Tradition: Hengster startete vor 165 Jahren

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Dieses historische Foto zegt, wie es früher im Montagesaal von Hengstler ausgesehen hat.
Dieses historische Foto zegt, wie es früher im Montagesaal von Hengstler ausgesehen hat. (Foto: Aldinger Chronik)
Schwäbische Zeitung
Eric Zerm

Ein gutes Stück Industriegeschichte verkörpert die heute noch in Aldingen ansässige Firma Hengstler. Deren Wurzeln reichen bis ins Jahr 1846 zurück. In diesem Jahr gründete der Uhrmachermeister Johannes Hengstler ein Geschäft zur Herstellung von Uhrentonfedern.

In der „Aldinger Chronik” heißt es darüber: Hengstler „war damals 28 Jahre alt und hat vermutlich die Anregung zu diesem Gewerbe auf der Wanderschaft erhalten, als er mit einem Schramberger Uhrmacher zusammentraf.” Im gleichen Jahr heiratete er Anna Hauser. In einer Werkstatt hinter dem Haus der Hausers in der Hauptstraße 61 begann Hengstler mit der Produktion.

Am 17. Oktober 1856 kam Hengstlers Sohn zur Welt, der ebenfalls den Namen Johannes bekam. Nach einer guten Schulbildung in der Realschule in Spaichingen und einer Schlosserlehre unterstützte er seinen Vater bald. Er arbeitete sowohl in der Tonfedernmacherei als auch im Verkauf.

Als Henstler Junior 1887 Katharine Rath heiratete, war bereits mehrfach eine Vergrößerung der Werkstatt nötig geworden, „um außer den Familienangehörigen auch fremde Arbeitskräfte beschäftigen zu können”, so die „Aldinger Chronik“. 1893 übernahm Johannes Hengstler Junior das Unternehmen ganz, nachdem sein Vater gestorben war.

Die „Aldinger Chronik“ weiter: „Dieser war bald in der Schwarzwälder Uhrenindustrie gut bekannt und lieferte Ware häufig selbst ab, wobei er gar oft statt Bargeld allerlei Manufakturwaren für die Familie nach Hause brachte, weil die Kunden teilweise noch Ladengeschäfte unterhielten und mit den kleinen Lieferanten Gegengeschäfte machen wollten.”

Über lange Jahre arbeiteten bei Hengstler vor allem die eigenen Familienangehörigen. „Dann folgten Männer aus angestammten Aldinger Familien.“

Zur Jahrhundertwende hatte sich Hengstler nicht nur in der heimischen Uhrenindustrie einen Namen gemacht. Die „Aldinger Chronik“: „Es wurden auch schon Tonfedern nach Schlesien, Berlin und auch ins Ausland geliefert. Ein besonders guter Kunde war damals Russland, von wo die Abnehmer vielfach persönlich nach Aldingen kamen, um die Aufträge abzuschließen. Auch Paris und Italien erhielten Tonfedern von Aldingen, ja manche Lieferungen erfolgten sogar nach Japan.”

1898 hatte Hengstler Junior in der Hauptstraße 69 sein erste Fabrik neu gebaut. Den Tonfederdraht bezog Hengstler damals vielfach waggonweise. „Um die Jahrhundertwende wurden auch die ersten Stabgongs angefertigt.” Ein Stabgong besteht laut Internetlexikon Wikipedia aus zwei, drei, vier oder acht geraden Stäben, die in einem Massestück gelagert sind, das direkt am Uhrengehäuse befestigt ist. Zur Herstellung ist ein gutes musikalisches Gehör nötig. Die Firma “Hengstler” war zunächst die einzige, die solche Gongs herstellte, „und als man später in Großuhren, insbesondere Hausuhren, nur noch Stabgongs einbaute, kamen in der Blütezeit dieser Industrie auch waggonweise Lieferungen an die Kunden vor.“

Energie spendet ein Motor

Für die nötige Energie in der Fabrik sorgte zunächst ein 3-PS-Otto-Motor, später ein 12-PS-Saugmotor. Der war stark genug, um neben der Hengstler-Fabrik auch noch die gegenüberliegende Filiale der Trossinger Harmonikafabrik „Andreas Koch“ mit Strom zu versorgen.

1912 nahm Hengstler die Herstellung von Schrauben, Drehteilen und Muttern in sein Produktportfolio auf. Die Technik der „Zählapparate“ brachte Wilhelm Müller, Bruder von Hengstlers Schwiegersohn Ernst Müller, in die Firma mit ein. Im Laufe der Jahrzehnte folgten Drucker, Abschneider, Relais und Drehgeber.

Heute sind nach Firmenangaben der Hengstler GmbH zusätzlich Regler sowie Längen- und Winkelmess-Systeme im Programm. Seit 1995 gehört Hengstler zur amerikanischen Danaher-Gruppe mit Sitz in Washington D.C.. Hauptgeschäftsbereiche von Danaher sind Werkzeuge und Komponenten sowie Prozess-Steuerungs- und Umwelttechnologie. Zu diesem letzten Bereich gehört Hengstler.

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