„Maya hätte keinen Durst oder Hunger leiden müssen“

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A. Lothar Häring

Die Frau, die sich seit dem 14. Januar wegen Mordes an ihrer zweijährigen Tochter Maya vor dem Landgericht Rottweil verantworten muss, hatte am Donnerstag das letzte Wort, bevor das Gericht am kommenden Dienstag das Urteil verkündet. Sie sagte: „Ich will nichts sagen.“

Wie es in ihr aussieht, hatten die zwei vorhergehenden Stunden gezeigt. Während der Plädoyers fing sie immer wieder an zu weinen, manchmal zu schluchzen – wie über weite Strecken der zehn Verhandlungstage.

„Maya war völlig ausgehungert und ausgemergelt.“

Welche Strafe der 25-Jährigen droht, ist offen: Joachim Dittrich, der Leitende Oberstaatsanwalt, und Bernhard Mussgnug, der Verteidiger, bewerteten die Beweisaufnahme mit 48 Zeugen und sechs Sachverständigen völlig unterschiedlich.

Der Staatsanwalt rückte vom Mord-Vorwurf ab und beantragte eine sechsjährige Haftstrafe wegen Totschlags durch Unterlassen. Aber er blieb dabei: „Maya war völlig ausgehungert und ausgemergelt.“ Und er zitierte Prof. Martin Stern von der Uni Tübingen, den Verteidiger Mussgnug später als eine Art Kronzeuge aufführen sollte. Auch der Kinderarzt habe „einen Ernährungsmangel über längere Zeit“ diagnostiziert. Für eine Durchfall-Erkrankung gebe es „keinen naturwissenschaftlichen Beweis“, betonte Dittrich. Davon habe kein einziger Zeuge berichtet, auch nicht der neunjährige Bruder, der stets an der Seite des Mädchens gewesen sei. Und wenn es doch eine Magen-Darm-Erkrankung gegeben haben sollte, dann sei dadurch der Sterbeprozess allenfalls beschleunigt worden. Der Staatsanwalt zitierte Prof. Stern: „Das hat dem Kind den Rest gegeben“ und bekräftigte: „Die Todesursache war es nicht.“

Neunjähriger Sohn riet Mutter, mit Maya zum Arzt zu gehen

Dittrich zeigte Verständnis in seinem 50-minütigen Plädoyer für die junge Frau, die ihren Vater nie kennen gelernt habe, von ihrer Mutter verstoßen worden sei und sich deshalb nicht habe normal entwickeln können. Aber das entbinde sie nicht von ihrer Verantwortung als Mutter. Der neunjährige Sohn habe sie in den letzten Tage vor dem Tod mehrfach aufgefordert, mit Maya zum Arzt zu gehen, weil etwas nicht in Ordnung sei. Geschehen sei nichts. Der Staatsanwalt: „Wenn sie ihre Tochter zwischen dem 18. Mai und dem Todestag am 27. Mai nur einmal richtig angesehen hätte, wäre ihr klar gewesen, wie die Lage ist.“ Und: „In einem langen Prozess, in dem ein Umdenken möglich gewesen wäre, hat sie sich immer mehr gegen das Leben und für den Tod entschieden.“

Die Ermittler nahm Dittrich in Schutz: „Sie waren sich ihrer Sache sicher und sind bestätigt worden.“

Folgen einer Depression und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung

Verteidiger Mussgnug sprach zu Beginn seines 80-minütigen Plädoyers seine Mandantin direkt an: „Wenn man Ihre Psyche nicht kennen würde, wären Sie eine schreckliche und katastrophale Mutter – eine barbarische Mutter, die in der Todesnacht ihres Kindes zum Tanzen geht.“ Dieses Verhalten und auch die vielen Lügen seien allerdings Folgen einer Depression und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gewesen, erklärte der Anwalt und versuchte eine Indizienkette aufzubauen, um nachzuweisen, dass letztlich die Durchfall-Erkrankung zum Tod geführt hat. Er bezeichnete Dr. Dietmar Benz, den medizinischen Gutachter, der genau das entschieden bestritten hatte, als „Hardliner unter den deutschen Gerichtsmedizinern“, dem eventuell ein Fehler unterlaufen sei. „Höhere Sachkenntnis“ bei Durchfall-Erkrankungen von Kindern habe Prof. Stern. Der hatte zuletzt erklärt: „Eine akute Gastritis ist nicht auszuschließen.“

Mussgnug erklärte, noch am 18. Mai sei Maya zwar „zart“, aber nachweislich „vital und unauffällig“ gewesen.“ Dann müsse es zu einer fatalen Magen-Darm-Erkrankung gekommen sein. Beweis sei eine „Durchfall-Windel“. Weitere Beweise hätten die Ermittler vernichtend oder entwertet.

Urteil am kommenden Dienstag erwartet

Der Anwalt betonte: „Maya hätte keinen Durst oder Hunger leiden müssen.“ Sie habe sich selbst versorgen können. Der Kühlschrank sei prall gefüllt gewesen und im Bett seien noch Toastbrote gelegen. Aber die Durchfall-Erkrankung habe sie entscheidend geschwächt. „Eine treu sorgende Mutter“ hätte das erkannt. Mussgnug forderte eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Das Gericht will das Urteil am kommenden Dienstag, 23. April, um 14.30 Uhr verkünden. (här)

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