Wie viel lief am Anfang schief?

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Florian Ganswind und Jürgen Lück

Die Arbeitsweise der Polizei hat am dritten Prozesstag zum vermeintlichen Mord an einem Horber Geschäftsmann zunächst im Vordergrund gestanden. Nicht nur wegen der ersten Stunden nach dem Entdecken der Leiche (wir haben berichtet), sondern auch wegen der polizeilichen Vernehmungen des Hauptangeklagten, Mohammed O.

Oberstaatsanwalt Christoph Kalkschmid erklärte, dass es Fehler bei der Vernehmung gegeben habe. Denn der Syrer, der den Horber Unternehmer Michael Riecher erwürgt haben soll, ist wohl zu lang als Zeuge behandelt worden, obwohl er immer mehr als Tatverdächtiger in den Mittelpunkt rückte. Am 9. November, also eine Woche nach der Tat, sei eine Belehrung ausgeblieben, die eigentlich hätte erfolgen müssen, so Kalkschmid. Am 10. November sei er zwar belehrt worden, aber die Vorgaben einer qualifizierten Belehrung sei nicht erfüllt gewesen. Deshalb hatte die Verteidigung beantragt, Aussagen, Handydaten und Fingernagelschmutz von O. nicht zur Beweisaufnahme zuzulassen.

Oberstaatsanwalt sieht polizeiliche Ermittlungsfehler

Dennoch: Kalkschmid sah in seiner Stellungnahme zum Antrag der Verteidigung keinen Grund, dass dieses Beweismaterial nicht verwendet werden dürfte. Die Entscheidung des Richters hierzu steht noch aus.

Bereits am zweiten Prozesstag war deutlich geworden, dass die Tatort-Sicherung wohl nicht optimal lief. Es dauerte lange, bis Polizei und Kriminalpolizei am Tatort eintrafen. Nachdem der schnell eintreffende Notarzt bereits feststellte, dass die Leiche merkwürdig lag und deshalb eine unnatürliche Todesursache attestierte, kam die benachrichtigte Polizei erst einmal nicht. Es habe kein Fahrzeug zur Verfügung gestanden, wurde seitens der Leitstelle erklärt. Grund: In Horb gab es zu diesem Zeitpunkt eine Bedrohungslage. Michael Aschenbrenner, Pressesprecher der Polizeidirektion, erklärte: „Diese Bedrohungslage gab es tatsächlich. Es war aber kein Fall für eine Pressemitteilung. Es ging um eine private Streitigkeit.“

Aschenbrenner erklärte, dass aufgrund der Anfrage unserer Zeitung derzeit eine Überprüfung der Ereignisse am Tag der Entdeckung der Leiche erfolgt. Eines machte er aber jetzt schon klar: Nicht das Horber Polizeirevier entschied über den Ablauf, sondern die Einsatzleitstelle der Polizeidirektion in Tuttlingen.

Die Mieterin von Riecher, die zusammen mit Mohammed O. die Leiche entdeckte, hatte fast drei Stunden nach dem Notarzteinsatz noch einmal bei der Polizei angerufen. Erst eine Stunde später kamen Streifenpolizisten, später dann die Spurensicherung. Dass bis dahin die ganze Zeit die Terrassentür nicht verschlossen und deshalb die Wohnung weiterhin zugänglich war, konnte bisher nicht ausgeschlossen werden.

Erst Leichenschau, dann Spurensicherung

Auch der Einsatz der Leichenbeschauerin steht in der Kritik. Diese hatte den Tatort betreten, ohne dass zuvor oder währenddessen die Kriminalpolizei vor Ort war. Die Ärztin, die an diesem Tag Bereitschaftsdienst hatte, hatte den Leichnam bis auf die Unterhose ausgezogen und so womöglich Spuren unwissentlich vernichtet.

Doch warum kam es zu diesem Zeitpunkt überhaupt zum Einsatz der Leichenbeschauerin und nicht der Spurensicherung? „Auch das müssen wir analysieren“, so Pressesprecher Aschenbrenner.

Erst am Dienstag, direkt nach Bekanntwerden des Obduktionsergebnisses, starteten die Ermittlungen der Soko „Pfand“. Ab Dienstagabend war die Spurensicherung um und im Haus im Einsatz. Dort lief wohl alles reibungslos. Doch schon vorher hatten auch andere Personen Fußabdrücke hinterlassen „Vor unserem Einsatz war ein Gewaltverbrechen noch nicht klar. Als wir am Dienstagabend vor Ort waren, war es klar“, so ein Ermittler der Spurensicherung.

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