Zwei Männer im Gerichtssaal festgenommen

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 Am Donnerstag soll die Beweisaufnahme im Langericht Rottweil ab 9 Uhr abgeschlossen werden.
Am Donnerstag soll die Beweisaufnahme im Langericht Rottweil ab 9 Uhr abgeschlossen werden. (Foto: Marijan Murat, dpa)
Lothar Häring

Die Ereignisse im großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts Rottweil haben sich am Mittwoch, dem dritten Verhandlungstag im Messerstecher-Prozess, überschlagen. Unter anderem wurden ein Angeklagter und ein Zuhörer wegen Beeinflussung von Zeugen und Verdunkelungsgefahr vorläufig festgenommen. Zudem droht mehreren Zeugen eine Anklage wegen Falschaussage, außerdem einem nicht erschienenen Zeugen ein Ordnungsgeld beziehungsweise eine Ordnungshaft.

Der zweite Verhandlungstag hatte, wie berichtet, viel Verwirrung, aber auch ein Geständnis gebracht. Der wegen versuchten Totschlags beschuldigte Pakistani gestand, einem Syrer im Streit wegen eines Mädchens im Dezember 2017 beim Zentralen Busbahnhof in Tuttlingen ein acht Zentimeter langes, spitzes Küchenmesser in den Rücken gestoßen zu haben. Allerdings machte der knapp 20-Jährige auch geltend, er sei unter dem Einfluss von Rauschgift und Alkohol gestanden und habe deshalb nicht gewusst, was er tue und könne sich an nichts mehr erinnern.

Dieses Geständnis wiederholte das Gericht zu Beginn des neuen Verhandlungstags, um dem psychiatrischen Gutachter die erhobenen Erkenntnisse an die Hand zu geben. Peter Rusch, einer der drei (Pflicht-)Verteidiger, beanstandete dies, weil es „eine vorweggenommene Beweiswürdigung des Gerichts“ sei. Rusch erklärte, am Vortag hätten die Zeugen „reihenweise gelogen“. Er meinte damit vor allem die syrische Seite.

Empfindliche Strafen für Falschaussagen

Karlheinz Münzer, der Vorsitzende Richter, sah sich während der Verhandlung immer wieder genötigt, darauf hinzuweisen, dass für Falschaussagen empfindliche Strafen drohten – bis ein junger Iraker als Zeue auftrat. Er berichtete, kurz zuvor auf dem Flur „vom Bruder“ des Hauptangeklagten aufgefordert worden zu sein, als Zeuge auszusagen, dass dieser bei der Tat unter erheblichem Drogen- und Alkoholeinfluss gestanden habe. Auch der 19-jährige Syrer, der wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt ist, habe versucht, ihn zu beeinflussen. Daraufhin unterbrach Richter Münzer sofort die Sitzung. Staatsanwalt Markus Wagner verfügte, dass „der Bruder“ des mutmaßlichen Haupttäters, der unter den Zuhörern saß, festgenommen wurde, während der 19-jährige Angeklagte in Gewahrsam genommen wurde. Der Iraker ließ sich davon nicht beeindrucken.

Er war in Tuttlingen zusammen mit dem Hauptangeklagten in einer Wohnung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Der Pakistani überredete ihn an jenem 13. Dezember 2017, zum Zentralen Busbahnhof in Tuttlingen „zur Aussprache“ mit den Syrern mitzukommen. Dabei hatte der 19-Jährige offenbar als einziger beobachtet, wie der Streit ablief.

Er zitierte seinen Wohngenossen mit den Worten (vor und nach der Tat): „Wenn mich einer umbringen will, dann bringe ich ihn um.“ Er bescheinigte ihm, am Tattag keine Drogen oder Alkohol konsumiert zu haben. Und er ließ sich auch durch eine Art Kreuzverhör der Prozessbeteiligten, vor allem der Verteidiger, nicht aus der Ruhe bringen. Er schilderte detailliert, plausibel und glaubwürdig die Vorgänge.

Mädchen erscheint nicht vor Gericht

Im Gegensatz dazu erklärten viele andere Zeugen, der mutmaßliche Haupttäter sei massiv unter Drogen und Alkohol gestanden. Für das Urteil würde dies verminderte Schuldfähigkeit und eine geringere Strafe bedeuten. Wie sehr viele Zeugen offenbar unter Druck standen, zeigte ein 19-Jähriger arabischer Abstammung: Er hatte bei der Polizei kurz nach der Tat den Hauptangeklagten noch belastet, erklärte aber am Mittwoch, er könne sich an „überhaupt nichts mehr erinnern“. Dabei blieb er auch, nachdem ihm Richter Münzer eine Denkpause gegeben hatte. „Sie vermitteln den Eindruck, dass Sie Angst haben“, sagte der Richter. Er ließ die Aussage – wie auch in anderen Fällen – protokollieren. Dies bedeutet, dass der Staatsanwalt Ermittlungen wegen Falschaussage aufnehmen könnte. Bei dem vorläufig Festgenommenen handelt es sich um einen Mann mit dem gleichen Namen wie dem des Hauptangeklagten. Dieser erklärte, dass er gar nicht sein Bruder sei. Richter Münzer kündigte an, dies von den Behörden prüfen zu lassen. Der Mann wurde am Abend vorläufig aus der Polizeizelle entlassen, weil die Gefahr der Beeinflussung nach der Vernehmung der betreffenden Zeugen nicht mehr bestehe, wie Staatsanwalt Wagner auf Anfrage erklärte.

Über den ebenfalls kurzfristig in Gewahrsam genommenen 19-jährigen Pakistani verhandelte das Gericht am Abend mit dessen Anwalt Peter Rusch nichtöffentlich. Vergebens warteten die Prozessbeteiligten auf das 14-jährige Mädchen, wegen dem sich die Pakistani und Syrer gestritten hatten. Sie erschien nicht im Zeugenstand. Mitarbeiter der Tuttlinger Jugendgerichtshilfe vermuten, sie könne mit ihren Eltern zurück nach Rumänien gereist sein. Am Donnerstag soll die Beweisaufnahme ab 9 Uhr abgeschlossen werden.

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