Angeklagte sollen Opfer am Busbahnhof Messer in den Rücken gerammt haben

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Tatort: Busbahnhof. Dort kam es im Dezember zu dem blutigen Streit.
Tatort: Busbahnhof. Dort kam es im Dezember zu dem blutigen Streit. (Foto: Sebastian Heilemann)
Lothar Häring

Sechs Flüchtlinge aus Tuttlingen stehen im Mittelpunkt eines Prozesses, der am Donnerstag vor dem Landgericht Rottweil begonnen hat. Einer von ihnen ist wegen versuchten Totschlags angeklagt, zwei weitere wegen gefährlicher Körperverletzung.

Die drei Angeklagten sind zwischen 18 und 19 Jahre alt, kommen aus Pakistan und sollen sich am 13. Dezember des vergangenen Jahres beim Zentralen Busbahnhof in Tuttlingen mit drei Syrern einen blutigen Streit geliefert haben. Sie alle waren als minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in einem Tuttlinger Wohnheim untergebracht und wurden von Mutpol betreut. Streitpunkt war eine junge Frau, die nach Angaben von Staatsanwalt Markus Wagner einen der Syrer verlassen und sich einem der Pakistani zugewandt hatte.

Die Flüchtlinge hätten sich an jenem Dezember-Tag kurz nach 15 Uhr verabredet, um die Angelegenheit zu „besprechen“. Schnell sei es – nach anfänglichen Wortgefechten und Schubsereien – jedoch zu einer heftigen Schlägerei mit Stromkabeln und oder Gürteln gekommen. Die eigentliche Absicht sei jedoch dadurch deutlich geworden, dass zwei der Heranwachsenden sich mit einem Messer bewaffnet hatten – darunter auch der mutmaßliche Haupttäter und der neue Freund der jungen Frau.

Ein Messer in den Rücken

Er hat nach Überzeugung des Staatsanwalts einen Kontrahenten von hinten angefallen, ihm den Kopf nach unten gedrückt und dann ein sechs Zentimeter langes Messer mit so großer Wucht in den gebückten Rücken gerammt haben, dass es abbrach. Zum Glück, so Wagner. Eine tödliche oder lebensgefährliche Verletzung des Opfers sei zudem nur deshalb verhindert worden, weil zufällig eine Rippe und die Brustwirbelsäule die Stiche gestoppt hätten. Der mutmaßliche Haupttäter soll zusammen mit seinen beiden Landsleuten auch einen weiteren Syrer brutal mit Stromkabeln zusammengeschlagen und -getreten haben.

Die Angeklagten

Alle drei Beschuldigten berichteten zum Prozessauftakt in verhältnismäßig gutem Deutsch vorerst nur über ihr Leben in Pakistan und ihre Flucht mit 15, 16 Jahren. Sie erklärten, ihre Asylanträge seien abgelehnt worden, aber die Klagen seien noch nicht entschieden.

Der mutmaßliche Haupttäter, inzwischen 19 Jahre alt, erklärte, er habe eine „sehr gute Kindheit“ mit jeweils drei Schwestern und Brüdern auf einem Bauernhof gehabt. Dann aber sei seine Familie vertrieben worden. Nähere Angaben wollte der ansonsten offen wirkende junge Mann nicht machen. Nur soviel: Er habe zum eigenen Schutz schon als Junge immer eine Pistole mitgeführt. Mit elf Jahren habe er begonnen, Haschisch zu konsumieren. Bei seiner Flucht sei von Anfang an Deutschland sein Ziel gewesen. Hier kam er im Herbst 2015 an, lernte dank Mutpol deutsch, integrierte sich gut und zeigte sich auch beruflich sehr engagiert. Zur Auffälligkeit, dass er auch in unpassenden Momenten zu lachen beginnt, sagte er, das passiere ihm nur vor Publikum.

Ein heute 18-Jähriger, der wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt ist, berichtete, sein Vater sei 93 und seine Mutter 72 Jahre alt. Er habe mit elf Jahren die Schule verlassen, um die nächsten vier Jahre auf dem Bau zu arbeiten und Geld zu verdienen. Dann habe er sich zur Flucht entschlossen, die per Boot, Bus und zu Fuß vier Monate gedauert und für die er Schleppern insgesamt 10 000 Euro bezahlt habe.

In psychiatrischer Behandlung

Auch er integrierte sich trotz Hasch-Konsums gut und hat jetzt eine Zusage für eine Lehrstelle als Beikoch in einer Kreisgemeinde. Auf Frage des Gerichts erklärte er, dass er einmal Suizid-Absichten gehabt habe und in einer psychiatrischen Einrichtung behandelt worden sei. Und er stellte klar, dass er in Pakistan keine Angst gehabt habe und „aus wirtschaftlichen Gründen“ nach Deutschland gekommen sei.

Vier Monate auf der Flucht

Ein 20-Jähriger mutmaßlicher Mittäter berichtete, sein Vater sei 74, die Mutter „über 50 Jahre“ und das jüngste von vier Geschwistern sechs Jahre alt. Er hat keinen Schulabschluss. Sein Vater, so erklärte er, habe gesagt, er solle nach Deutschland gehen. Auch er habe für die Flucht über den Iran, Istanbul und Griechenland vier Monate benötigt, meist zusammen mit etwa 50 weiteren Landsleuten. Er tut sich schwerer mit der beruflichen Bildung und der Sprache, lebt in einem Obdachlosenheim von 320 Euro Sozialhilfe, versicherte aber, er bemühe sich weiter um eine Arbeitsstelle, einen Beruf und eine eigene Wohnung.

Der Prozess wird am 11. September fortgesetzt. Dann sollen sich die Angeklagten zur Tat äußern.

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