„Ich bin froh, dass ich lebe“

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Am Freitag begann der Prozess gegen den Mann, der den Kämmerer der Stadt Schramberg mit einem Messer attackierte.
Am Freitag begann der Prozess gegen den Mann, der den Kämmerer der Stadt Schramberg mit einem Messer attackierte. (Foto: Otto)
Corinne Otto

Blass und mit unsicherem Blick betritt der Angeklagte in Fußfesseln den Gerichtssaal: Der 26-Jährige soll im März den Kämmerer der Stadt Schramberg mit einem Messer niedergestochen haben soll. Das Opfer schildert am ersten Prozesstag den Verlauf der Tat und sagt: „Ich bin froh, dass ich lebe.“

Zu Beginn hatte der Verteidiger des Angeklagten den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt. Der 26-jährige mutmaßliche Täter leidet laut vorläufiger Diagnose an paranoider Schizophrenie. Wenn seine Erkrankung und seine Lebensumstände öffentlich beleuchtet würden, verletzte dies seine schutzwürdigen persönlichen Interessen.

Nach längerer Beratung verkündete Richter Koch den Beschluss, dass die Öffentlichkeit während der Befragung des Angeklagten und seiner Eltern sowie während des psychiatrischen Sachverständigengutachtens ausgeschlossen wird – ansonsten aber aufgrund des erhöhten öffentlichen Interesses auch öffentlich verhandelt wird.

Nach der Befragung des Angeklagten hinter verschlossenen Türen schildert das Opfer vor der ersten Schwurgerichtskammer des Landgerichts Rottweil gefasst die Tat. Er habe sich am Nachmittag des 20. März zum Oberbürgermeister begeben, weil er mit diesem um 15.30 Uhr zu einem Gespräch verabredet war. Weil er einige Minuten zu früh war, unterhielt er sich noch mit der Mitarbeiterin im Vorzimmer, als plötzlich ein lauter Knall zu hören war. „Wir dachten, da muss man mal nachschauen.“ Er sei daraufhin ins Foyer gegangen, und habe dort einen jungen Mann gesehen. Auf die Frage, ob er ihm helfen könne, habe dieser nur gesagt „Am besten rufen Sie gleich die Polizei!“

Dann ging alles blitzschnell: „Ich konnte nur noch fragen ›Warum?‹, dann kam schon seine rechte Hand hoch.“ Er habe gespürt, wie es an seiner Seite warm wird. „Mir war klar, ich bin abgestochen worden. Ich wollte einfach nur bei Besinnung bleiben.“ Er sei zurück ins Vorzimmer gegangen um Hilfe zu holen, der Täter habe sich abgewendet und sei weggegangen. In welcher Verfassung der Täter war, konnte der Kämmerer nicht sagen. Er habe sich „in keinster Weise in Gefahr gefühlt“, als er ihn angesprochen habe. Kurz vor der Attacke habe er noch etwas Schwarzes in der Hand des Angreifers bemerkt. Wie sich herausstellte, war es ein 10,4 Zentimeter langes Butterfly-Messer. Im Rucksack hat der Täter außerdem eine Schreckschusspistole.

Im Zeugenstand schildert die Rathausmitarbeiterin, die das Geschehen vom OB-Vorzimmer aus teilweise mitbekam, unter Tränen die dramatischen Szenen. Ihrer Aussage zufolge war der Täter noch hinter dem Opfer in den Vorraum des Büros gekommen, hätte sich dann wieder abgewendet „und die Tür zugeknallt“. Sie und ihre Kollegin setzten einen Notruf ab und verständigten die Ersthelferin. Sie habe die Tür abgeschlossen aus Angst, dass der Täter wiederkommt. „Alles war voller Blut“, berichtet sie aufgewühlt. Sie habe sich dennoch gleich am nächsten Tag gezwungen, wieder ins Büro zu gehen. „Sonst hätte ich das vielleicht nie mehr geschafft.“ Inzwischen habe sie das Geschehen einigermaßen verarbeiten können – vor allem, weil es dem Opfer wieder gut gehe.

„Die Ärzte sagten, ich habe großes Glück gehabt“, so der zur Tatzeit 62-Jährige. Vene und Arterie in der Achsel wurden fast vollständig durchtrennt, er verlor viel Blut und wurde notoperiert. Das Gefühl in den Fingern der linken Hand und im Unterarm ist noch nicht wieder vollständig zurückgekehrt. Psychisch habe er die Tat gut verkraftet, sagt er auf Nachfrage von Richter Koch. „Ich habe dem Täter vergeben, denn ich bin froh, dass ich lebe.“ Die Entschuldigung des Angeklagten, der ihm von Angesicht zu Angesicht sagte, die Tat tue ihm leid, nahm er an.

Der 26-Jährige gebürtige Schramberger war nach der Tat von der Polizei im Stadtpark aufgegriffen worden. Laut Aussage eines Kripobeamten saß der Angeklagte zitternd auf einer Parkbank. Zu den Polizisten habe er gesagt: „Ich habe im Rathaus eine Person verletzt, aber ich wollte niemand töten.“ Später habe er außerdem gesagt, er habe Probleme mit den Behörden. Ansonsten habe er sehr abwesend gewirkt. Es sei schnell der Verdacht aufgekommen, das er psychisch krank sein könnte. Bei der Wohnungsdurchsuchung sei in seinem Zimmer nichts Auffälliges entdeckt worden – im Zimmer seines Bruders allerdings wurden „Gegenstände“ gefunden, die womöglich gegen das Waffengesetz verstoßen. Hierzu läuft ein gesondertes Verfahren.

Die Frau des Opfers zeigte sich im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten enttäuscht über den teilweisen Ausschluss der Öffentlichkeit. Gerade die Angaben des mutmaßlichen Täters und das psychiatrische Gutachten wären für die Angehörigen wichtig gewesen, um das Geschehene besser verarbeiten zu können. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

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