Marquardt-Chef wirft IG Metall ignorante Einstellung vor

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 Marquardt-Chef Harald Marquardt: „Wir mussten einem viel zu teuren Tarifabschluss zustimmen, er ist schädlich für den Standort
Marquardt-Chef Harald Marquardt: „Wir mussten einem viel zu teuren Tarifabschluss zustimmen, er ist schädlich für den Standort Deutschland, insbesondere für Baden-Württemberg.“ (Foto: Marquardt)
Schwäbische Zeitung

Zuversichtlich und selbstbewusst, so tritt Harald Marquardt auf. Und genau so will der 57-Jährige Marquardt-Chef den Autozulieferer aus Rietheim-Weilheim (Kreis Tuttlingen) auch auf die Unwägbarkeiten der Zukunft vorbereiten. Benjamin Wagener und Andreas Knoch haben den Familienunternehmer am Stammsitz getroffen und ihn nach diesen Herausforderungen gefragt – und dabei auch viel über unverschämte Gewerkschaften gehört.

Herr Marquardt, Sie bauen Schalter für Bohrmaschinen und für Autos. Ist das nicht eine ungewöhnliche Kombination?

Nein, überhaupt nicht. Wir sind ein Mechatronik-Spezialist, der die Feinmechanik, die Elektronik und die Software kombiniert. Das klingt relativ einfach, ist es aber nicht. Deshalb straucheln viele Konkurrenten, und deshalb kommen viele namhafte Konzerne zu uns. Und so sind wir zu einem global agierenden Unternehmen geworden – auch was die Kundschaft angeht. Vor 25 Jahren war Bosch mit Abstand unser größter Kunde, das ist inzwischen nicht mehr so. Zu unseren Kunden gehören heute alle großen Automobilhersteller und im Elektrowerkzeugbereich neben Bosch natürlich auch Hersteller wie Stanley Black & Decker, Makita oder Hilti.

Die Chefs der großen Autokonzerne kaufen also genauso bei Ihnen ein wie die Manager von Unternehmen wie Black & Decker?

Ja, Rietheim-Weilheim ist ein kleines Dorf mit Charme. Wir sind wahrscheinlich die einzige Gemeinde in Deutschland, die mehr Arbeitsplätze anbietet, als sie Einwohner hat. In Rietheim-Weilheim arbeiten 2850 Menschen, 2400 davon bei uns – bei 2800 Einwohnern. Wir beschäftigen hier an unserem Stammsitz mehr als 40 Nationen.

Wie schwierig ist es für Sie, Fachkräfte zu finden?

Die Fachkräftegewinnung ist ein sehr wichtiges Thema bei uns. Wenn wir es schaffen, die Leute hierherzuholen, ihnen die Region zu erklären – in Kombination mit der Attraktivität unserer Produkte, dann haben wir gute Chancen. Wenn die Arbeitsinhalte stimmen und das regionale Umfeld passt, kommen sie hier auch an. Und zudem sind wir hier näher an Mailand als an Köln, das ist ja auch nicht zu verachten.

Doch Marquardt expandiert nicht nur im schönen Rietheim-Weilheim.

Nein, wir entwickeln uns auch im Ausland weiter und gründen gerade unseren zweiten Standort in China. Der Grundstein ist gelegt, der Generalunternehmer verpflichtet. Wir bauen in Weihai, rund 1000 Kilometer nördlich von Shanghai, wo wir 1996 unsere erste Produktion in China aufgebaut haben. Wir wollen uns den chinesischen Markt vor allem mit Automotive-Produkten für die Elektromobilität erschließen. Wir glauben, dass die Zukunft der Elektromobilität in Asien schneller geschrieben wird als bei uns.

Was produzieren Sie in Weihai?

Vor allem Produkte für Elektroautos wie Batteriemanagementsysteme.

Im Laufe der Jahre ist Marquardt zu einem Automobilzulieferer geworden. 80 Prozent Ihres Umsatzes machen Sie mit solchen Produkten. Wie kam es dazu?

Bereits in den 80er-Jahren stellte Marquardt erste Spezialschalter für Automobilanwendungen her, der entscheidende Durchbruch gelang uns dann in den 90er-Jahren. Und das hatte unter anderem mit der damals sehr hohen Diebstahlquote von teuren Fahrzeugen zu tun. Von 100 Fahrzeugen wurden in der Hochphase mehr als zehn Autos gestohlen. Manchen Herstellern war das nicht ganz unrecht, denn jedes gestohlene Auto musste ja schnell ersetzt werden. Das führte allerdings dazu, dass die Versicherungsprämien dramatisch in die Höhe gingen. Die ganze Branche suchte damals nach einer technologischen Lösung für das Problem – uns hat man das dann zugetraut.

Was haben Sie gemacht?

Wir haben gemeinsam mit der damaligen Daimler-Tochter Temic in Markdorf, die heute zu Continental gehört, den elektronischen Zündstartschalter entwickelt. Das war etwas revolutionär Neues. Vorher war das mechanische System oft sehr einfach zu knacken – jeder kennt die Filme, in denen Diebe einfach zwei Drähte aneinanderhalten und losfahren konnten. Das geht nun nicht mehr. Nach dem Erfolg des Systems hat uns die Autoindustrie als ernst zu nehmenden Zulieferer wahrgenommen. Und inzwischen haben wir auch das weltweit sicherste System gegen sogenannte Relay-Attacken entwickelt, das es Dieben künftig unmöglich macht, die Signale des Funkschlüssels abzufangen, zu überbrücken und damit Autos zu knacken.

Wer war denn bei Marquardt der maßgebliche Entwickler?

In der Geschäftsführung war das damals mein Vater zusammen mit unserem heutigen Entwicklungschef Karl Müller. Daimler kannte uns als Hersteller von Schaltern, man hat uns als guten Mechaniker mit Potenzial gesehen. Doch mein Vater und Karl Müller haben damals Daimler überzeugt, das Projekt gemeinsam mit Temic stemmen zu können. Das Ergebnis war eine Erfolgsstory für alle Beteiligten.

1995 haben Sie einen Umsatz von 120 Millionen Euro erwirtschaftet, heute ist es das Zehnfache.

Unser Erfolg im Autosektor war der Auslöser für das exponentielle Wachstum. Seitdem kennt man uns – national und international.

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Wie hat sich Ihr Geschäftsbereich Elektrowerkzeugschalter entwickelt?

Vor dem Einstieg in den Autosektor waren wir ein weltweit aktiver Elektrowerkzeugschalter-Hersteller. Wichtigster Kunde war Bosch bei Elektrowerkzeugen und Bohrhämmern. Bosch wollte irgendwann aber zunehmend selber entwickeln und hat neue Märkte und Kunden gesucht. Daraufhin haben wir uns auf Gleichstromschalter konzentriert, die batteriebetriebene Elektrowerkzeuge mit hohen Leistungen schalten können – vor allem in den USA sind die begehrt, wo viele Häuser nur aus Holz zusammengeschraubt werden.

Dieses Geschäft wollte Bosch nicht machen?

Diesen Markt hat Bosch lange nicht erkannt, wir haben damals dann Black & Decker als Kunden gewonnen, die sich mit unseren Schaltern in ihren Werkzeugen einen Markt von jährlich einer Milliarde Dollar erschlossen haben. Diese Möglichkeiten haben wir Deutsche anfangs völlig unterschätzt. Das war eine andere Erfolgsstory. Aber die Elektrowerkzeugschalter bilden eine Marktnische – wir sind hier zwar Weltmarktführer und das einzig verbliebene Unternehmen, das nicht aus Asien kommt, aber die Preise sind in diesem Bereich extrem unter Druck.

Aber das müssten Sie ja mittlerweile aus dem Automobilbereich kennen.

Das stimmt, wir sind Wettbewerb gewohnt. Wir sind durch eine harte Schule gegangen und gehen auch weiter durch eine harte Schule. Aber unseren Markt konnten wir immer verteidigen.

Können Sie die Erfahrungen aus dem einen Geschäftsbereich für den zweiten nutzen?

Das Know-how, dass wir hohe Ströme in batteriebetriebenen Werkzeugen schalten können, prädestiniert uns heute, künftig als Hersteller von Batteriesteuergeräten ernst genommen zu werden. Die Kundschaft erkennt, dass wir in der Lage sind, diese beiden Themen zusammenzubringen.

