige Jahre später ihr Mann. Sie beschreibt ihn als gutmütig und sehr tierfreundlich, aber auch mit eigenem Kopf ausgestattet. Damit kommen die Beiden gut zurecht. „Wir hatten eine gute Ehe“, sagt Gustel Strasser. Die Tierliebe ist es, die zu ziemlich vielen Katzen, zu einem Bullenstall und dann einer kleinen Ranch außerhalb der Gemeinde geführt hat, aber auch zu Auseinandersetzungen in Familie und Nachbarschaft. Als er seine Bullen deshalb abgeben musste, habe er geweint, schreibt Gustel Strasser von ihrem Mann und man spürt: Sie hat sicher mitgeweint.

Hartherzigkeit von anderen ist etwas, das sie nur andeutet. Aber das reicht auch, um zu verstehen. Eine Geschichte über ihren Mann rührt besonders: Der Hansel, sein rund 1,4 Tonnen schwerer Lieblingsbulle, hatte sich einmal losgerissen und habe sich vor die Tür gelegt. Als Walter Strasser im Stall war, die Tür wieder zu, habe er ihn entdeckt, aber dann trotz des Schrecks nur gesagt „Hansel, stand auf und gang an din Platz.“ Und Hansel sei aufgestanden und zurück getrottet, wo er sich dann seelenruhig festmachen ließ.

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