„Krieg war nicht nur Männersache“

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 Thorsten Buhl auf dem Soldatenfriedhof im französischen Proyart.
Thorsten Buhl auf dem Soldatenfriedhof im französischen Proyart. (Foto: Privat)
Schwäbische Zeitung

Am 11. November jährt sich der Waffenstillstand von Compiègne und damit das Ende des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Der Krieg voller Brutalität und Tod hinterließ auch seine Spuren im Landkreis Tuttlingen. Der Hobbyhistoriker Thorsten Buhl aus Renquishausen setzte sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinander, ging in seiner Heimat Renquishausen auf Spurensuche und fasste seine Ergebnisse in einem Buch zusammen. Am Samstag, 17. November, stellt er es im Renquishausener Bürgerhaus vor. Mit Redakteurin Marilena Berlan sprach er über sein Buch.

Herr Buhl, wie kamen Sie dazu, sich dem Thema Erster Weltkrieg – insbesondere in Bezug auf Renquishausen – zu widmen?

Schon seit meiner frühesten Kindheit kenne ich das Kriegerdenkmal in Renquishausen und die darauf erwähnten Namen der gefallenen Krieger von 1914 bis 1918. Ich sah mir die Namen im Detail an und habe versucht, die Männer „kennenzulernen“, sprich sie ihren Familien und den heute noch lebenden Verwandten zuzuordnen, Fotos und Sterbebilder aufzutreiben und mehr über ihr tragisches Schicksal zu erfahren. Meine Recherche erstreckte sich im weiteren Verlauf auf weitere Renquishausener Soldaten, unter ihnen mein Urgroßvater Raphael Rack, von dem ich im Fotoalbum meiner Mutter eine Feldpostkarte aus dem Lazarett in Ludwigsburg von 1915 entdeckte. So nahm alles seinen Lauf. Geschichte findet nicht nur in Hauptstädten, auf großen Schlachtfeldern oder in Schlössern und Burgen statt, sondern genauso in Renquishausen auf dem Heuberg, früher wie heute

Wie haben Sie das in Ihrem Buch dargestellt?

Ich beginne das reich bebilderte Buch mit einem kurzen Einblick in das Militär des Wilhelminischen Kaiserreichs, mit der Mobilmachung und dem Marsch an die Fronten. Anschließend begleite ich die Leser auf eine Reise zu den Schauplätzen des Krieges, an den Renquishausener Soldaten gekämpft haben, verwundet oder gestorben sind. Neben ihren Schicksalen finden sich die Leser zwischendurch in der Heimat wieder, um zu erfahren, was die Daheimgebliebenen in dieser entbehrungsreichen Zeit erleben, erdulden und erleiden mussten. Um die damalige Generation lebendig zu veranschaulichen, finden sich im Anhang Porträts von Renquishausener Frauen aus der Zeit zwischen 1890 und 1914. Denn Krieg war nicht nur Männersache. Diese Ausgabe der Buchreihe von „We’s selmol war…“ basiert auf einem der traurigsten Kapitel aus dem Leben unserer Vorfahren, dem viel Negatives anhaftet. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, den Erinnerungen an das Geschehene eine Zukunft zu geben. Meine Kapitel sollen auch vor Augen führen, wie wertvoll ein friedliches Miteinander sowie ein vielfältiges Europa ist und die Möglichkeit bieten, aus der Geschichte eine Lehre zu ziehen.

Wie lange haben Sie an Ihrem aktuellen Werk geforscht?

Intensiv seit Mitte 2017 mit dem Ziel, mein neues Buch zum 100. Jahrestag des Kriegsendes zu veröffentlichen.

Wo haben Sie nach geschichtlichem Material gesucht?

Ausgangspunkt war meine Heimatgemeinde, wo ich die Dorfbewohner nach Geschichten und Dokumenten befragte und tatsächlich noch Vieles die Zeit überdauert hat. Neben Antiquariaten, dem Internet und Archiven in Tuttlingen, Rottenburg und Stuttgart habe ich mich auf die weitere Reise begeben. Einerseits in die nähere Umgebung, zum Beispiel auf den Truppenübungsplatz Heuberg nach Schwenningen, wo zu Beginn des Ersten Weltkriegs Hunderte von Soldaten ausgebildet und von dort an die Front geschickt wurden. Mit den gesammelten Erkenntnissen reiste ich dann an Kriegsschauplätze nach Belgien und Frankreich und machte mir ein Bild davon.

Was ging Ihnen durch den Kopf als Sie die Kriegsschauplätze besichtigten?

Auf dem Weg ins französische Verdun passierte ich einen amerikanischen Soldatenfriedhof mit tausenden von kleinen, weißen Steinkreuzen und dort setzte ein beklemmendes Gefühl ein, das mich die ganze Reise nicht mehr losließ. Emotional betroffen war ich im Argonnerwald, wo ich den Brief des Soldaten Jakob Tribelhorn nochmals las, den er zwei Tage vor seinem Tod verfasste und an seine Eltern schickte. Auch mein Großonkel Konrad Buhl aus Mühlheim fiel dort 1915 im Alter von 26 Jahren. Unzählige junge Männer mussten damals sinnlos als Kanonenfutter herhalten und ihr Leben lassen. Mir wurde bewusst, wie selbstverständlich wir heute grenzenlos von Österreich durch Deutschland nach Belgien und Frankreich reisen, uns in Fremdsprachen verständigen, die wir in der Schule lernen, eine einheitliche Währung nutzen und in Frieden leben. Trotzdem ist es erschreckend, wie wir 100 Jahre später wieder Demokratie und Freiheit verteidigen müssen.

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