Mit der Diesel-Problematik haben Sie nichts zu tun, die Schwierigkeiten mit dem autonomen Fahren müssen Sie nicht kümmern, dafür haben Sie fast 25 Jahre Erfahrung mit mobilen Stromquellen. Der Automobilzulieferer Marquardt muss keine Angst vor der Zukunft haben.

Die derzeitige Entwicklung spielt uns in die Karten, in der Tat.

Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach die Elektromobilität entwickeln?

Sie wird eine der Technologien der Zukunft sein. Doch der Hype, dem die Elektromobilität zurzeit unterliegt, ist ein bisschen übertrieben. Die Zukunft liegt im Mix. Hybridfahrzeuge gibt es schon, auch der Verbrenner wird in Zukunft noch seinen Platz haben. Zudem muss man sehen, trotz Milliardeninvestitionen in die Batterietechnologie ist die Technik noch nicht so nutzbar, dass sie auch für einen verwöhnten Endkunden ohne Einschränkung zu gebrauchen ist.

Sind die Unternehmen in Asien da weiter?

Man darf nicht unterschätzen, dass die Japaner, die Koreaner und mehr und mehr auch die Chinesen bereits jetzt mehr Know-how in der Batterietechnologie aufgebaut, aber trotzdem keine Quantensprünge gemacht haben. Es gibt chemische und physikalische Grenzen, die wir nicht einfach so überschreiten können. Das Beispiel der acht Zahnärzte, die in der gleichen Straße wohnen und abends ihre Teslas gleichzeitig laden und dabei das Stromnetz ihres Ortsteils zusammenbrechen lassen, spricht für sich.

Warum ist vor allem China so interessiert an der Entwicklung der Elektromobilität?

Die Chinesen haben eine Luftverschmutzung in den Megacities, die wir so nicht kennen. Wenn bei Sonnenschein die Sonne kaum zu sehen ist, weil sie sich hinter Smog und Abgasen versteckt, führt das zu einem Druck aus der Bevölkerung, das so schnell wie möglich zu ändern. Außerdem hat die chinesische Regierung ein großes Interesse daran, auch bei Zukunftstechnologien eine Rolle zu spielen. Bei den Verbrennungsmotoren – und da gehört die Dieseltechnik dazu – bauen deutsche Unternehmen das Beste, was weltweit möglich ist. Diesen Vorsprung aufzuholen, würde Jahrzehnte dauern. Deswegen ist es strategisch sehr geschickt, wenn man das Notwendige mit dem Wünschenswerten vereinigt und sagt, wenn ich die Luft schon sauber bekommen muss, warum mache ich das nicht gleich mit einer neuen Technologie, mit der ich auf dem Weltmarkt eine Chance habe, weil andere eben noch nicht so weit sind? Das ist der chinesische Ansatz.

Werden die Elektroautos künftig also alle aus China kommen?

Nein, denn die Chinesen werden das nicht alleine machen können. Sie brauchen westliche Technik. Ich denke, wir sollten das nicht als Bedrohung sehen, sondern als Chance, denn die Chinesen sind ja auch Kunden und wir bekommen mit unseren chinesischen Standorten Zugang zum chinesischen Markt.

Welche Rolle wird aus Ihrer Sicht in Zukunft der Diesel spielen?

Vor 20 Jahren hatten wir eine ähnliche Luftverschmutzung, da hat sich keiner drum gekümmert. Ich will das Problem nicht kleinreden. Aber wir Deutschen neigen manchmal zu Übertreibungen und dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Wenn man eine Technologie verdammt, sollte man immer auch überlegen, was danach kommt. Es wird einen Mix geben, die Elektromobilität wird kommen, sie wird schnell kommen, weil sie gerade in den Megacities erforderlich ist. Andere Technologien werden aber bleiben, weil sie im Gesamtmix Ökologie und Ökonomie – und dazu zähle ich auch die Dieseltechnik – nach wie vor eine wesentliche Rolle spielen. Für uns als Marquardt wird so viel übrig bleiben, dass unser Wachstum in Zukunft gewährleistet ist.

Bosch hat sich dazu entschieden, keine eigene Batteriezellenfertigung aufzubauen. Wie beurteilen Sie das?

