Rocker-Boss kommt mit Bewährung davon

Lesedauer: 6 Min
Schwäbische Zeitung
A. Lothar Häring

Als sich am siebten Verhandlungstag Probleme und seltsame Vorgänge gleichermaßen häuften, drohte ein langer Prozess im Fall des Black-Jackets-Anführers aus Stuttgart. Und so bat die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Rottweil den Staatsanwalt und den Verteidiger zum internen Gespräch.

Es sollte um Termin-Abstimmung gehen. Heraus kam eine Verständigung, auch „Deal“ genannt.

Wenn der Angeklagte ein Geständnis ablege, dann könne man über eine Bewährungsstrafe zwischen eineinhalb und zwei Jahren reden, machte Karlheinz Münzer, der Vorsitzende Richter, klar. Sowohl Staatsanwalt Markus Wagner als auch Verteidiger Martin Stirnweiss erklärten sich einverstanden.

Vor dem achten Verhandlungstag am Montag trafen sich die Beteiligten zu einer weiteren halbstündigen Besprechung, und dann war alles klar: Stirnweiss las zu Beginn – wieder vor starkem Polizeiaufgebot, aber null Zuhörern – ein Teilgeständnis vor. Der Angeklagte, ein 23-jähriger Deutsch-Iraker, gab zu, im Clubraum der Stuttgarter Black Jackets dabei gewesen zu sein, als der Brandanschlag auf das Clubheim der Rockergruppe United Tribuns am Ortsende von Rottweil-Bühlingen besprochen wurde. Er gab auch zu, die Mitglieder aus den Landkreisen Tuttlingen und Rottweil in ihrer Absicht bekräftigt und geraten zu haben, die Molotow-Cocktails „an die Tür zu werfen“. Aber er stritt ab, Präsident der Black Jackets Stuttgart gewesen zu sein oder die Tat angeordnet zu haben.

Damit waren die Bedingungen des Gerichts erfüllt: Es ließ den Vorwurf der versuchten schweren Brandstiftung fallen, entschied auf Beihilfe zur versuchten schweren Brandstiftung und verurteilte den jungen Mann zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Außerdem muss er die Kosten des Verfahrens tragen und mehrere Auflagen erfüllen: Er darf sich während der dreijährigen Bewährungszeit keiner Rocker-Vereinigung nähern und muss sich eine Arbeits- oder Ausbildungsstelle suchen.

„Es bleiben viele offenen Fragen“

Staatsanwalt Markus Wagner hatte eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren gefordert. Entgegen der Anklage, so räumte er ein, habe die Verhandlung keine Beweise ergeben, dass der 23-Jährige Präsident in Stuttgart gewesen sei. Wohl aber, dass er dem Führungsgremium mit mehreren Mitgliedern angehört habe. Auch die zweite entscheidende Frage, ob er die Tat angeordnet habe, sei nicht nachweisbar. „Es bleiben viele offenen Fragen und viele Zweifel“, erklärte Wagner.

Ähnlich äußerte sich Verteidiger Stirnweiss, der auf eine eineinhalbjährige Bewährungsstrafe plädierte und darauf hinwies, dass die Black Jackets Stuttgart wegen langer Haft von 21 Mitgliedern, darunter der Bruder des Angeklagten, ohne Führung gewesen seien.

Karlheinz Münzer, der Vorsitzende Richter, verwies ebenfalls auf Zweifel. Aber die habe man mangels Beweisen zugunsten des Angeklagten auslegen müssen. Die entscheidende Schwierigkeit sei gewesen, dass man nicht genau habe feststellen können, was damals im Stuttgarter Clubraum geredet oder beschlossen worden sei. Klar sei aber, dass der Täter „eine maßgebliche Stellung“ bei den Black Jackets gehabt habe. Er bekam zwar eine Bewährungsstrafe, muss aber wegen einer anderen Tat vorerst weiter im Gefängnis bleiben. Die Chancen, wegen guter Führung frühzeitig freizukommen, stehen allerdings gut.

„Es blieb vieles im Dunkeln“, räumte auch Verteidiger Stirnweiss nach der Verhandlung ein. Zum Beispiel: Woher kamen die Drohungen gegen Zeugen und die Polizei? Waren die Zeugen so eingeschüchtert, dass sie sich nicht mehr trauten, die Wahrheit zu sagen? Welche Rolle spielten V-Männer und welche die Rottweiler Polizei?

Die Haupttäter, darunter mehrere Deutsch-Türken aus Tuttlingen, waren bereits im Februar 2012 zu Haftstrafen zwischen zwei und 3,9 Jahren verurteilt worden – auch damals nach einer Absprache zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und den Verteidigern. Mehrere der Täter hatten damals den jetzigen Angeklagten als Präsidenten bezeichnet. Richter Karlheinz Münzer erklärte das am Montag damit, dass die jungen Männer so versucht hätten, „von der eigenen Verantwortlichkeit abzulenken“. In den beiden Prozessen wurde deutlich, dass beim Brandanschlag nur Zufälle eine Katastrophe verhindert haben.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen