„Selbstjustiz kann nicht geduldet werden“

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 Eine Bewährungsstrafe erhielt der Vater, der den mutmaßlichen Vergewaltiger seiner Tochter anfuhr.
Eine Bewährungsstrafe erhielt der Vater, der den mutmaßlichen Vergewaltiger seiner Tochter anfuhr. (Foto: Michael Hochheuser)
sbo und Jasmin Cools

„Selbstjustiz kann nicht geduldet werden. Das Urteil soll ein deutliches Zeichen dafür sein“, hat Richter Karl-Heinz Münzer in der Verhandlung wegen versuchten Totschlags am Rottweiler Landgericht klargestellt. Angeklagt war ein 43-Jähriger, der den Vater seiner Enkelin am 13. August 2018 in der Rottweiler Königstraße absichtlich mit dem Auto vom Fahrrad gestoßen haben soll, um ihn daraufhin zu verprügeln. Hintergrund der Tat war eine vermutete Vergewaltigung seiner Tochter, in deren Folge diese schwanger geworden war (wir berichteten). Nun wurde der Angeklagte wegen gefährlicher Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt. Zudem bekommt er zwei Monate Fahrverbot.

Der 43-Jährige sei ein traditioneller, konservativer Mann. Der Verdacht der Vergewaltigung durch einen 43-jährigen Mann und die daraus resultierende Schwangerschaft seiner damals 16-jährigen Tochter habe ein Ohnmachtsgefühl in ihm ausgelöst, rekapitulierte Richter Münzer die Ergebnisse der bisherigen Verhandlungstage. Der Angeklagte sei nicht mit den neuen Begebenheiten klar gekommen und habe an einer sogenannten Anpassungsstörung gelitten.

Dass die mutmaßliche Vergewaltigung nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden konnte und der Vater des Kindes freigesprochen wurde, habe diese verstärkt. Dass er die Regierung für alles verantwortlich gemacht habe, zeuge von seinem geringen Rechtsverstand, meinte Münzer.

So habe er sich in einer emotionalen Ausnahmesituation – „fix und fertig in dieser Lebensphase“ – befunden, als er am 13. August das Opfer auf dem Fahrrad entdeckte. Spontan habe er das Lenkrad nach links gerissen und den Radfahrer mit mindestens 25 Stundenkilometern touchiert, so dass dieser stürzte. Eine Tötungsabsicht unterstellte die Kammer dem Angeklagten dabei nicht. Er habe den Mann stoppen, ja, ihm eine Abreibung verpassen wollen. Dank des technischen Sachverständigen sei auch nachweisbar gewesen, dass der Angeklagte spätestens bei der Kollision gebremst habe.

Auch wenn es eine Kurzschlussreaktion gewesen sei, so hätten dem Angeklagten die Folgen klar sein müssen. „Jeder weiß, wie gefährlich es ist, einen Radfahrer, der zudem keinen Helm trägt, anzufahren“, meinte Münzer. Und auch wenn die Steuerungsfähigkeit des 43-Jährigen beeinträchtigt war, habe er trotzdem abwägen können.

Als strafmildernd wurden das Geständnis, der spontane Tatentschluss, die Einsicht und die Entschuldigung gewertet. Die sechswöchige Untersuchungshaft habe bei dem 43-Jährigen Spuren hinterlassen. Die Annahme einer Vergewaltigung zähle derweil nicht als Milderungsgrund. So einen Fall gelte es rechtsstaatlich zu klären, so Münzer.

Bei der Frage nach der Entziehung der Fahrerlaubnis habe sich die Kammer besonders schwer getan. Trotz der groben Verkehrswidrigkeit habe überwogen, dass der Angeklagte heute nicht mehr an einer Anpassungsstörung leide und daher keine Wiederholungsgefahr bestehe. So wurden lediglich zwei Monate Fahrverbot als Denkzettel angeordnet.

Zudem soll der Angeklagte 60 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und mit einem Bewährungshelfer seine „enormen Defizite in Bezug auf das Verständnis eines Rechtsstaates“ aufarbeiten.

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