Ich sehe das nicht so dramatisch und hätte genauso entschieden. Batteriefabriken in Asien entstehen mit hohen staatlichen Subventionen – Bosch hätte die Investitionen hier alleine stemmen müssen, insofern gab es von vornherein keine gleichen Ausgangsvoraussetzungen. Ich halte es für weise, nicht in eine Batterietechnik zu investieren, die sich seit Jahren kaum weiterentwickelt – wir sind ja noch nicht bei Festkörperbatterien. Eine solche Investition in ein Produkt mit hohen Risiken ohne staatliche Unterstützung bedeutet selbst für einen Konzern wie Bosch hohe Unwägbarkeiten. Umgekehrt wäre es ja so, als wenn Peking viele Milliarden in die Entwicklung von Verbrennungsmotoren stecken würde.

Seit Jahren klagen Unternehmer über die ungleichen Voraussetzungen von chinesischen und westlichen Firmen: Während sich Konzerne aus China ohne größere Probleme an westlichen Unternehmen beteiligen können, scheinen es westliche Konzerne in der Volksrepublik schwer zu haben. Was sind Ihre Erfahrungen?

Wir haben durchweg positive Erfahrungen gemacht. Das mag aber auch daran liegen, dass wir als Hidden Champion noch immer unter dem Radar der wahrnehmbaren Unternehmen laufen. Ich kann in keiner Beziehung etwas Negatives mit Blick auf Patentschutz, Marktzugänge, Kapitaltransfer oder die Behandlung sagen. Wir haben dort eine 100-prozentige Tochter gegründet, und das war und ist eine Erfolgsgeschichte – für uns, für unsere Mitarbeiter dort und auch für den chinesischen Staat.

Chinesische Unternehmen drängen vermehrt nach Europa und streben Beteiligungen an wichtigen Konzernen an. Müssen wir da aufpassen?

Wir müssen sicherlich nationale Errungenschaften staatlich schützen, wie es im gleichen Maße die Chinesen auch tun. Da sind wir nicht ganz auf Augenhöhe. Was ich aber auch gelernt habe, ist, dass man auch mit dem Gegenüber in China sprechen kann. Bei Investitionen in wichtige Technologien wie Zug- und Flugzeugbau fände ich es gut, wenn wir von staatlicher Seite genau draufschauen. Es sollte aber auch nicht so sein, dass dadurch Marktentwicklungen dauerhaft blockiert werden, denn häufig führt das zu „Nicht-Entscheidungen“ – und „Nicht-Entscheidungen“ führen dazu, dass ein anderer das Geschäft macht. Und damit ist keinem gedient.

Sie haben also keine Probleme mit Industriespionage?

Jein, Sie haben natürlich mit jedem Mitarbeiter, der Sie verlässt, einen potenziellen Know-how-Transfer. Und die Fluktuation in China ist höher als hier. Aber auch da gilt: Es sind alles Menschen, die auf Arbeitsinhalte, Zukunftsperspektiven, Anerkennung und das Gehalt achten. Wenn die Menschen sehen, dass sie sich verwirklichen können, dass sie etwas beitragen können zum Ganzen, dass ihr Einsatz honoriert wird, dann bleiben sie auch. Ich will nicht die heile Welt beschreiben, aber ich kann in dem Rahmen, in dem wir uns bewegen, nichts Negatives sagen. Aber ich bin auch nicht so blauäugig, dass ich nicht sehe, dass das Problem bei größeren Konzernen ein gravierenderes sein mag.

Warum durften Sie eine eigenständige Tochter gründen und mussten nicht ein Gemeinschaftsunternehmen mit einem chinesischen Partner aufbauen?

Wir waren klein genug, dass wir eine hundertprozentige Tochter gründen konnten. Der chinesische Staat wollte auch etwas von uns, er wollte, dass wir kommen. Wir hätten auch in ein anderes asiatisches Land gehen können. Es gibt Unternehmen, die genießen in China eine besondere Wertschätzung, der deutsche Mittelstand gehört da dazu. Und diese Wertschätzung vergrößert sich in dem Maße, in dem sich die USA nach außen isolieren.

Auch in den USA sind Sie seit Langem engagiert. Werden Sie nach der Steuerreform von US-Präsident Trump Ihr Engagement in den Vereinigten Staaten intensivieren?

Die USA haben für uns schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Über viele Äußerungen von Präsident Trump musste ich immer ein wenig schmunzeln, denn wir sind eigentlich das typische Musterunternehmen, das er sich wünscht. Wir haben seit 1981 eine Produktion dort, wir haben nie die Segel gestrichen, auch als wir in den roten Zahlen waren. Wir haben als deutsches Unternehmen in den USA so gehandelt, als wären wir in Deutschland. Wir haben in kritischen Zeiten zum Teil Personal angepasst, haben aber nie aufgegeben. Viele uramerikanische Unternehmen verlagerten dagegen in der Zeit der hohen Steuern und der günstigeren Produktionskosten im Ausland ihre Werke nach Asien und vor allem nach China, weswegen China über viele Jahre und noch immer die „Werkbank der Welt“ ist. Das lag aber nicht nur daran, dass China die Unternehmen begrüßt hat, es lag auch an der Ignoranz des Westens.

Was meinen Sie mit der Ignoranz des Westens?

Die Unternehmen waren nicht mehr bereit, in der Heimat zu investieren, das hatte mit vielen Dingen zu tun. Mit viel zu hohen Forderungen der Gewerkschaften, die Personalkosten stiegen deutlich schneller als die Produktivität. Diese Gefahr sehe ich gerade auch wieder für den Standort Deutschland. Es läuft nämlich gerade wieder vieles auseinander, und man kann die Bedenken nicht immer einfach abtun mit „Das können wir uns schon leisten“. Wir können es uns eben nicht leisten. Solche Bestrebungen führen zu einer Deindustrialisierung. In den USA liegt der Anteil nur noch bei 13 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt, in Großbritannien sind es elf Prozent, in Deutschland immerhin 23 Prozent.

Wie viele Menschen beschäftigen Sie in den USA?

Wir haben die Mitarbeiterzahl mal reduziert von 550 auf 350, nun sind wir bei über 600. Wir versuchen dort analog wie in Rietheim-Weilheim durch wertige Produkte die Personalkosten zu finanzieren. Das ist nicht die darwinistische Herangehensweise, die einem Unternehmer immer unterstellt wird – denn Sie können einen Produktionsstandort nur wettbewerbsfähig halten mit verdienten Mitarbeitern, deren Know-how und einem Zusammenhalt in der Belegschaft. Die USA versuchen gerade wieder solche Werke und Fabriken, die zuletzt ins Ausland verlagert wurden, zurückzuholen – und zwar aus guten Gründen. Denn Industrieunternehmen ziehen Dienstleistungen nach sich. Den Bäcker, den Frisör, den Metzger in Rietheim-Weilheim gibt es nicht nur, weil er die Gemeindemitglieder „füttert“, sondern eben auch, weil die vielen Mitarbeiter von Marquardt auf dem Nachhauseweg z.B. noch einen Laib Brot mitnehmen. Das eine bedingt das andere: Industrie ist ein wesentlicher Faktor für die Gesundheit der Dienstleistungsbranche.

Mit Donald Trumps Bestrebungen, Industrieunternehmen in die USA zurückzuholen, geht eine klare Abschottung des amerikanischen Markts einher. Wie sehen Sie diesen Protektionismus?

Das ist besorgniserregend, denn protektionistische Maßnahmen haben noch nie geholfen, es gibt immer mehr Verlierer als Gewinner. Betrachtet man Präsident Trumps Politik der vergangenen Monate aber genauer, sehe ich das besorgniserregende Element wiederum etwas entspannter, weil auch die amerikanische Regierung trotz der Machtfülle, die sie auf sich vereint, sieht, dass sie in der globalen Welt nicht alles alleine stemmen kann. Hätten wir vor einem halben Jahr noch geglaubt, dass es zu einem Treffen des nordkoreanischen Führers Kim Jong-un mit dem amerikanischen Präsidenten kommen könnte? Da hatte ich dann doch eher die Sorge, dass einer von beiden vorschnell den roten Knopf drückt. Man muss Präsident Trump ernst nehmen, das Für und Wider für alle Nationen auf den Tisch legen – und dann muss man schauen, dass man zu vernünftigen Lösungen für alle kommt.

Die Personalpolitik im Weißen Haus spricht da aber dagegen.

