46 Autoren lassen alte Zeiten aufleben

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Der Blick vom Kapellenturm stammt aus dem Fotoalbum von Konviktsabsolvent Heinz Reichle.
Der Blick vom Kapellenturm stammt aus dem Fotoalbum von Konviktsabsolvent Heinz Reichle. (Foto: Heinz Reichle)
Frank Czilwa
Redakteur

„Weißt Du noch damals ...?“ So fängt manche Reminiszenz an, und so heißt auch das Buch mit Erinnerungen von Absolventen des Bischöflichen Konvikts Rottweil, das Konviktsdirektor Ulrich Fiedler herausgegeben hat. Unter anderem Absolventen aus dem Kreis Tuttlingen zeichnen ein Bild des Konviktlebens der 1950er- bis 80er-Jahre – und damit auch ein Gesellschaftsbild der Zeit und des damaligen Katholizismus.

Die Herausgabe des Buches ist zugleich ein ganz persönliches Vermächtnis von Ulrich Fiedler, der nach 34 Jahren Tätigkeit als 21. Konviktsdirektor am 24. Juli dieses Jahres verabschiedet wird.

Das Bischöfliche Konvikt – untergebracht im ehemaligen Kolleggebäude der Rottweiler Jesuiten – ist heute ein humanistisch-musisches Internat in Trägerschaft der Marchtaler Internate. Seit 1824 war es gymnasiale Ausbildungsstätte für künftige Kleriker der Diözese Rottenburg, die hier und am Rottweiler altsprachlichen Albertus-Magnus-Gymnasium die vier letzten Klassen vor dem Abitur durchliefen. Für begabte Schüler, die das „Landexamen“ bestanden hatten, gab es Freiplätze – unter der Voraussetzung, dass sie sich verpflichteten, Priester zu werden.

Gemeinsam mit drei „Konviktoren“ – Ortwin Guhl, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Tuttlingen, dem ehemaligen Rottweiler Stadtarchivar Winfried Hecht und Fritz Mattes, ehemaliger Studiendirektor am Spaichinger Gymnasium – hat Ulrich Fiedler sich auf die Suche nach ehemaligen Konviktoren gemacht, von denen manche spontan, andere nach längerem

Zureden bereit waren, Erinnerungen an ihre Konviktszeit niederzuschreiben. So kamen 46 Autoren zusammen, die zwischen 1946 und 1988 im Rottweiler Konvikt gelernt und gelebt haben.

Keine Missbrauchsfälle

Naturgemäß fällt die Bewertung der Schulzeit im Detail unterschiedlich aus. Aber: „Von Skandalen, ja Missbrauchsfällen oder Prügelpädagogik ist an keiner Stelle auch nur im Entferntesten die Rede“, wie Konviktsdirektor Fiedler im Vorwort feststellt.

Jedoch kommt die eher „verklemmte“ Sexualmoral der katholischen Kirche in der Zeit vor dem zweiten Vatikanischen Konzil in den Erinnerungen vor allem aus den 50er-Jahren noch zum Ausdruck: „Ein natürlicher Umgang mit Mädchen war gar nicht möglich, da die Konviktorenklassen im Gymnasium ,mädchenfrei’ waren“, erinnert sich etwa der Trossinger Heinz Reichle. „Sexuelle Themen waren in jeder Beziehung tabu, Sexualität gab es nicht.“ (Ortwin Guhl)

Der 2017 verstorbene gebürtige Tuttlinger Horst Hermann, der als Journalist und Publizist auch religionskritische Artikel veröffentlicht hat, stellt fest, dass die damalige katholische Sexualmoral, „die Lust vergiftet“ habe. „Diese starb nicht daran, doch sie wurde für Millionen zur Last, für manche zum Laster.“

Zu Beginn der 50er-Jahre war das Konviktsleben, so Fritz Mattes, noch „stark geprägt vom katholischen Glauben und von der katholischen Liturgie der damals noch vorkonziliaren Kirche. Ökumene war noch ein Fremdwort.“ Paul Ackermann konstatiert zumindest für die 50er-Jahre „ein Übermaß an religiöser Erziehung“ und dass „insgesamt bei den religiösen Praktiken mehr das Schuldbewusstsein mit nachfolgendem Erlösungsversprechen als die Frohbotschaft des Evangeliums im Vordergrund stand“.

Durch das Landexamen und die Freiplätze gab das Konvikt nicht nur jungen Männern aus Akademikerfamilien, sondern auch Söhnen von Arbeitern, Bauern, Angestellten, Handwerkern und mittleren Beamten die Möglichkeit zum akademischen Aufstieg. So schreibt Paul Ackermann aus Fridingen (von 1987 bis 2004 Professor an der PH Ludwigsburg) über die Konviktoren: „Zwei Drittel kamen aus ländlichen Gegenden, wo damals der Zugang zum Abitur noch sehr schwierig war.“

Befreiung aus geistiger Enge

Auch wenn die Hauptabsicht der Kirche war, den eigenen Priesternachwuchs heranzuziehen, so bedeutete es als „Kollateralnutzen“ „für die Betroffenen fast ausnahmslos einen sozialen Aufstieg im Vergleich zur Herkunftsfamilie“, wie Emil Wintermantel (Tuttlingen) feststellt. Bei aller Strenge bedeutete die Zeit im Internat für viele damit auch eine Befreiung aus geistiger Enge.

Der Freiplatz war allerdings an die Bedingung gebunden, den Priesterberuf zu ergreifen. Wer dies nicht tat – und das waren am Ende die meisten – musste später „einen stattlichen Betrag“ (Ackermann) zurückzahlen. Viele Schüler spürten bereits, dass sie der Erwartung, katholischer Priester zu werden, aus verschiedenen Gründen nicht gerecht werden würden. „Bin ich berufen? So lautete die alles entscheidende Frage, die jeder von uns in seinem Inneren beantworten musste.“ (Fritz Mattes)

Doch die klassische humanistische Bildung mit den Altsprachen Latein, Griechisch und ab Klasse 11 auch Hebräisch (Englisch oder Französisch „lief so nebenher“ – Fritz Mattes) hat viele für ihr Leben geprägt, wie die Erinnerungen zeigen.

Viele erinnern sich an die allsamstägliche „Exhortatio“, die „Ermahnung“ durch den Konviktsdirektor. „Die Strenge, die wir erlebten, reizte auch dazu, gewisse Grenzen zu überschreiten“, so Heinz Reichle (Trossingen) „Es galt auch hier: Verbote sind dazu da, missachtet zu werden.“ (Ortwin Guhl). Wobei die Grenzüberschreitungen aber meist in nichts mehr als in verbotenen Ausflügen oder Wirtshausbesuchen bestand. Erst in den 60er- und 70er-Jahren kämpften die „teilweise recht aufmüpfigen Konviktoren“ offener für ihre Freiheiten, wie etwa die Erinnerungen von Hans Aicher (Balgheim) zeigen.

In allen Erinnerungen aber wird deutlich, wie die Zeit im Rottweiler Konvikt positiv lebensprägend war. Das reicht von humanistischen Bildungserlebnissen bis zu lebenslangen Freundschaften.

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