Marquardt verwehrt Mitarbeitern zusätzliche Freizeit

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Das Arbeitszeitmodell „mehr Freizeit, weniger Geld“ gilt bei Marquardt derzeit nicht.
Das Arbeitszeitmodell „mehr Freizeit, weniger Geld“ gilt bei Marquardt derzeit nicht. (Foto: Marquardt Service GmbH)

Mehr Freizeit, dafür weniger Geld – Diese Wahlmöglichkeit hat ein Teil der Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie seit Januar. Der Automobilzulieferer Marquardt aus Rietheim-Weilheim gewährt das seinen Mitarbeitern zumindest derzeit nicht. Der Betriebsrat will erneut das Gespräch mit der Geschäftsleitung suchen.

Die Fronten beim Automobilzulieferer Marquardt sind verhärtet. Grund dafür ist die neue flexible Arbeitszeitregelung, die seit Beginn des Jahres in der Metall- und Elektrobranche gilt. Beschäftigte, die Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder schon lange in Schicht arbeiten, können pro Jahr acht zusätzliche Tage frei nehmen, wenn sie im Gegenzug auf einen Teil des neuen, jährlich ausgezahlten tariflichen Zusatzgeldes in Höhe von 27,5 Prozent eines Monatsentgelts verzichten. Das entspreche sechs freien Tagen, erklärt Klaus-Peter Manz, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Albstadt, die auch für den Kreis Tuttlingen zuständig ist. Heißt: „Wer auf das Geld verzichtet, bekommt zwei Tage mehr frei.“ Voraussetzung ist, dass die fehlende Arbeitszeit kompensiert werden kann. Zu diesem Thema wollte sich Antonio Piovano, der Vorsitzende des Betriebsrats, am Freitag gegenüber unserer Zeitung nicht weiter äußern, außer, dass weitere Gespräche stattfinden sollen. Kurz zuvor erschien ein Artikel im Südkurier, in dem Piovano zitiert wird: „Die Mitarbeiter sind vom Verhalten der Unternehmensleitung sehr enttäuscht.“

330 Mitarbeiter hätten Interesse an dem Modell. Mit der aktuellen Regelung sei die Mitarbeitervertretung weder „einverstanden“ noch habe sie sie „mitentschieden“, wird eine schriftliche Stellungnahme des Betriebsrats zitiert. Gespräche mit Personalveranwortlichen seien „in keinster Weise konstruktiv“ gewesen und hinausgezögert worden.

„Sehr hohe Auslastung“

Marquardt-Pressesprecher Ulrich Schumacher äußert sich schriftlich gegenüber unserer Zeitung zu diesem Thema: „Der Bedarf an mechatronischen Systemlösungen steigt global weiter an. Wir bei Marquardt gestalten in diesem Zuge Megatrends wie die E-Mobilität mit und wachsen daher sehr dynamisch. Damit geht einher, dass wir insgesamt unter einer sehr hohen Auslastung stehen und wegen des Fachkräftemangels noch viele offene Stellen haben. Wir verstehen, dass sich einige Mitarbeiter an unserem deutschen Standort acht zusätzliche freie Tage gewünscht hätten, konnten aber von Unternehmensseite keine geeigneten Kompensationsmaßnahmen für die dann entfallende Arbeit identifizieren. Unter Abwägung aller Interessen und mit Blick auf unsere Wettbewerbsfähigkeit und die fristgerechte Belieferung unserer Kunden halten wir den eingeschlagenen Weg deshalb für den richtigen. Im Übrigen ziehen wir es vor, betriebsinterne Themen direkt mit den Vertretern unseres Betriebsrats zu besprechen und dabei nicht über Dritte zu gehen.“

Ralph Wurster, Geschäftsführer der Bezirksgruppe Schwarzwald-Hegau des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, zeigt Verständnis für Unternehmen, die dieses Modell nicht anbieten. Die wirtschaftliche Lage sei ordentlich und entsprechend fiele Arbeit an.

Die fehlende Zeit auszugleichen, „bleibt an den Leuten hängen, die die freien Tage nicht nehmen“, sagt er und: „Acht freie Tage sind kein Pappenstiel.“ In Zeiten des Fachkräftemangels könne man nicht einfach schnell zusätzliches Personal einstellen. Gleichzeitig sei er überrascht, wie groß das Interesse an dem Modell in der Region ist. Mehr als die Hälfte derjenigen, die einen Antrag gestellt hätten, seien Schichtarbeiter. Auch die Zahl derer, die wegen ihrer kleinen Kinder Anspruch haben, sei „nicht unerheblich“. Diejenigen, die Angehörige pflegen, seien in der Minderheit. Dafür würden viele Unternehmen ihren Mitarbeitern bereits Arbeitsmodelle anbieten.

„Mitarbeiter brauchen Erholung“

Verständnis für die Beschäftigten hat Manz. Das Jahr 2018 sei für viele Unternehmen gut gelaufen, die Auftragslage sei nur durch Mehrarbeit zu schaffen gewesen, meint Manz. „Die Leute brauchen mehr Erholung“, glaubt er. Manz ist überzeugt, dass die hohen Krankenstände durch mehr freie Tage gemindert werden können. Denn: „Die Leute bleiben nicht nur wegen Grippe zuhause“, spielt Manz auf die steigende Zahl von psychischen Erkrankungen an.

Nächste Woche am Donnerstag soll seinen Angaben zufolge ein Gespräch zwischen Betriebsrat, Geschäftsführung von Marquardt und IG Metall stattfinden. Manz ist zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden wird, die für die Geschäftsführung und den Betriebsrat verträglich ist.

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