Die überrascht wirklich. Weder ein Politiker, noch ein Unternehmer kann und darf sich nicht nur mit Ja-Sagern umgeben. Wenn man sich nur mit Wirrköpfen mit abstrusen Ideen umgibt und denen auch noch zuhört, wird es gefährlich. Das besorgt mich mehr als die Diskussion um den Protektionismus. Man kann nur hoffen, dass die amerikanische Demokratie so stabil ist, dass sie das aushält.

Haben Sie als Unternehmer Kanäle, um auf die Politik in den USA einzuwirken?

Wir haben gute Kanäle in Upstate New York, dort wo unser Werk ist, aber das darf man nicht überbewerten. Politiker wollen immer das Leben der Menschen besser gestalten – und das geht natürlich am besten mit gut bezahlter Arbeit, aus diesem Grund hören sie uns zu. Aber eben nicht mehr.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Unternehmenschef? Äußern Sie sich politisch?

Ich denke, dass man, wenn man gute Argumente hat, diese in der Öffentlichkeit vertreten kann und vertreten soll. Deshalb engagiere ich mich seit Jahrzehnten auch im Arbeitgeberverband Südwestmetall. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass nicht jeder Unternehmer jeden Tag einen neuen Wunsch an die Öffentlichkeit und an die Politik richten soll. Man muss sehen, dass es die Politik auch nicht immer einfach hat. Ich bin ein Freund der repräsentativen Demokratie, die davon lebt, dass man Dinge erst mal über Verbände, vielleicht auch einmal im kleinen Kreis bespricht, abwägt und dann versucht, vernünftig weiterzutreiben. Alles andere führt zu Verunsicherung.

Im Moment investieren Sie an Ihrem Hauptsitz in Rietheim-Weilheim. Wie wird sich der Standort entwickeln?

Wir wollen grundsätzlich wachsen, der Stammsitz unterliegt seit Jahren einer qualitativen Aufwertung. Das bedeutet, dass die einfachen Tätigkeiten zu meinem Bedauern hier nicht mehr wettbewerbsfähig genug sind. Das sind die Tätigkeiten für Leute ohne Ausbildung, die aber sehr wohl eine Arbeitsberechtigung haben – sie verrichten Montagetätigkeiten und bauen Schalter zusammen. Noch sehen wir bei uns viele Frauen, die im Schichtdienst bei uns beschäftigt sind und denen ich hohen Respekt entgegenbringe. Sie können dabei ihren Haushalt führen, sich um ihre Kinder kümmern. In der Metall- und Elektroindustrie kommt man auch ohne Ausbildung auf einen guten Lohn.

Und das ist nun vorbei?

Dieser gute Lohn wurde durch die ignorante Einstellung der Gewerkschaften leider sehr teuer gemacht. Zu dieser Aussage stehe ich. Man wollte als Luxusgewerkschaft lieber den Mitgliedern dienen, als auch unqualifiziertere Kollegen „mitzunehmen“. Insgesamt hat das dazu geführt, dass Ungelernte bei uns in der Region keine Chance mehr haben, einen vergleichsweise immer noch gut bezahlten Job zu bekommen. Die Unternehmen verlagern die einfache Arbeit aus Wettbewerbsgründen mehr und mehr ins Ausland und ersetzen die Tätigkeiten durch hochwertige Ingenieurs- und Technikertätigkeiten. Das tut mir persönlich leid, ist aber Fakt. Das führt bei uns zwar insgesamt immer noch zu Mitarbeiteraufbau, aber die Struktur ändert sich.

Bei der Präsentation der Jahreszahlen nannten Sie den Gewinn „zufriedenstellend, aber angespannt“. Was bedeutet das?

Angespannt deshalb, weil wir zwar Gewinn machen, der aber jedes Jahr unter Druck ist, da wir uns zu jährlichen Preisnachlässen bei unseren Kunden verpflichten müssen. Wenn wir einen Auftrag annehmen, müssen wir schon heute Preisnachlässe für die nächsten fünf Jahre gewähren. Und jeder Preisnachlass baut auf dem vorherigen auf – der erzielte Preis wird also schrittweise abgebaut. Gleichzeitig haben wir eine Ungewissheit, was die Personalkostenentwicklung angeht. Wir mussten einem viel zu teuren Tarifabschluss zustimmen, er ist schädlich für den Standort Deutschland, insbesondere für Baden-Württemberg. Leider ist das Verhältnis Gewerkschaft Arbeitgeberverband nicht mehr auf Augenhöhe, wir sind dramatisch erpressbar und müssen uns überlegen, wie wir wieder auf Augenhöhe kommen. Unsere Renditen leiden auch wegen teureren Rohstoffen und Bauteilen. Das alles können wir nicht sofort auffangen durch innovativere Produkte und Produktivitätszuwächse. Das Ergebnis war 2017 zwar da, aber es ist eben angespannt.

Aber werden Sie denn dann 2018 schwarze Zahlen schreiben?

Es ist schön, dass die Träne in meinem Auge zu sehen ist, aber ich gehe davon aus, dass wir auch 2018 schwarz schreiben – nicht schwarz sehen!

Im Zuge der Abgaskrise hat Volkswagen noch einmal außer der Reihe Rabatte gefordert. Auch von Ihnen?

Über einzelne Kunden sprechen wir nicht. Aber gehen Sie davon aus, dass jeder Kunde gerne auch unterjährig das Wort Preisnachlass in den Mund nimmt und dabei unglaublich innovativ mit seinen Argumenten ist.

Marquardt ist ein Familienunternehmen. Wie sieht die Gesellschafterstruktur genau aus?

Wir haben zwei Familienstämme, beide halten 50 Prozent. Innerhalb der Stämme sind die Anteile sehr unterschiedlich, aber das halten wir geheim.

Sie führen das Unternehmen in der dritten Generation. Wird auch ein Mitglied der vierten Generation irgendwann die Geschäftsführung übernehmen?

Wir haben relativ restriktive Gesellschaftsverträge, ein Kandidat oder eine Kandidatin muss nicht nur eine gewisse Ausbildung und einen gewissen Abschluss haben, die Person muss sich auch in fremden Unternehmen profiliert haben. Da ist es noch zu früh, etwas zu sagen, aber es gibt zumindest Vertreterinnen und Vertreter der vierten Generation, die dafür ganz gut gelungen wären. Ob sie das Interesse, ob sie den Willen und die Bereitschaft haben, kann ich noch nicht sagen. Vom Grundsatz her wollen wir ein Familienunternehmen bleiben. Das ist unser Erfolgsrezept, das wollen wir bewahren.

Wie schwer ist es Ihnen damals gefallen, die Verantwortung für Marquardt zu übernehmen?

Bei mir war es immer mehr Lust als Last. Aber selbstverständlich gibt es immer Situationen, in denen ich sage, ich hätte ja auch etwas „Anständiges“ lernen können.

Was ist Harald Marquardt für ein Mensch?

Das Wichtigste ist, er ist ein Mensch – und auch ein nahbarer. Der aber auch durchaus um die Härte des Geschäfts weiß und auch zu kämpfen gelernt hat. Die Zahl meiner Hobbys ist begrenzt, mein Haupthobby ist zum Leidwesen meiner Familie das Unternehmen Marquardt. Insofern bin ich wohl ein typischer Familienunternehmer.

Autozulieferer vollständig in Familienhand

Harald Marquardt führt den Automobilzulieferer Marquardt in dritter Generation. Gegründet haben das Familienunternehmen 1925 zwei Männer namens Johannes Marquardt, die nicht miteinander verwandt waren. Das Unternehmen stellt elektromechanische Komponenten, Schalter und Sensoren für die Autoindustrie und Elektrowerkzeugproduzenten her. Der Umsatz belief sich im Jahr 2017 auf rund 1,2 Milliarden Euro, 80 Prozent davon kam aus dem Automobilbereich. Das Unternehmen ist profitabel, den Gewinn nennt der Enkel des Firmengründers nicht. Weltweit beschäftigt Marquardt an 19 Standorten mehr als 10 000 Menschen, davon 2400 am Stammsitz in Rietheim-Weilheim(Kreis Tuttlingen). Die Zahl der Beschäftigten stieg im vergangenen Jahr um mehr als zehn Prozent. In Rietheim-Weilheim baut Marquardt zurzeit ein neues Entwicklungszentrum für rund 30 Millionen Euro, in dem von Frühjahr 2019 an 600 Ingenieure und Techniker arbeiten sollen. Am heutigen Freitag ist Richtfest. (ben)

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